Wir Gestrandeten

Theatertreffen 2015 – Atlas der abgelegenen Inseln. Mehrstimmiges Hörstück auf drei Stockwerken für vier Schauspieler und ebenso viele Musiker von Judith Schalansky, Schauspiel Hannover (Regie: Thom Luz)

Von Sascha Krieger

„Somewehere…“: Weiter kommen die Sänger trotz mehrfacher Versuche nicht, das Land hinter dem Regenbogen ist nicht nur nicht erregbar, es lässt sich nicht einmal mehr vorstellen. Ersetzt worden ist es durch ein „Nowhere“, eine Zwischenwelt: ein dreistöckiges Treppenhaus – in Hannover jenes der Cumberlandschen Galerie, beim Theatertreffengastspiel dient das Pankower Carl-von-Ossietzky-Gymnasium als Spielort – durch das Nebel wabert und Klangfragmente irren. Bruchstücke von Musik, Konversationsfetzen, Klopfen, Glockenklang, Schritte. Aus der Zeit gefallene Gestalten in Schwarz-Weiß, gekleidet in Smoking oder Kleid, hasten hindurch, mit gehetztem Blick, den Kompass in der Hand. Sie spielen eine Note oder setzen an zu einer Erzählung, nur um weiterzueilen, meist mit dem Versprechen „Ich bin gleich wieder da“ auf den Lippen. Ein leeres Versprechen, denn um wiederzukommen, müssten sie zuerst dagewesen sein. Doch diese blassen Schattenwesen sind nirgends. Sie entsteigen den Seiten von Judith Schalanskys Buch Atlas der abgelegenen Inseln als gespensterhafte Verkörperungen der Unorte, die Schalansky beschreibt, deren Geschichten sie zu erzählen versucht. Enklaven stets bedrohten Lebens an den Enden der Welt – Sehnsuchtsorte romantischer Fantasie, die schnell zu Schreckensorten werden, sieht man einmal genauer hin.

Foto: Karl-Bernd Karwasz

Foto: Karl-Bernd Karwasz

50 von ihnen hat die Autorin im Buch versammelt, eindrucksvoll kartografiert und bruchstückhaft umschrieben. Regisseur Thom Luz fragmentiert das Mosaik weiter. Bei ihm bleiben Erzählungsfetzen, werden die Landkarten zu topografischen Zeichnungen des Treppenhauses. Die Sehnsucht nach Weite kehrt sich nach innen, die Reisen in die Ferne, von denen die Autorin schon in der Unterzeile des Buches sagt, dass sie sie nie unternehmen wird, kehren sich um in Introspektionen, in angsterfüllte Trips ins Innere, die eigenen Sehnsüchte, die eigene Furcht, den Drang in ein Anderswo zu fliehen, das nur im Verdrängen begehrenswert erscheint. Die Geschichten, die Luz andeutet, sind schauerliche: Entdecker, die entkräftet auf See sterben, Pioniere, die an der Natur und sich selbst zu Grunde gehen, eine Gemeinschaft, die sich das eigene Überleben auf grausamste Weise erkauft, das ewige Fremdsein als bestmögliches Schicksal des Ausgewanderten.

Schalanskys Worte öffnen die Tür nur einen Spalt breit, im Mittelpunkt von Luz‘ Erzählung stehen sie nicht. Seine Sprache ist eine akustische. Geräusche irren durchs Haus, antworten aufeinander, überlagern sich, kommen von irgendwo her und verschwinden wieder. Mal sind sie ganz nah, mal kaum noch hörbar. Fetzen tatsächlichen oder erinnerten, gelebten oder eingebildeten Lebens, zerfallen in unzähligen Geschichten des Scheitern, verdammt, wie Untote in unsere Träume und Illusionen zu dringen. Zuweilen kondensieren sie sich in Musik, in sehnsuchtsvolle Gesänge, die sich gleich darauf in Dissonanzen auflösen. Nichts hier ist fest oder greifbar, nicht die Erzählungen, nicht die Orte, die in sperrigen Koordinaten aus einem Walkie Talkie unsichtbar bleiben, nicht die Erzähler dieser Geschichtenversuche. Schnell wird aus dem Zueinanderfinden des Verlorenen der Horror des Zusammenlebens, erstarrt das Zusammenspiel in dämonischem Grinsen. Eine Führerin zeigt uns die Exponate gescheiterter Träume, die doch stets nur Übungen im Weglaufen waren.

Klänge, Musik, Geschichten, Figuren, Zuschauer: Atlas der abgelegenen Inseln ist ein Abend des Abwesenden, des Verdrängten, dessen, was fehlt, wofür Sehnsucht nur ein Symptom ist. Das Publikum ist auf drei Stockwerken verteilt, jede Nähe ist Illusion und wird fortwährend konterkariert durch herauf- und herabschwebende Fetzen weit entfernter Lebensversuche. Das Treppenhaus ist Durchgangs- wie Warteraum, ein Unort vorgetäuschter Bewegung, die sich doch stets nur wiederholen kann. Hier entfaltet sich eine vielstimmige und vielgewichtige Poesie aus Klang und Wort, ein Spiel von Zeit und Raum, das den Zuschauer bald selbst in eine Art schwebenden Zwischenzustand versetzt – zwischen den Welten, Zeiten, Leben. Der Abend erzählt von Gestrandeten, freiwilligen wie unfreiwilligen, und macht uns für 80 Minuten selbst zu solchen, die wir vielleicht ohnehin sind, zu beschäftigt mit unseren Illusionsgebäuden, um uns wirklich wahrzunehmen. Er plädoyiert nicht für ein „Zurück zur Natur“, romantische Utopien sind ihm nicht fremd, aber eben nur als scheitern müssende zu denken. Stattdessen ermuntert er zum Innehalten, zum Zuhören, zum Wahrnehmen dessen, was wir sonst in endlosen Sinnbehauptungskaskaden übertönen. Ist dieses Klopfen am Fenster, sind diese Schritte nackter Füße auf ebenso nacktem Stein nicht unsere wahre Sprache? Atlas der abgelegenen Inseln gibt keine Antworten, er stellt nicht einmal fragen. Alles, was er macht, ist dem Zuschauer Raum – und Zeit – zu geben, dies selbst zu tun. Und das ist schon unendlich viel.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: