Im Namen der Väter

F.I.N.D. 2015 – Milo Rau: The Civil Wars, International Institute of Political Murder (Regie: Milo Rau)

Von Sascha Krieger

Die Realität ist eine scharfe Waffe, auch und gerade im Theater. Davon ist der Schweizer Theatermacher überzeugt und bringt immer wieder, oft in Form von „Re-Enectments“ die Wirklichkeit in den behaglichen Schutzraum Theater. Er hat die Prozesse gegen Pussy Riot ebenso auf die Bühne gebracht wie die terroristische Logik eines Anders Breivik, er hat anhand hetzerischer Radiosendungen aus Ruanda die Anatomie eines Genozids veranschaulicht. Wahrscheinlich schwebte ihm ähnliches vor, als er sich aufmachte, das verstörende Phänomen junger, inmitten unserer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft aufgewachsener Menschen zu erkunden, die sich entschlossen haben, in den „heiligen Krieg“ zu ziehen, weit weg, in Syrien oder im Irak. Doch dann passierte etwas Seltsames: Je länger er diesen Geschichten zuhörte, desto weniger fremd erschienen sie ihm, desto alltäglicher, normaler. Und so ist aus einer Seismographie des Terrors ein ganz anderer Abend geworden, eine verstörende Bestandsaufnahme einer Gesellschaft, die fragiler ist als wir es uns eingestehen wollen, die zwischen Gewalt und Wahnsinn schwankt und in der die klaren Antworten, welche die islamistischen Anstachler geben, ein willkommener Ausweg sind, ein Sehnsuchtsort gar für ein Leben jenseits der Beliebigkeit.

Foto: Marc Stephan

Foto: Marc Stephan

Übrig geblieben vom ursprünglichen Sujet ist nur der rahmen. Der französische Schauspieler Sébastien Foucault erzählt ihn. Da ist ein Vater, dessen Sohn in Syrien ist und den er zurückholen will. Und der ihn vor die Frage stellt, warum so viele junge Menschen bereit sind, in einem Krieg zu sterben, der nicht der ihre ist. So beginnt der Abends und er endet mit dem zweiten Besuch: Der Sohn, Jogis, ist zurück, der Vater glücklich. Doch der Junge bereut nichts, im Gegenteil: Seine Ruhe und Selbstsicherheit beeindrucken den Erzähler, der zu Beginn konstatierte, wahrscheinlich dereinst auf ein Leben zurückblicken zu müssen, in dem er nichts getan habe, um die Welt zu verändern. Da schwingt Be- wie Verwunderung mit. Die Frage nach dem Warum bleibt unbeantwortet, das Handeln des Dschihadisten wird nicht verteidigt. Und doch steht ihm das Nichtstun der anderen, der viel zu oft schweigenden Mehrheit, gegenüber. Dieser 19-Jährige, den der Vater längst verloren hat, da er ihn zurück zu haben glaubt, er hat etwas getan. Das Falsche, gewiss. Und doch ist er mehr als nur ein Mitläufer.

Das nachgebaute Wohnzimmer von Joris‘ Vater bildet die Kulisse für vier Schauspieler, in ihren Familiengeschichten zu kramen. Geschichten, die sie mit manchem Dschihadisten teilen und die zumeist von abwesenden Vätern erzählen: Einer stirbt, als das Kind noch klein ist, zwei driften an Depressionen entlang in den Wahnsinn, ein Vierter terrorisiert als arbeitsloser Alkoholiker die eigene Familie. Leere, Gewalt und Wahnsinn: An diesen Polen hangeln sich die Schauspieler entlang auf dem Weg zu sich selbst, zum eigenen Leben. Da ist Karim Bel Kacem, Sohn marokkanischer Eltern und Opfer eines schlagenden Vaters. Er spielt mit Islamismus und Vatermord als Auswegen und wird dann Schauspieler. Ebenso wie Sara De Bosschere, deren Vater zwischen Familie, linker Gesinnung und Karriere die Mitte verliert – und sich selbst. Oder Foucault, dessen Vater Firma , Vermögen und Identität verliert und dem nur noch die eigenen Krisen bleiben, um Aufmerksamkeit zu gewinnen. Und dann ist da der Älteste, Johan Leysen, dessen Vater, ein Pionier des flämischen Fernsehens, in einem Autounfall starb. Der verlassene Sohn wird später zum verlassenen Vater: Zwei Kinder verliert er kurz vor der Geburt, ihm bleiben nur Vaterkarikaturen wie der Regisseur Jean-Luc Godard, von dem er in einer ebenso absurden wie berührenden Geschichte erzählt.

In fünf Kapiteln mit großen Titeln – etwa „Die großen Bewegungen“ oder „Apokalypse“ – erzählen die vier abwechselnd von sich, das eigene Gesicht in schwarz-weiß riesenhaft über sich projiziert. Denn ihre Geschichten sind nicht nur ihre, sie formen ein kollektives Narrativ einer Gesellschaft, die an sich selbst zerbricht. Der Einzelne wird zum Repräsentanten des Ganzen, die Figur auf dem Sofa zur überlebensgroßen Ikone des Scheiterns. Die Rückseite des Wohnzimmers bildet eine barocke Theaterloge, in der De Bosschere einmal aus Tschechows Kirschgarten zitiert und von der Vergangenheit spricht, der man sich stellen müsse. ihr Ausweg ist das Theater, das Spielen, stets getrieben vom Zweifel an der Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns, zerrissen ob des Wissens, sich in eine Nische zurückgezogen zu haben, in der sie die Welt nicht werden verbessern können. Oder vielleicht doch? Der Abend lebt von dieser Ambivalenz, von der immer unerträglicher werdenden Spannung, die aus der inneren Zerrissenheit zwischen Handeln und Nichtstun, richtig und falsch, Leben und Mitlaufen entsteht. Über zwei Stunden wird fast durchgängig geredet, und doch entsteht daraus ein Sog, der uns Zuschauer droht hinabzureißen in den Abgrund wo die Frage nach dem richtigen Leben unbeantwortbar lauert. Was ist der richtige Weg? Schauspieler oder Dschihadist? Eine einfache Frage, die doch in einer Gesellschaft ohne Kompass, die schlingert zwischen den Polen Gewalt und Wahnsinn, plötzlich ganz, ganz schwierig wird.

Advertisements

Ein Gedanke zu „Im Namen der Väter

  1. […] Leere, die folgt, wenn  dem Menschen der Boden unter den Füßen weggerissen wird. Wie schon in The Civil Wars, dem ersten Teil der Europa-Trilogie, erfolgt die Bestandsaufnahme über persönliche Geschichten […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: