Welt aus Pappe

F.I.N.D. 2015 – Wajdi Mouawad: Sœurs (Regie: Wajdi Mouawad)

Von Sascha Krieger

Exil: Das Wort fällt früh in Wajdi Mouawads neuem Stück Sœurs (Schwestern). Ungläubig spricht es Geneviève aus, erfahrene Mediatorin und kurz vor einer Reise nach Mali stehend, wo sie für Frieden sorgen soll. Ihr Mutter hatte es gerade gesagt, am Telefon. Dieses Exil ist Montréal, Hauptstadt der mehrheitlich französischsprachigen kanadischen Provinz Québec. Die verlorene Heimat ist Manitoba in der Mitte Kanadas, ein Ort, in dem man nicht einmal mehr eine Beerdigung auf französisch halten kann. Geneviève tut die Worte der Mutter ab – und erleidet später, allein in einem interaktiven Hotelzimmer in Ottawa, einen Zusammenbruch, als die Sprachsteuerung des Zimmers in allen Sprachen der Welt funktioniert, nur nicht auf Französisch. Auch Layla, die Versicherungsexpertin, die den Schaden im Zimmer begutachten soll, wähnt sich nicht im Exil. Im Gegensatz zum Vater, der den Bürgerkrieg im Libanon nur physisch verlassen hat – in seinem Kopf endet der Terror nie. Am Ende werden sie sich begegnen, die gleichaltrigen Frauen, sich gemeinsam unter der Matratze vor der Welt verstecken, in die sie doch wieder aufbrechen müssen. Und sie werden ihren Status als Exulanten, als Vertriebene, als Entwurzelte akzeptiert, die Brücke zur Elterngeneration wieder aufgebaut, die eigene Identität angenommen haben.

Foto: Pascal Gely

Foto: Pascal Gely

Sœurs ist eine präzise konstruierte Anordnung von Parallelen: Hier die vor Krieg und Verfolgung im Nahen Osten Geflüchteten, dort die unter einer nie aufgearbeiteten Unterdrückung verstummte französischsprachige Minderheit eines Musterlandes westlicher Freiheit und Demokratie. als Menschen zweiter Klasse fühlen sie sich beide und doch können sie den Makel nicht aufheben, ohne sich seines bewusst zu werden. Der Königsweg ist die Sprache. Immer wieder laufen Worte als Projektionen über die Wände in Mouawads Uraufführungsinszenierung. Worte, die die sprachgewaltigen Protagonistinnen erst finden müssen. Für sie ist Sprache ein Schutzschild geworden, ein Arbeitsmittel, eine Rolle – aber sie haben sie abgetrennt von ihrem Ich. Erst die Krise im Hotelzimmer bringt Geneviève dazu, die Pappwelt, in der sie lebt – ein Begriff, den Laylas Vater einführt und den die Pappwände der Hotelzimmerkulisse von Emmanuel Clolus symbolisieren – niederzureißen, was durchaus im Wortsinn zu verstehen ist. Die mechanisierte Sprache, die das kommunizierende Zimmer verkörpert, Mus überwunden, die eigenen Worte wiedergefunden werden.

Natürlich ist das plakativ und die Anlage des Stücks mit der Parallelsetzung der beiden Frauen, der Leitmotivik aus Sprache und Licht – dem wahren, lebensbringenden ist das künstliche, realitätsverschleiernde entgegengesetzt – schnell durchschaut, sind die großen Erkenntnismonologe beider pathosgestränkt und die Parallelführung ihrer Geschichten vereinfachend. Und doch durchzieht den Text eine zwingende Wahrhaftigkeit. Entstanden ist er aufgrund von Beobachtungen und Gesprächen mit Mouawads älterer Schwester Nayla, die Annick Bergeron, langjährige Mitstreiterin Mouawads, durchgeführt hat. Bergeron spielt denn auch beide Frauen – die kontrollierte, selbstsichere Geneviève und die robuste, kämpferische Layla. Sie führt sie durch die Scheinwelt, welche die Videoprojektionen von Mouawad und Dominique Daviet wiederholt in gezeichnete Strichlandschaften oder fraglich verfremdete Traumgebilde auflösen. Die Realität wird zum Fantasma, je mehr sich beide ihrer Scheinhaftigkeit bewusst werden. Im fahlen Licht tastet sich Bergeron durch den Albtraum, den ihre Figuren für die Wirklichkeit hielten.

Bergeron und Mouawad zeichnen ein Bild von Verlorenen in einer schön konstruierten Welt, die sich beim genaueren Hinsehen als Potemkinsches Dorf entpuppt. Sie müssen die Kulisse einreißen, ihre Sprache wiederfinden, sich entziehen, um zu sich zu kommen. Sie müssen ihre Geschichte annehmen – die eigene, die der Eltern und die Größere. Wie Geneviève, die Kontakt sucht zu Irène, die eigentlich Wiména heißt. Ein Inuit-Mädchen, das Genevièves Familie einst im Rahmen eines Regierungsprogramm adoptierte. Ein Mensch dritter Klasse, der durch Umerziehung, durch Kappen seiner kulturellen und familiären Wurzeln in die Konsensgesellschaft integriert werden sollte, wie es auch denen zweiter Klasse erging, welche die englische Sprache nur als Mittel von Unterdrückung und Gleichschaltung erlebte, wie es Geneviève in einer eindringlichen Dankestirade ins Publikum schleudert. Geneviève und Layla sind Schwestern – nicht in erster Linie, weil sie das gleiche Schicksal teilen, sondern weil sie es annehmen, immer angenommen haben – Genevièves Beruf kommt sicher nicht von ungefähr – auch wenn sie es jetzt erst begreifen. Wajdi Mouawad hat einen klugen, vielschichtigen Text geschrieben und aus ihm einen berührenden, ebenso komischen wie tieftraurigen Abend geschaffen , der von einer Schauspielerin getragen wird, die das Publikum in jeder Sekunde in ihren Bann zieht. Ein stilles Juwel, das im Zuschauer lange nachwirkt.

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