Im Sturm des Lebens

Andris Nelsons dirigiert die Berliner Philharmoniker mit Werken von Gruber und Mahler

Von Sascha Krieger

Es ist momentan eine besonders interessante Zeit, Gastdirigate bei den Berliner Philharmonikern zu erleben. Das liegt an einem ganz bestimmten Datum: dem 11. Mai dieses Jahres. An diesem Tag kommt das Orchester zusammen, um seinen nächsten Chefdirigenten zu wählen, der in drei Jahren Sir Simon Rattle beerben soll. Da trifft es sich gut, dass so mancher der gehandelten Namen in den Wochen vor der Entscheidung noch einmal am Pult steht. Das gilt auch für einen, den nicht wenige Experten favorisieren, den Letten Andris Nelsons. Auch wenn er gerade seine erste Saison beim altehrwürdigen Boston Symphony Orchestra bestreitet: Ob er das Votum der Berliner ablehnen würde, darf zumindest bezweifelt werden. Denn Nelsons und die Philharmoniker, das war seit seinem Debüt 2010 eine echte Liebesbeziehung. Die sich auch in seinem aktuellen Programm fortsetzt. Das fast programmatisch zu verstehen ist: zeitgenössische Musik gepaart mit einem Kernstück des philharmonischen Repertoires, Gustav Mahlers fünfter Symphonie. Auch sie ebenso klug wie riskant gewählt, gilt doch Nelsons nicht als Mahler-Spezialist – eine Einschätzung, die es zumindest zu überdenken gilt.

Andris Nelsons (Foto: Marco Borggreve)

Andris Nelsons (Foto: Marco Borggreve)

Zuvor jedoch gilt es HK Grubers Trompetenkonzert Aerial zu bewältigen. Solist ist dessen Widmungsträger Håkan Hardenberger. Und sofort stellt sich diese Mischung aus Zauber und Erstaunen ein, die Nelsons so oft bei seinen Berliner Dirigaten auslöst: darüber, wie es ihm gelingt, diesen massiven Klangapparat zum Schweben zu bringen, wie er seinen Musikern einen suchenden, verrätselten Ton entlockt, der das Riesenorchester, das ihn erzeugt, schnell vergessen lässt. Behutsam geht er zu werken – sowohl in den Zwölftonreihen des ersten, als auch in den separaten Ausdrucksblöcken des zweiten Teils. Alles – das lichte Pianissimo wie das konzentrierte Forte … wirkt natürlich, Teil eines einzigen schillernden Universums, das sich nicht enträtseln, aber doch bestaunen lässt. Hardenberger ist dabei ein kongenialer Mitstreiter. Er definiert die Farbenwelt: vom ungeschliffen rauen Suchton der C-Trompete über die pastorale Simplizität des Kuhhorns bis zum Jazzgesang der Piccolotrompete. Er schlägt einen variablen Konversationston an, er- und aufgeregt und ungemein anregend ebenso. Das Orchester geht den Weg leichtfüßig vom sanften Schweben des Auftakts über die kraftvollen auf- und Ausbrüche bis zum bewegten Brodeln des Schlussteils. Da ist alles transparent, liegt die komplette Klangwelt offen zu Tage, mit einer pulsierenden Lebendigkeit, die dem Solisten einen idealen Grund gibt – zum Erzählen, Kommentieren, Erkunden. Am Ende stampft das ganze Orchester und doch kann von Schwere nicht die Rede sein.

Hier feiert einer das Leben in all seiner Unentschiedenheit – und welches Werk wäre dazu besser geeignet als Mahlers Fünfte? Die Nelsons als ebenso affirmativ wie ambivalent begreift. Klar und kraftvoll das Trompetensignal zum Einstieg – es wird das einzige unwidersprochene Motiv bleiben. Denn Nelsons sieht die Essenz des Werks in seinen Widersprüchen, den inneren Kontrasten, seinem Gebrochensein. So tastet sich der Trauermarsch des ersten Satzes nur zögerlich voran, stets befürchtend gleich zu stolpern. Dem gegenüber steht ein so weicher und warmer Streicherklang, der an die wiener Philharmoniker und Johann Straß denken lässt, eine Assoziation, die sich im Scherzo wiederholt. Es ist eine Musik, die sich stets selbst in Frage stellt. Das Orchester spielt mit höchster transparenz, kein Instrument, kein Motiv ist wichtiger als ein anderes. Mahlers Vielstimmigkeit – hier ist sie Kern seiner Musik. Da steht das Jubelnde neben dem Fragenden, das Helle neben dem Dunklen, das Leben neben dem Tod. Zumals Nelsons immer wieder die motivischen Überlagerungen betont, den Aspekt der Gleichzeitigkeit des Disparaten in den Vordergrund rückt. Er lässt die Motive, die Ausdrucksmodi einander ins Wort fallen, beantwortet jede Beschleunigung mit einer Bremsbewegung – und das mit einem Klangbild, das an Klarheit und Durchsichtigkeit nichts zu wünschen übrig lässt.

Eindrucksvoll die Interaktion von glänzendem Bläserchoral und aufgewühlten Streichern am ende des zweiten Satzes, berückend der Wienerische Klang der Geigen im dritten, die sich auch nicht von den Bremsblöcken, die ihnen Nelsons unterschiebt irritieren lassen. Hier bringt jedes Statement sein eigenes Infragestellen mit und bedingt das Hinterfragen die optimistische Affirmation. Das Frage- relativiert das Ausrufezeichen genauso wie es umgekehrt der Fall ist. Das Scherzo ist eine faszinierende Ansammlung des Nichtzusammenpassenden – und doch bilden das sonnengetränkte Pizzicato, die kontrastreiche Dramatik und der unruhige Gestus der Streicher eine mosaikartige Einheit, die Mahlers musikalischem Denken wohl auf eine Weise entspricht, wie es nur wenige Interpretationen vermögen. Da kann denn auch das oft gehörte Adagietto berühren, als erklänge es zum ersten Mal. Und nein: So hauchzart und zerbrechlich glaubt man die Streicher noch nie gehört zu haben, wie sie sich hervortasten, unsicher, sich stets über die Schulter schauend, vorsichtig erwachend und den Kopf hebend, wie sie aus dieser Suchbewegung eine wahrhaft innere Kraft schöpfen, aus der sich nie ein selbstsicherer Fluss ergießt, sondern die immer sich selbst in Frage stellt. Der Satz versprüht eine Wahrhaftigkeit, die man ihm kaum mehr zugetraut hätte.

Und die so natürlich zum Finale führt, wie das wohl auch nur sehr selten der Fall ist. Leichtfüßig lässt Nelsons ihn nehmen, voller Energie, aber nicht ohne das Orchester sich in den stilleren Momenten zurücknehmen zu lassen. gerade hier öffnet er den Klangraum ins Universale, hier, wo sanfte Stille die Töne trägt. Das Finale ist wie eine Zusammenfassung und Bündelung des Gesagten. Das Ende des zweiten Satzes findet sich hier im Schluss wieder, strahlender und lebendiger noch, wie ein finales Fazit, das nichts von Endgültigkeit hat. Die Gleichzeitigkeit des Widersprüchlichen, das Voraneilen und innehalten, das Hell und Dunkel, die sind hier alle noch einmal vertreten, bevor das Werk in einem Sturm der Lebensbejahung endet. Auch wenn dieser Abend solch pragmatische Betrachtungen eigentlich verbietet, wird es dem Zuhörer schwerfallen, nicht zu hoffen, dass das Orchester ihn am 11. Mai noch im Ohr haben wird.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: