Der Dreck der Verantwortung

Marius von Mayenburg: Stück Plastik, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Marius von Mayenburg)

Von Sascha Krieger

Vor einigen Wochen hatte an der Schaubühne Shakespeares Richard III. Premiere. Dafür verwandelte man den Saal C der Schaubühne in ein arenaähnliches Halbrund nach Vorbild des elisabethanischen Theater der Shakespeare-Zeit. Wenn Marius von Mayenburgs neuestes Stück jetzt genau hier seine Uraufführung feiert, ist das sicher kein Zufall, sondern passt wie die sprichwörtliche Faust aufs ebenso sprichwörtliche Auge (im Gegensatz zu Fischsuppen, Spaghetti und Dreck fliegen Fäuste an diesem Abend übrigens nicht). Denn von Mayenburg schickt uns in die Arena aufgeklärt-toleranter Bürgerlichkeit, dorthin, wo der gut verdienende Chirurg von Ärzten ohne Grenzen träumt, man der Putzfrau das Du anbietet, das Wort Verantwortung in jedem zweiten Satz vorkommt, wo man sozial denkt und im Biomarkt einkauft, die abgelegten Kleider mit der Haushaltshilfe teilt und das eigene privilegierte Leben wortreich und mit bedeutungsschwerem Blick als – und da ist es schon wieder – als Verantwortung begreift. Antiseptisch weiß ist das Ensemble aus Küche und Wohnzimmerandeutung, Heim von Chirurg Michael und Ulrike, gescheiterte Künstlerin und nun Assistentin eines selbst ernannten Großkünstler, der einst seine Documenta-Beteiligung mit Burnout absagte, nachdem er nicht eingeladen war.

Auf dem Schlachtfeld (Foto: Arno Declair)

Auf dem Schlachtfeld (Foto: Arno Declair)

Einen Widerspruch vermag dieser Serge Haulupa darin nicht zu erkennen, wie überhaupt absurdeste Logikspiralen fröhliche Urständ feiern. Da ist Ulrikes Dauervorwurf an den täglich das Leben seiner Patienten retten müssenden Michael, keine Verantwortung übernehmen zu wollen nur die Spitze des Eisbergs und mündet angesichts seiner Entscheidung, als Arzt ohne Grenzen nach Guinea gehen zu wollen, gar im Vorwurf des Rassismus, weil er den unter Ebola Leidennden unterstellt, ihn mehr zu brauchen, als die Patienten im heimischen Krankenhaus. Von Mayenburg zeigt bürgerliche Spießer, deren eingebildete Selbstwahrnehmung sich so weit von der Realität entfernt hat, dass die Perversion logischer Gedankengänge längst zum letzten Schutzmechanismus geworden ist. Da wir Putzfrau Jessica, die still und fleißig arbeitet, wo die anderen nur noch reden können, mit so wohlwollender Überheblichkeit patronisiert, überlagert die Kumpelhaftigkeit kaum die Grausamkeit einer Hierarchie, der man sich nur halb bewusst ist, funktioniert die Kommunikation über Schichtgrenzen hinweg schon lange nicht mehr, auch, weil man die Existenz dieser Grenzen trotzig geleugnet wird – in dem Moment, in dem man sie in Form unüberwindlicher Mauern aufzieht. Putzfrau Jessica ist sich dieser Grenzen sehr wohl bewusst, doch hat sie eh nichts zu sagen, wird sie doch als kaum mehr als ein Objekt wahrgenommen.

Damit nicht genug: In der Figur des Serge zieht von Mayenburg eine weitere Ebene ein: die Parodie eines Kunstbetriebs, der sich immer weiter von jeglicher Relevanz entfernt, je mehr er behauptet, die Grenzen zur Wirklichkeit einreißen zu wollen. Da wird jede Wirklichkeit zur Kunstperformance stilisiert und resultiert doch nicht darin, dass Reales und Kunst zusammenrücken. Ganz im Gegenteil: Wenn Serge Jessica zum Mittelpunkt seiner Installation macht, wenn er in der Küche Dreck versprüht, damit Jessica endlich etwas zum Putzen habe, entspinnt sich kein Dialog zwischen Realität und Kunst, sondern führt sich Letztere ad absurdum. Und ist ihrer Selbstbezogenheit, ihrem Egoismus unter dem Deckmantel von Authentizität und Verantwortung doch nur ein Spiegel jener oberflächlichen Maskerade, in der sich Ulrike und Michael als Lebensersatz verstecken. Dem gegenüber steht die ehrliche, fleißige Jessica, die doch nur noch Spielball ist, Objekt, gefangen in den Abhängigkeiten, mit denen sie ihren Lebensunterhalt verdient. Und der dann nur ein ebenso grotesker wie verzweifelter Ausweg bleibt.

Stück Plastik ist eine irrwitzige Tour de Force bürgerlicher Abgründe, die sichtlich von Edward Albee und Yasmina Reza (deren neuestes Stück übrigens in wenigen Wochen an der Schaubühne uraufgeführt wird), wohl auch von Harold Pinter, beeinflusst ist, und doch der Absurditätsschraube der Vorbilder noch ein paar Umdrehungen mehr verleiht. Das ist es nur konsequent, dass von Mayenburgs eigene Uraufführungsinszenierung das Spiel aus Überzeichnung und grotesker Karikatur  noch weiterführt. Da ist die lächerliche Reinheit der schneeweißen Bühne (Nina Wetzel), die per Video projizierten Parodien engagierter, gesellschaftskritischer Kunst (Video: Sébastien Dupouey), die grandiosen Schauspielerleistungen: Sebastian Schwarz, der Serge zwischen menschenverachtender Arroganz, pathetischer Visionärspose und pseudo-verantwortungsvollenm Zynismus auf die Bretter schleudert; Robert Beyer, der Michael als albernes Würstchen karikiert, der an seiner eigenen Lächerlichkeit verzweifelt und darüber so etwas wie Restwürde bewahrt; Marie Burchard als hysterische Furie Ulrike, die aus ihrem Scheitern Hasstiraden vollendeten Irrsinns schöpft und dabei in ihrer hinter Freundlichkeit verborgenen Arroganz der Macht nicht weniger gefährlich erscheint als Serge; Jenny König schließlich, die in Jessica eine stille Pragmatikerin findet, die Fleiß, Loyalität und Ehrlichkeit als Waffe im Überlebenskampf einzusetzen weiß.

Das Ergebnis ist ein vollkommen überdrehter Abend, der Tempo und Intensität über gut zwei Stunden hinweg nicht nur halten, sondern immer weiter steigern kann, ein irrwitziger Tanz am Abgrund, in dem wir so manches Vertrautes sehen, der vor allem das Zwerchfell schmerzen lässt. Doch ist das nicht besser, als würde er gar nicht wehtun? So grell Stück und Inszenierung daherkommen, so genau beobachtet sind sie, so scharf analysieren sie das große Kunstwerk kollektiven Selbstbetrugs, an dem wir doch alle Tag für Tag arbeiten. Und wissen doch selbst darum, dass sie doch Teil dessen sind, was sie entlarven. So unterhaltsam, scharfsinnig und kompromisslos kam lange kein Berliner Theaterabend mehr daher. Alles Theater? Zweifellos. Doch könnte es eigentlich noch mehr sein?

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