Die im Konfettiregen stehen

Theatertreffen 2015 – Nach dem Film von Thomas Vinterberg und Mogens Rukov: Das Fest, Schauspiel Stuttgart (Regie: Christopher Rüping)

Von Sascha Krieger

Ein 60. Geburtstag, der älteste Sohn bringt einen Toast auf den Vater aus. Er spricht ruhig, emotionslos, würdigt den Vater, erzählt aus der Kindheit, von den vielen Malen, die der Vater ihn, den Sohn, und seine Schwester, die nicht lange vor diesem Fest Selbstmord beginn, missbrauchte, vergewaltigte. Da ist keine Änderung im Tonfall, nichts verändert sich, die Familie, der Vater, lauschen so andächtig wie vorher. Und doch ist alles anders. Es ist der Schlüsselmoment in Thomas Winterbergs Film Das Fest, dem ersten und wohl auch besten der dänischen Purismusbewegung Dogma 95, und er ist es auch in Christopher Rüpings so gänzlich anderer Bühnenadaption am Schauspiel Stuttgart. Das Kammerspiel von Verdrängung, Schweigen und gewalttätiger Jagd auf den Nestbeschmutzer – es wird unter Rüpings Händen zum großen, bunten Diskurs über die narrativen Techniken, auf denen der zentrale Mythos unserer Gesellschaft fußt, jener von der Familie als Keimzelle, Schutzraum, Zuhause. Er beginnt mit sechs in Grau gekleideten Schauspielern, die am Bühnenrand Mitverschwörern, die das Publikum sind, die Geschichte der Familie vortragen, um die es geht. Von der Steinzeit reicht sie ins Heute, eine Geschichte der Pioniere, der Vordenker und Kämpfer, der Visionäre und Widerständen, der Forschenden und Mutigen. Die gerade nicht sprechen stellen die Stationen bildlich nach zu einer grotesken, albernen, ironischen Parodie auf eine Geschichte, die die Identität des Einzelnen aufzubauen sucht auf dem Verschweigen der dunklen Seiten.

Foto: JU_Ostkreuz

Foto: JU_Ostkreuz

Grell ist die Harmoniebehauptung jener Bilderbuchfamilie, krampfhaft und stets einen Tick zu fröhlich wird die Fassade aufrecht erhalten, alles ist nett und angenehm, nichts ist echt. Identität stiften übergroße Pullover, auf die die Initialen der Protagonisten gedruckt sind. Später, wenn sich die Familie müht, das verbindende Narrativ durch den Ausstoß des störenden Christian zu erhalten, werden sich die Väter und Brüder multiplizieren und den Störenfried isolieren. Immer wieder werden die unzähligen Tische auf der Bühne umgeworfen und wieder zusammengestellt zu immer neuen Ordnungen, die am Ende doch nicht halten können. Konfetti regnet, man singt „Stand by Your Man“ und „Father and Son“ – letzteres in einer der verstörendsten Szenen des abends. Gerade noch hat der Vater seinen Sohn ruhig und besorgt befragt, wie er denn auf die Anschuldigungen käme, wobei das einsetzende Rotlicht einen eigenen Kommentar beisteuerte, da findet sich der Sohn im Versuch alles wieder gerade zu rücken, die Ordnung wiederherzustellen hilflos wieder in einem Karaoke-Duett, das frösteln macht. Immer wieder werden die Christians vom Aufklärermodus zurückkippen in das Harmoniekonstrukt der Familienbande, erweist sich das kollektive Narrativ als zu stark, ihm ganz zu entkommen.

Grell ist der Abend, komisch, grotesk, doch es ist ein fratzenhaftes Gesicht, das er zeigt: im aggressiven Hass des Bruders, der tattrigen Verantwortungsflucht des Großvater, der schnell in grausame Kälte umschlagenden Fürsorge der Mutter, der verbissenen Harmonieseligkeit der Schwester. Ob sie dem Außenseiter physisch zu Leibe rücken oder ihm aus dem Hintergrund als Mikrofon-verstärkter Chor der Tabubewahrer begegnen: Rüping zeichnet ein Bild kollektiver Erzählung, die sich selbst bewahren muss, um dem Einzelnen Bedeutung, ja, Identität zu verleihen. Die Familie als Ursprungs- und Rückzugsort, sie ist hier ein Käfig, der den Einzelnen gefangen hält und ihm vorspielt, dass es kein Draußen gäbe, dass er außerhalb dieser Mauern nichts sei. Am Ende, der Abschiedsbrief der Schwester ist gefunden, der Vater kurz davor zu gestehen, zieht sich einer der Schauspieler alle Pullover, alle Identitäten an, während sich ein anderer entkleidet und mit Konfetti entdeckt. Das nackte Ich, es ist Fiktion, die Spuren des mörderischen familiären Narrative bleiben kleben. Da gibt es keine Erlösung, blättert die Schande des Vaters nur ein neues Kapitel auf. Christopher Rüping hat einen bunten, unterhaltsamen, komischen Abend geschaffen, an dem der Zuschauer lange zu kauen hat. Das Lachen bleibt im Halse stecken, die Fratze der guten Laune grinst höhnisch. Konfettiregen war noch nie so verstörend.

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Ein Gedanke zu „Die im Konfettiregen stehen

  1. Sehr gute und intensive Produktion. Hab es in Stuttgart gesehen!

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