Hinter Glas

Yuri Temirkanov und die St. Petersburger Philharmoniker zu Gast in Berlin

Von Sascha Krieger

Risiko und Tourneekonzerte passen bekanntlich nicht so recht zueinander. Ist ein Orchester unterwegs, ist da immer auch eine Marketingmaßnahme, will man internationale Zuhörer dazu bringen, nicht nur eine Kate, sondern vielleicht auch die eine oder andere Aufnahme zu erwerben. Also setzen die meisten auf gut geprobte und populäre Programme, die möglichst viele Besucher in den Saal holen. Spielt man dann noch in einer Stadt wie Berlin mit ihrem kulturellen Überangebot, ist es umso wichtiger, mit beliebten Werken Aufmerksamkeit zu erzeugen. Die St.Petersburger Philharmoniker, denen der aus dem Kaukasus stammende Yuri Temirkanow nun schon seit 27 Jahren als Nachfolger des legendären Jewgeni Mrawinski vorsteht, kennen das Spiel sehr gut, gerade für russische Orchester sind Tourneen ein zentrales Einnahme- und Marketinginstrument. Da ist man schon dankbar, wenn einmal nicht der unvermeidliche Tschaikowski auf dem Programmzettel steht. Aber auch Johannes Brahms‘ Violinkonzert und Ludwig van Beethovens dritte Sinfonie „Eroica“ sind nicht gerade riskante Werke. Da braucht es vielleicht auch nicht mehr als einen eleganten, geschliffenen Klang und präzises Spiel, um das Publikum zufriedenzustellen. In der Berliner Philharmonie funktioniert das ganz gut.

Yuri Temirkanov, seit 1988 Chefdirigent der St. Petersburger Philharmoniker (Foto: Stas Levshin)

Yuri Temirkanov, seit 1988 Chefdirigent der St. Petersburger Philharmoniker (Foto: Stas Levshin)

Über etwaige Interpretationen der werke ist wenig zu sagen, denn sie finden schlicht nicht statt. Temirkanov hat die Zügel fest in der Hand, schnürt das Orchesterspiel in ein engen Korsett ein, das zwar für Kantenschärfe und einen vollen, wuchtigen, Streicher- und paukendominierten Klang sorgt, der Musik aber eben auch weitgehend die Luft abschnürt. Dirigent und Orchester ersterzen Kraft durch Wichtigkeit, zimmern die Werke mit dramatischer Schwer auf das Philharmonie-Parkett, setzen opake Klangblöcke ab, die wenig Raum für Variabilität oder gar Zwischentöne bieten. Da wird das Ganze zu einem technisch perfekten, wenn auch zuweilen fast übertrieben detailscharfen Einerlei, das nett anzuhören ist, aber auch etwas Museales hat. Es ist, als würde uns die Musik wie ein Ausstellungsstück präsentiert, das man aus einiger Distanz durch eine Glasscheibe bewundert, aber schnell wieder vergessen hat, wenn man vor der nächsten Vitrine steht. Leider passt sich die Solistin Julia Fischer diesem Gestus an. Ihr Spiel ist technisch fabelhaft, jedoch ist keinerlei Ausdruckswille zu spüren. Alles ist einen Tick überbetont, das gesanglich Lyrische wie das kraftvoll Treibende, und wird so gleichermaßen zur Behauptung. Sie lässt keine Brüche, keine Stille, keinen echten Schwung zu. Da ist – wie beim Orchester – nur Technik, aber keine spürbare Auseinandersetzung mit dem Werk.

Das ist beim Brahms so, bei dem sich der Wiederstreit von klassischer Form und romantischem Ausdruck auf einen irgendwie russisch anmuten sollenden dunklen Schönling reduziert, der Ausdruck und Kraft nur vortäuscht. Und das ist beim Beethoven nicht anders. Feierliche Strenge legt sich über das Werk und erstickt so ziemlich alles, was sich dem entziehen könnten, wie sich am Beispiel der Holzbläser im Finale scherzhaft hören lässt. D können auch die nicht gerade schleppenden Tempi keine Spannung erzeugen, bleibt die „Eroica“ ein kurioses Artefakt, das wir gern anschauen, uns aber nicht viel zu sagen hat. Wenn sich dann wie etwa beim Hornmotiv des dritten Satzes noch Unschärfen einstellen, droht der Einheitsbrei gänzlich belanglos zu werden. Auch wenn sich das Orchester schnell wieder fängt, bleibt doch ein Abend, der Musiker wie Publikum unterfordert und dem vor allem vorzuwerfen ist, dass er gegenüber den zweifellos großartigen werken, die auf seinem Programm stehen, keinerlei Neugier verrät. Und annehmen lässt, dass die Beteiligten das Publikum nicht recht ernst nehmen. Was nicht unbedingt für sie spricht.

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