Der kurze Weg vom Spaß zum Krieg

Augenblick mal! 2015 – Kinder | SOLDATEN, Theater Bremen – Junge Akteure (Text und Regie: Gernot Grünewald)

Von Sascha Krieger

„Was ist Spaß?“ Mit dieser Frage beginnt ein Abend, der die beiden Spielarten von Kinder und Jugendliche einbeziehender Theaterarbeit auf geradezu exemplarische Weise verknüpft: das Theater von und jenes für junge Menschen. Ein Abend, der auf dem zentralen Kinder- und Jugentheaterfestival „Augenblick mal! 2015“ ebenso gut aufgehoben ist, wie er es in wenigen Wochen beim Theatertreffen der Jugend, dem jährlichen Festival junger Theatergruppen wäre. Denn hier machen Kinder und Jugendliche Theater für ihre Altersgenossen. Und sie widmen sich einer Frage, die weit weg scheint von ihrer, unserer Realität, und die in dieser Welt, die eben auch die unsere ist, allzu oft zu bitterem Ernst wird: Wie werden aus spielenden Kindern Killermaschinen, wie wird aus harmlosem Herumtollen mörderische Realität, wie führt die Frage „Was ist Spaß?“ zu jeder anderen: „Was ist Krieg?“ In Kinder | SOLDATEN suchen siebzehn Kinder und Jugendliche diesen Weg, der nicht der ihre ist und es doch, wären sie ein paar tausend Kilometer südlich geboren, sein könnte.

Foto: Jörg Landsberg

Foto: Jörg Landsberg

Das Frage- und Antwortspiel des Anfangs führt nicht weit, also stürzen sie sich hinein in einer welt, in der das Unvorstellbare Normalität ist, wo Kinder abgeschlagene Köpfe in die Luft werfen wie andere Luftballons. Es ist ein kurzer Weg: Eben noch haben sie sich einzeln vorgestellt, pantomimisch ihre Lieblingsbeschäftigungen – vom Fußballspielen bis zum Tanzen – vorgeführt, da löst sich ihre Unterscheidbarkeit schon im gemeinsamen, von einem gewaltsam pulsierenden Rhythmus getriebenen Marschieren auf. Immer wieder wird aus der einzelnen Stimme – die Texte entstammen größtenteils Erzählungen echter Kindersoldaten – ein Chor, wird der Einzelne zum Kollektiv, mutiert das selbstbestimmte Ich zum gefühllosen Befehlsempfänger. Der Abend exerziert diesen Entmenschlichungsprozess, diese Logik einer Gewalt, die nur Täter und Opfer kennt, eindrucksvoll und schonungslos durch. Der durchaus stimmungsvolle Rhythmus afrikanischer Klänge wird zum Stampfen einer Maschinerie der Unmenschlichkeit, die Angst weicht der Faszination und diese der gedankenlosen Unmenschlichkeit. Wie leicht gelangt man vom Hantieren mit Gewehrattrappen aus Draht zum Massenmord, wie schwer ist der Weg zurück vom Kommandeur mit Macht über Leben und Tod zum Schulkind?

Kinder | SOLDATEN ist ein Blut- und gewaltgetränktes Gedicht aus Tanz, Text, Licht, Rhythmus und Musik, das erzählt und zeigt, das Bilder findet für das Unsagbare und Worte für das, was wir nicht sehen wollen. Die entsetzlich einfache Logik der Unmenschlichkeit ist so zwingend wie der Rhythmus, der aus dem Einzelnen einen Teil von etwas Größerem macht, wie das immer hektisch werdende Spiel aus Licht und Dunkel. Grenzen verwischen, das Kind wird zum Mann, das Böse zum Guten, der Tod zum Leben. Es ist ein intensiver Abend, voller eindringlicher Bilder, der zeigt, wie nahe das Unfassbare ist, wie wenig uns von jenen trennt, die unaussprechliche Grausamkeiten durchleiden und ausüben, bevor sie volljährig sind. Das Team um Regisseur Gernot Grünewald spricht mit vielen Stimmen, probiert unterschiedliche Ausdrucksformen aus, versucht, eine Sprache zu finden, mit der sich das verständlich machen lässt, was man nicht verstehen will. Und er findet sie: im Hinhören, im Zuschauen, im Erzählen. Und plötzlich wir sie sichtbar: die perfide und unentrinnbare Logik, die aus Kindern Soldaten und Mörder, aus dem Undenkbaren Normalität macht. Das ist unsere Logik, weil sie Teil dieser Welt ist, die eben keine erste, zweite und dritte kennt, sondern nur die eine, in der genau das jeden Tag passiert.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: