Das Klagen der Untoten

Nach Anton Tschechow: Platonow, NTGent (Regie: Luk Perceval) – Gastspiel im Hebbel am Ufer/HAU1, Berlin

Von Sascha Krieger

Ein Stöhnen, schmerzerfüllt, sehnsüchtig, klagend, schwebend über mäandernden Klavierklängen, herübersehend aus einer Gegenwart, die keine Worte mehr kennt, weil sie keinen Sinn mehr hat, den des zu benennen lohnte. Und doch finden sich welche, lange Zeit, nachdem die Klage von Jens Thomas‘ Stimme und Klavier eine leblose Wüste, bevölkert nur noch von den Überresten einstiger Lebensversuche, auf die leere Bühne gemalt hat, wo nur noch ein einsames Klavier ins Nirgendwo fährt. Und von wo sie nicht weg können, die Untaten, die da verteilt im Raum stehen, in eingefrorenen Posen und Gesichtsausdrücken, die ins Nichts starren, sich mechanisch bewegen, langsam, ziellos, blasse Abzüge einstigen Lebens. Beziehungslos im Raum verloren sind sie zunächst, später bilden sie eine Linie am Bühnenrand, zwischendurch formen sie sich gar zu Paaren, die zusammenfinden, sich auflösen, neu ordnen. Man berührt einander, mehr noch sich selbst, Erinnerungen nur an Illusionen von Nähe. Keiner nimmt den anderen mehr wahr, keiner dieser „überflüssigen Menschen“, die hier, unter den Händen Luk Percevals, Schatten vergangener Träume sind. „Mir ist langweilig“, sind die ersten Worte, die ertönen. Elsie de Brauw spricht sie, die in diesem Puppentotentanz die Anna Petrowna zu spielen vorgibt.

Schauplatz des Berliner Gastspiels von Platonov: das Hebel am Ufer/HAU1 (Foto: Sascha Krieger)

Schauplatz des Berliner Gastspiels von Platonow: das Hebel am Ufer/HAU1 (Foto: Sascha Krieger)

Doch hier ist nur noch einer, der seine rolle wirklich spielt, alle anderen sind Aufziehpuppen, der4n Energie langsam zur Neige geht. Platonov sagen ist der einzige, der nicht nur herumsteht und starrt, der herumgeht, wenn auch nicht weniger somnambul als die anderen, der seine mitpuppen ansieht, interagiert, sich seines eigenen Untenseins stets bewusst. Doch beklagt er es wenigstens, wortreich, verzweifelt, wissend. Bert Luppes spielt ihn als heruntergekommenen Bettler ohne vorgetäuschte Würde. Am Anfang sehen wir ihn mit einem Gewehrlauf im Mund, eine Pose, die er zum Schluss erneut einnimmt. Ein Schuss fällt nicht und ist schon längst gefallen. Perceval hat Tschechows zügelloses frühes Porträt einer an ihrer Selbstbezogenheit untergehenden Gesellschaft zu einer gut eineinhalbstündigen Gespensterparade kondensiert, in der diese Gesellschaft das darstellt, was sie ist: leblos, untot ihre eigene längst selbst abgeschaffte Existenz behauptend. Da ist kein Salon mehr, kein Smalltalk, keine kleinen Intrigen und große Dramen. Hier wird nicht mehr betrogen und verführt, erniedrigt und begehrt, hier sind alles fahle Schemen halb vergessenen Lebens.

Das ist so einfach wie konsequent. Getrieben von Thomas‘ gespenstischer Musik sind selbst die Wutausbrüche der Figuren keine Lebenszeichen mehr, bestenfalls ein letztes aufbäumen in einem nachgestellten, vor langer Zeit bereits entschiedenen Todeskampf. So ist es auch egal, über welchen Worten sich die Stimmen heben und der Schaum vor den Mund tritt. Einzig Platonov, der Dirigent dieses Geisterballetts, hat den Schmerz nicht vergessen, schreit und brüllt und windet sich wie Thomas Stimme aufjault, das Klavier hämmert, sich in jedem Moment der Vergeblichkeit dieser Handlungsimitationen bewusst. Luk Perceval hat Platonow nicht neu erfunden, er hat ihn konsequent zu Ende gedacht, zu einem Zielpunkt geführt, an dem kein Platz mehr ist für Illusionen, aber auch keine Ruhe herrscht, nur eine ewige Wiederholung des Immergleichen. An diesem Unort finden die Annas und Sergejs und Nikolaus vielleicht die Vladimirs und Estragons, die Hamms und Clovs, die Winnies und Willies, Brüder und Schwestern im Ungeiste. Der Unruhestifter Platonow ist hier nur noch Nachlassverwalter einer sich selbst überflüssig gemacht habenden Welt, einer, der ein letztes Mal an sie erinnert, bevor sie in Vergessenheit gerät – und mit ihr er selbst. Sie werden keinen Grabstein haben, sondern uns heimsuchen – in unserer Selbstgerechtigkeit, unserem scheuklappenbewehrten Blick weg von allen, die dort stehen, wo wir ein Draußen vermuten. Sie laden uns ein, zu ihnen zu kommen. Wir sollten ablehnen.

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