Die Leere vor dem Schuss

Friedrich Schiller: Don Carlos, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Stephan Kimmig)

Von Sascha Krieger

Wo anfangen, wenn am Anfang bereits alles vorbei ist? Vielleicht beim netten Startvideo, in dem ein kleines Mädchen im Renaissancekleid fragt, wo denn Europa sei? Oder bei Katja Haß‘ Bühnenbild, das eine langsam rotierende Büroflucht fast ohne Mobiliar und mit kalten, kahlen Wänden zeigt, Philipps Königspalast als jede Tätigkeit eingestellt habende Behörde, die eine europäische sein könnte, wie das EU-Fähnchen auf dem verbleibenden Tisch andeutet? Oder bei Ulrich Matthes‘ Philipp, ein Ermüdeter, Gelähmter, nicht einmal mehr fähig zur Langeweile, ein Verwalter seines eigenen Friedhofs, Sinnbild einer Gesellschaft, die sich vor lauter Machterhalt selbst abgeschafft hat und nicht mehr vermag, das Ruder rumzureißen? Doch interessiert das Regisseur Stephan Kimmig überhaupt in seiner heruntergeleierten Szenenabfolge, in der stringente Figurencharakterisierung, rote Fäden im Handlungsverlauf oder das Einnehmen irgendwelcher Haltung zum Text oder gar dem, was er uns gut 200 Jahre später zu sagen haben mag, nirgends zu finden sind. Es sind Fragen, die sich zu stellen der Zuschauer viel, sehr viel Zeit hat (fast vier Stunden), keine die den Abend selbst umtreiben. Denn Fragen zu stellen, wäre denn doch zu anstrengend.

Das Deutsche Theater im April 2015 (Foto: Sascha Krieger)

Das Deutsche Theater im April 2015 (Foto: Sascha Krieger)

Und so entfaltet sich eine endlose Aneinanderreihung von Erstarrungszuständen, der aber eben auch jede Konsequenz fehlt. Da schwankt Alexander Khuon in der Titelrolle zwischen pubertärem Trotz und pathosgetränktem Rebellentum, rattert Kathleen Morgeneyer als Prinzessin Eboli ihre Sätze mit monotoner Erregungsmechanik herunter, wechselt Katrin Wichmann mal eben von einer Szene auf die andere komplett den Persönlichkeitsfundus ihrer Elisabeth, muss Henning Vogt den wohl abziehbildartigsten Alba der Theatergeschichte geben. Da helfen auch Matthes‘ zurückgenommene, stille Resignation und Andreas Döhlers burschikose Aufrüttelversuche wenig, zumal auch diese schnell in hölzerne Brüllattacken ausarten. Zumal hier ohne hin so steif agiert, so holzschnittartig mechanisch deklamiert, so mit krampfhaftem Ernst gespielt wird – ohne dass sich ein Hinweis auf irgendwie geartete Ironisierung finden ließe – dass die Tatsache, sich hier am Haus Max Reinhardt’s zu befinden, immer unglaubwürdiger erscheint. Das Europatheama – durchaus ein relevantes angesichts eines Stoffes, der gewaltsame Einigung des Kontinents und Souveränitätsbegehren als Freiheitsstreben thematisiert und somit eine spannende Folie für ein ganz anders geartetes und doch nicht minder umstrittenes und sich selbst immer wieder missverstehendes europäisches Einheitsprojekt darstellen könnte – ist schnell vergessen, war nie mehr als simpler Regieeinfall.

Vielleicht will Kimmig hier eine erstarrte Gesellschaft im Endstadium ihrer Selbstabschaffung darstellen, doch fehlt dazu jede Stringent, ist der Ton so bedeutungsheischend hölzern, dass der Abend eher als Symptom der Krankheit denn als deren Diagnose erscheint. Womöglich soll das alles ja ein Abgesang auf ein Europa sein, das sich längst jenseits aller Visionen eingemauert zu haben scheint in selbstgenügsamem Aussitzen, im Schwelgen im eigenen selbstmitleidigen Leidensnarrativ. Doch ließe sich der Abend auch lesen als Eingeständnis eines einstmals führenden deutschsprachigen Theaters, das nichts mehr zu sagen weiß, dem es genügt, eine der höchsten Premierendichten im deutschen Sprachraum zu haben und ansonsten seine Theaterabende gemeinsam mit dem Publikum absitzt. Wer die beiden letzten Premierenabende hier erlebt hat, dem kann Angst und Bange werden bei so viel Mutlosigkeit, diesem weitgehenden Verzicht auf jeden künstlerischen Ehrgeiz, diesem Herunterbeten des Textes, bei dem selbst für solides Kunsthandwerk die Energie zu fehlen scheint. Wenn gegen Ende der Inszenierung, die eine solche zu nennen schwer fällt, laut und aus dem Nichts ein Schuss fällt, kann man nur hoffen, dass am Deutschen Theater noch jemand ist, der ihn hören konnte.

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