Spione am Esstisch

F.I.N.D. 2015 – Richard Nelson: The Apple Family Plays (3: Sorry, 4: Regular Singing), The Public Theater, New York (Regie: Richard Nelson)

Von Sascha Krieger

Ein Wohnzimmer, eine Familie, vier Tage: So lässt sich kurz das Konzept der vier Apple Family Plays umschreiben, die der mehrfach preisgekrönte Dramatiker und Drehbuchautor Richard Nelson zwischen 2010 und 2013 auf die Bühne des New Yorker Public Theater gebracht hat. Jedes der Stücke spielt an einem Tag, innerhalb weniger Stunden, in eng aneinander gereihten Szenenfolgen, zwischen denen Minuten, Stunden oder gar keine Zeit liegen können. Die immer gleichen Darsteller spielen die immer gleichen Figuren, getrennt durch ein Jahr. es sind wichtige Tage der jüngeren amerikanischen Geschichte: die Kongresswahlen 2010, der zehnte Jahrestag des 11. September, die Präsidentschaftswahlen 2012, der 50. Jahrestag des Kennedy-Attentats. Wichtige Tage auch im Leben der Familie Apple, einer liberalen Familie aus Schauspielern, Lehrern, einer Autorin, die im beschaulichen Rhinebeck im Bundesstaat New York lebt: Im dritten stück etwa steht die Überführung des dementen Onkels Benjamin in eine Pflegeeinrichtung bevor, im vierten liegt im Obergeschoss Marinos Ex-Mann dam im Sterben. Nelson verschränkt persönliche mit nationaler, ja Weltgeschichte, und lässt seine Protagonisten über den Zustand von Gesellschaft, Politik und Familie reden. wunden brechen auf, Konflikte treten zu Tage und doch ist hier nichts spektakulär. Die jeweils knapp zweistündigen Stücke wirken – und sollen es auch – als wären wie ein paar Stunden bei den Apples zu Gast, stumme Beobachter einer ganz gewöhnlichen Familie.

Foto: Joan Marcus

Foto: Joan Marcus

Es ist diese Gewöhnlichkeit, das Spiel aus Nähe und Distanz (die vierte Wand wird erst in einer etwas überflüssigen Schlussansprache am Ende des letzten Stücks angekratzt), aus Wiedererkennung und Fremdheit (so nah Amerika uns ist, so fern ist es auch), die den Reiz dieser intensiven Abende ausmacht. Nicht viel passiert: Es wird miteinander gesungen, getrunken und gegessen, Erinnerungen werden geteilt, die Anderen über ihr Leben ausgefragt und es gibt den einen oder anderen Streit. Dabei ist hier nichts normal, die Anspannung mit Händen zu greifen: jene Barbaras, die mit der Entscheidung, Benjamin in ein Heim zu geben, ringt, die Marions ob des bevorstehenden Todes des Vaters der gemeinsamen Tochter, die längst freiwillig aus dem Leben geschieden ist, oder jene Richards, der unter der Trennung von seiner Frau ebenso leidet, wie unter den Kompromissen, die er eingeht, seit er für den Gouverneur des Staates New York arbeitet. Die Ereignisse, die sich um die Tage ranken, dienen als Katalysatoren, als Auslöser, Fragen zu stellen wie: Wie gehen wir als Gesellschaft mit einander um? Wo stand das Land damals und was ist aus dem Zusammenhalt von 1963 oder jenem von 2001 geworden? Wie gehen wir um mit unserem Schmerz, unseren Traumata – den privaten wie den gemeinschaftlichen –, unserer Schuld? Und wie finden wir Nähe in einer Zeit, in der alles in die Vereinzelung strebt?

Die kurze Verschmelzung der Einzelnen im Singen, die Bedeutung der Sprache für die Sinngebung des einzelnen, das Theater als Metapher für den Widerstreit von notwendigem Rollenspiel und essenzieller Wahrhaftigkeit sowie die zunehmende Schwierigkeit, beides auseinanderzuhalten: Die Abende bedienen sich wiederkehrender Themen in Form einer Art Leitmotivik, hinter der nichts anderes steht, als der Kampf, dem Schmerzhaften, dem vermeintlich chaotischen einen Sinn zu geben, einen Sinn, den wir – so die Grundbotschaft Nelsons – nur gemeinsam zu erkennen und erreichen vermögen, eine Gemeinsamkeit, die längst zum Scheitern verurteilt scheint. Und so befragen sie einander, sich selbst, die Vergangenheit und die Gegenwart nach Antworten, die wieder zu Fragen werden. Und die vielleicht nur dazu führen können, zu verstehen, wie wir – jeder Einzelne für sich und gemeinsam mit denen, die einem am nächsten stehen – umgehen mit dem, was die Welt uns vorwirft und was wir selbst uns einbrocken. Barbaras panische Kontrollmanie, Richards gespielte Selbstsicherheit, Marinos trockene Lakonik: Sie sind Abwehr- und Bewältigungsmechanismen, die das Ich schützen und zugleich von denen, die es umgeben trennen. Nähe zuzulassen ohne sich aufzugeben, ist die Quadratur des Kreises, an der sich die Familie Apple stellvertretend abarbeitet. Natürlich sind das wir und sind es auch nicht, sitzen wir mit am Esstisch und bleiben doch Beobachter. Richard Nelsons Stücke sind Seismographen einer Gesellschaft, die sich ihrer selbst nicht mehr sicher ist – und zugleich Porträts universaler Mechanismen von Ichfindung, Selbstbehauptung und Zusammenleben, von der Suche nach Sinn und dem eigenen Platz in der Welt. Wie erhellend ein Blick durch das Schlüsselloch doch sein kann.

Advertisements

Ein Gedanke zu „Spione am Esstisch

  1. […] Ostküstenintelligenz, das Aufbrechen kaum noch miteinander kompatibler Amerikas war schon in den Apple Family Plays ein wichtiges Thema, hier rücken sie ganz in den Mittelpunkt. Oder versucht es zumindest, denn […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: