Die Kunst des Zuhörens

Mariss Jansons dirigiert die Berliner Philharmoniker

Von Sascha Krieger

Eigentlich eine Dramaturgie wie aus dem Bilderbuch: Am 11. Mai wählen die Berliner Philharmoniker ihren neuen Chefdirigenten ab 2018, am 9. und 10. Mai dirigiert sie der Mann, der als eine Art Konsenskandidat gilt. Der Lette Maries Jansons hat keine Gegner, keine Feinde, nur Bewunderer. Und dann das: Kurz vor dem Wahl, schon während der Proben, gibt der Bayerische Rundfunk bekannt, dass Jansons beim dortigen Symphonieorchester bis 2021 verlängert hat (sein bisheriger Vertrag lief bis 2018).Da bekannt ist, dass die Berliner ihren Chef allein für sich haben wollen, scheidet Jansons damit praktisch aus. Auch das ist ein Statement, wie es zu diesem bescheidenen Mann, der der vielleicht größte Dirigent seiner Generation ist, passt. Dabei ist Jansons ein Meister der Vielfalt, der Zwischentöne, der subtilen Ausformungen, der musikalischen Tiefenanalyse – alles Eigenschaften, die auch die Berliner auszeichnen. Exemplarisch ist das bei seinem letzten Gastspiel zu hören: Wie er den Beginn von Béla Bartóks Musik für Saiteninstrumente aus der Stille hervorlockt, die Streicher zu einem fragilen, rätselhaften Schweben bringt, ist einzigartig. Ganz behutsam bringt er den Kopfsatz zum Leben, ohne im Klimax den Triumph zu suchen, und führt ihn ebenso sacht wieder zurück in die Stille aus der er kam, eine durch und durch musikalische Meditation.

Mariss Jansons (© Bayerischer Rundfunk)

Mariss Jansons (© Bayerischer Rundfunk)

Wie überhaupt Jansons‘ Ansatz hier ein musikalischer ist: Aufgewühlt der zweite Satz, die Themenarbeit der Streicher erinnre ein wenig an wortlosen Sprechgesang, der Stereoeffekt der beiden Streicherblöcke steht stets im Mittelpunkt – mal dialogisch, mal einander verstärkend. Der Klang ist schlank, aufs Wesentliche reduziert, lässt die Musik in aller Reinheit zu uns sprechen, statt sie zu verstärken. Ein wahrhaft atemberaubendes Wechselspiel zwischen klanglich dichter, untergründiger Nachdenklichkeit und lichtem, fast sonnigem Pizzicato entfaltet sich im dritten Satz. Dominiert von einem suggestiven Streicherklang, legt Jansons die Vielfarbigkeit dieser Musik nach und nach offen, nicht ohne klare und auch harte Zäsuren zu setzen: ein vielgewichtiger und verästelter Satz. Das Finale hat viel Zug, der Klang wird heller, kippt mitunter ins scharfe, die Rhythmik wird dominanter und schiebt sich doch nie über die musikalische Ebene. Am Ende steht ein voller, opulenter Streicherklang, unter dem der Rest des Orchesters brodelt. Bartóks Werk ist hier ein schlummernder Vulkan, von dem man nicht weiß, ob, wann und wie stark er ausbricht. Die Musik erscheint hier als Rätsel, das in all seinen Facetten darzustellen viel spannender ist, als zu versuchen es zu lösen.

Das gilt auch für Dmitri Schostakowitsch zweiten Violinkonzert, dessen verästelt tastender Beginn an den des Bartók-Stücks gemahnt. Solist Frank Peter Zimmermanns Spiel ist schnörkellos, reduziert, sachlich und doch kraftvoll und energisch. Das Orchester antwortet mit kompaktem Klang und ist mehr als bereit, sich mit Begleitung und Akzentsetzung zu begnügen. Der Antreiber ist Zimmermann, dessen jeglichen Glanz ablehnendes Spiel in einen anregenden Dialog mit einem Orchester tritt, das maximale Dichte mit erstaunlicher Transparenz zu paaren weiß. Diese Verbindung aus Konzentration und Durchsichtigkeit gelingt derzeit nur Maries Jansons. Der erste Satz erscheint als polarer – Kraft und Lebhaftigkeit stehen melancholischer Innensicht entgegen – auch hier wird eine Brücke zu Bartók, vor allem dessen dritten Satz, geschlagen. Auch bei Schostakowitsch sucht Jansons nicht den Konsens, sondern stellt Fragen. Den langsamen Satz lädt Zimmermann mit strenger, nüchterner Kantabilität auf, bewegt sich gar ins Schroffe, um ja kein Einlullen des Zuhörers zuzulassen. Auch dieser Satz ist ein suchender, der kein Ziel finden kann. Das Orchester nimmt sich zurück und überlässt dem Solisten die Führung. Das Finale hat Zug, Zimmermann spielt hart, scharf, rhythmisch treibend, das Orchester übernimmt den aufgewühlten Gestus. Wo die Musik im zweiten Satz durch eine karge Wüste irrte, sieht sie sich nun hin- und hergeworfen in einem stürmischen Ozean. Solist und Orchester sind jetzt auf Augenhöhe, treiben im engen Dialog einem Ende entgegen, das kein erreichtes Ziel ist, sein kann.

Den Suchern Bartók und Schostakowitsch steht dann der Klangmagier Maurin Ravel entgegen mit seiner zweiten Orchestersuit aus Daphnis et Chloé. Regelrecht impressionistisch der Beginn, der mit gewollter Unschärfe zunächst klingt, als wäre das Orchester noch am Stimmen. Sehr vorsichtig findet die Musik zu einem gemeinsamen Boden, ohne die lichte Durchsichtigkeit je zu verlieren. Jansons breitet das Farbenspektrum des Werks vor dem Zuschauer aus, lässt die Musik schillern und hüpfen, zelebriert das Primat des Klangs. Er beweist Mut zur Wichtigkeit wie zur Breite und doch ist stets das komplette Farbspektrum sichtbar. Dabei ist auch der Wechsel zwischen Voraneilen und Innehalten immer präsent, dichte Kraftentfaltung ebenso zu hören wie zart lyrische Innigkeit. Am Ende entlädt sich die angestaute Energie auf explosive, fast gewalttätige Weise, die mehr als andeutet, dass auch dieses Klangfest – in der zugrundeliegenden Geschichte geht es schließlich um eine Entführung, die nur durch göttliche Intervention beendet werden kann – einen dunklen Untergrund hat. Maries Jansons und die Berliner Philharmoniker feiern an diesem Abend die Musik – nicht als rauschendes Fest, sondern als analytische Tiefbohrung, die ihren Zauber hinterfragt, ohne ihn anzukratzen. Die Frage, ob diese Quadratur des Kreises möglich ist, erübrigt sich nach diesem Abend einmal mehr.

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