Hühner im Leerlauf

Anton Tschechowa: Onkel Wanja, Maxim Gorki Theater Berlin (Regie: Nurkan Erpulat)

Von Sascha Krieger

Ein schönes Bild: Im Hintergrund prangt ein pittoresker Wald, vorne spannt einer eine Lichterkette, andere bringen einen Tisch, Stühle, Ess- und Trinkbares. Minutenlang wird gegessen und getrunken, in fröhlicher Harmonie vor malerischem Hintergrund. Ein Klavier spielt sehnsüchtige Musik mit orientalischem Einschlag. Eine Utopie, die ihre eigene Negation schon in sich trägt. Zu schön ist das, um wahr sein zu können. Und so kommt es, wie es kommen muss: Die ersten Worte Tschechows erklingen und schon fällt das harmonische Tableau in sich zusammen, offenbart der steigende Alkoholpegel, wie dünn und blättrig der Putz des vermeintlichen Glücks ist, den die Tafelgesellschaft auf das morsche Familiengebäude aufgetragen hat. Denn keiner hier ist, wo er sein will: Die einen wollen weg, die anderen können nicht ankommen.

Foto: Esra Rotthoff

Foto: Esra Rotthoff

Zu Beginn von Shermin Langhoffs Gorki-Intendanz hat Nurkan Erpulat Tschechows Kirschgarten als knallbuntes Migrationsdrama inszeniert. Sein Onkel Wanja kommt um einiges ruhiger daher – sein Thema ist das Gleiche. Hier sind alle Fremde: der Arzt Astrow, der immer auf der Durchreise ist und nie so recht weiß wohin, der Professor Serebrjakow – von Falilou Seck mit leiser Verzweiflung zur Dreh- und Angelfigur des Stückes gemacht, vermutlich Erpulats bester Einfall an diesem Abend – der zurückkehren will in seine Heimat, um erkennen zu müssen, dass sie nichts Heimatliches mehr für ihn hat, die Tochter Sonja, die stets für andere gelebt hat und vergaß, sich selbst zu finden, und natürlich die Titelfigur, die eigentlich nur weg will und doch gefangen ist in diesem Leben, von der er weiß, dass es ein falsches ist.

Am Ende sitzen sie wieder da, diese Heimatlosen, Exilanten, Nie-Ankommenden und blicken vereinzelt in eine Ferne, die nichts mehr verheißt. So stimmig dieser Ansatz ist und so konsequent Erpulat und Seck dessen Figur als einen verzweifelt Gestrandeten zeichnen, dessen tyrannischer Egoismus Produkt seines Strebens nach Aufhebung der eigenen Entwurzelung ist, so schnell verliert Erpulat auch wieder den Faden. Vor allem die Titelfigur entgleitet ihm: Tim Porath spielt diesen Wanja als lächerlichen Polterer, dem man keinerlei Existenzkrise abzunehmen vermag. Seinem Sparringspartner Astrow, dem Dmitri Schaad eine nervöse Zerrissenheit verleiht, fehlt aber eben der Reibungspunkt Wanja, weshalb seine Figur sich im luftleeren Raum verliert. Das figurengeflecht zerfällt, die Behauptung des Eingangsbildes zerfasert in albernem Gegacker mit echten Hühnern und einer überflüssigen Metaebene, in der Deck das Unbehaustsein des Schauspielers mit dem seiner Figur verknüpfen soll und das doch wirkungslos verpufft. Da helfen auch die inbrünstig geschmetterten Lieder wenig, die wohl von der Sehnsucht nach einem Paradies erzählen sollen, das keiner dieser Orientierungslosen erreichen wird.

Und so begnügt sich der Abend über weite Strecken mit der Rezitation des Tschechowschen Textes und Handlungsbehauptungen, die sich zunehmend ziellos verlaufen. Der realistische Stil, den Erpulat versucht, karikiert sich selbst, weil ihm die Erdung fehlt, einige wenige starke Szenen – Mareike Beykirchs Monolog als Sonja über die Sehnsucht nach dem abwesenden Vater als Identitätsersatz – stehen allein, ohne Verbindung zu einem roten Faden, den der Abend nur kurz behauptet. Erpulat gelingt es nicht, seine Grundidee, die Figuren als Entwurzelte, als innerliche Migranten zu begreifen, mit Leben zu füllen, wohl auch, weil er der introspektiven Ruhe des Beginns nicht zutraut, den Abend zu tragen. Nur dass das Krachlederne, das er als Humorersatz wählt, jegliche Tiefe sprengt, was fatal ist, weil es Erpulat in der Titelfigur verortet. So plätschre der Abend mit kurzen Ausnahmen ebenso ereignis- wie haltungslos zurück, bleibt er Behauptung wie der aufgemalte Wald. Da sorgen die selbstgenügsam gackernden Hühner für die größten Lacher des Abends und bleiben wohl länger im Gedächtnis als ein Regiekonzept, das sich schon nach zehn Minuten in die Kulissen verabschiedet. Die Stagnation und Erstarrung, die Tschechow beschreibt, befällt in erster Linie den Abend selbst, der wenig mehr ist als einige kurze Fragmente theatraler Vergegenwärtigung, zwischen denen unendliche Weiten inszenatorischen Leerlaufs gähnen. Und mit ihnen der Zuschauer.

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