Musikalischer Jungbrunnen

Herbert Blomstedt dirigiert das DSO mit Werken von Mozart und Bruckner

Von Sascha Krieger

Manchmal genügt ein Blick auf den Dirigenten, um eine Ahnung von dem zu bekommen, was den Konzertbesucher erwartet. Auf den ersten Blick wirkt der 87-jährige Herbert Blomstedt fast gebrechlich, doch dann erklimmt er sein Pult mit dem leichten, fast tänzelnden Schritt eines viel Jüngeren. Der Eindruck täuscht nicht: Denn wenn Blomstedt zu Beginn von Wolfgang Amadeus Mozarts Symphonie Nr. 34, der letztens Mozarts Salzburger Zeit, den Stab hebt, scheint es, als wäre nicht nur der Dirigent in einen Jungbrunnen gefallen, sondern mit ihm gleich das Werk selbst. So jugendlich kraftvoll, so energiegeladen pulsiert das Werk beileibe nicht immer. Der Kopfsatz eilt voran in treibendem Rhythmus, das Orchester spielt klar, präzise, mit schlankem, kompaktem, dunkel grundiertem Klang, der ungeheure Energieentladungen ermöglicht, dynamische Kontrastsetzungen betonen das Dramatische des Satzes, der Mozarts Ouvertüren ähnelt. Wunderbar transparent der zweite Satz, mit viel Zug gespielt, rhythmisch akzentuiert und von einem glasklaren Streicherklang geprägt, wie ihn auch das Deutsche Symphonie-Orchester nicht jeden Tag produziert. Die Pauke bestimmt dann den Ton im Finale, das noch eine Energieschippe drauflegt. Der Klang ist äußerst konzentriert und zugleich erstaunlich offen, das Spiel sehr straff und detailscharf, der Gestus kraftvoll und lebendig mit dramatischen Akzenten. Blomstedt findet dramatische Spannung auf engstem Raum, die schnell den ganzen Satz ansteckt. Klar erkennbar auch die dunkleren Einfärbungen, die in diesem unbeschwerten Werk vorausweisen auf Kommendes.

Das gilt durchaus auch für den Abend, folgt doch nach der Pause Anton Bruckners siebte Symphonie. Und schnell wird klar, das dies wohl eine ihrer beglückenderen Aufführungen werden wird. Der volle klare Streicherklang zu Beginn ist von atemberaubender Perfektion und zugleich so lebendig, dass sich schon in den ersten Takten eine Lebensfülle ausbreitet, die den großen Saal der Philharmonie bis zum letzten Ton nicht verlassen wird. Orchester und Dirigent machen da weiter, wo sie bei Mozart aufgehört haben: der gleiche kraftvoll kompakte, mit einem gerüttelt Maß an Transparenz aufgeladene Klang, die gleiche Detailschärfe, das gleiche straffe, rhythmisch akzentuierte Spiel. Hier gibt es keine Längen, hat alles Zug, ist der Kopfsatz ganz organisches Werden. Und Vielfalt: So kraftvoll, fast wuchtig die Forte- und Fortissimo-Passagen sind, so zart und luftig gelingt etwa das lyrische Seitenthema. Den Satz durchzieht ein freudig feierlicher Grundton, der bei Blomstedt zur Klammer der ganzen Werks wird. Weite und Innensicht halten sich die Waage, kraftvolle  Klangeinheit schließt transparente Durchlässigkeit nicht aus. Diese Musik blickt nach innen und strebt ins Universelle – ganz selbstverständlich.

Das berühmte Adagio, Herzstück der siebten, ist denn auch eher Lebensfeier als Trauermusik, auch wenn – oder obwohl – es unter dem Eindruck des Todes Richard Wagners entstanden ist. Die Streicher bilden ein festes, unverrückbares Fundament auf dem sich der Satz nicht als ruhiger Fluss ergießt, sondern sich als Kraftmassiv erhebt. Der feierliche Gestus stellt Beziehungen zum Kopfsatz her, die den Trauergestus erden – der Tod ist in dieser Lesart essenzieller Teil des Lebens, nicht seine Negation. Auf diesem festen Grund können dann Streicher und Holzbläser besondern zart, und zerbrechlich von der Vergänglichkeit dessen sprechen, was hier doch gefeiert wird. Etwa im Scherzo, in dem Blomstedt die Waagemetapher der vorangegangenen Sätze aufnimmt, indem er dem dominanten Streichermassiv affirmative Bläserakzente als Gegengewicht gegenüberstellt. Die Bewegung bleibt eine organische, dynamische Kontraste stehen weiterhin im Fokus, nur eben mit ein wenig höherer Beschleunigung. Der Klangraum öffnet sich weiter, der widerstreit von Streichern und Bläsern verkörpert die Dichotomie aus Lebendigkeit und feierlichem Ernst.

Der sich im Finale nochmals verdichtet. Da schwingen sich die Blechbläser zur dominierenden Stimme auf, gewinnen einiges an Schärfe, kulminieren in einem Choralthema, das den feierlichen Gestus des Werk so weit dreht, dass es nur knapp vor abweisender Feindseligkeit Halt macht. Der Satz nimmt die Ausdrucksmodi und Grundstimmungen der ersten drei Sätze auf, stellt sie in einer zunehmend fragmentarisierenden Bewegung nebeneinander, nur um sie am Ende mit keinen Widerspruch duldender Strenge zusammenzubringen. Das Auseinanderstreben und Zusammenfinden entspricht der Doppelgesichtigkeit, die Blomstedt im ganzen Werk akzentuiert, eine Polarität, die seine Spannung ausmacht. Die Welt, die Bruckner in der Siebten in Musik gießt, ist hier eine, bei der sich Lebensfreude nie ohne den Abgrund denken lässt, an dem wir alle immer stehen und der uns einst hinabziehen wird. Die wiege steht hier nie weit vom Grab, erhabene Trauer und lebendiger Überfluss sind eines. Und so wundert es nicht, dass Blomstedt die Symphonie als großes Ganzes spielen lässt, ihr Einheit über alle vier Sätze hinweg betont, in jedem einzelnen von ihnen die anderen drei hörbar werden lässt. Und vielleicht ist es da geradezu logisch, dass sich der weißhaarige Dirigent der Hoffnung der Jugend näher fühlt als je zuvor. Die Musik, die er mit dem DSO erzeugt, tut dies allemal.

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