Im Fahrstuhl

Riccardo Muti dirigiert die Berliner Philharmoniker

Von Sascha Krieger

Dass Riccardo Mutis erstes Gastdirigat bei den Berliner Philharmonikern seit sechs Jahren kein besonders schwergewichtiges musikalisches Ereignis werden würde, was schon nach der ersten Lektüre des Programms klar: eine offen Rossini imitierende Ouvertüre Franz Schuberts, eine erste Fingerübung von Richard Strauss auf dem Weg zur symphonischen Dichtung, dazu eine auf einer Serenade basierende Mozart-Symphonie. Nebenwerke allesamt, Übungen im eleganten, dem Ohr schmeichelnden Schönklang, wenig mehr. Ein ungewöhnliches Programm für einen Großmeister des Taktstocks, das vielleicht von seiner Entspanntheit spricht, sich und dem Publikum nichts mehr beweisen zu müssen. Was ihm nicht ganz gelingt, denn zu beweisen vermag er dem aufmerksamen Zuhörer durchaus etwas und sei es, wie glatt, wie angenehm, dieses Orchester klingen, welchen wie voller Oberflächenglanz es entwickeln kann. Welch schimmernder Streicherklang, welch schillernde Farbenpracht, welch umangestrengter Schwung: Sein Schubert, die Ouvertüre im italienischen Stil D591, ist purer Schönklang, so rund und elegantem Klang, dass er problemlos als Fahrstuhlmusik durchginge – angenehm, entspannend und vollkommen harmlos.

Riccardo Muti (Foto: Todd Rosenberg)

Riccardo Muti (Foto: Todd Rosenberg)

Wenn sich das noch steigern lässt, gelingt es in Mozarts Hafner-Symphonie KV 385. Der Kopfsatz klingt in seiner wohldosierten Dramatik wie die Ouvertüre einer von Mozarts weniger gelungenen Opern, der kompakte Klang kennt keine Ecken oder Kanten, das Orchesterspiel ist von einer Glätte, die nie zu strahlen vermag, weil das schon zu aufdringlich wäre. Zuckersüß die Streicher im Andante, makellos ihr Fluss im Menuett0, das zum Fußwippen einlädt, moderat in all seinen Schattierungen das Finale. Ob voraneilender Schwung, feierliche Strenge oder dynamische Vielfalt: Muti verabreicht alles in homöopathischer Dosis, mit einer lässigen Routine, die das Orchester sichtlich unterfordert und keinerlei nachklingende Wirkung hinterlässt. Muti sucht nichts in dieser Musik, da ist keinerlei analytischer Ehrgeiz, kein irgendwie erkennbarer interpretatorischer Ansatz. Er will gefallen und sonst nichts. Dass er dabei eine Symphonie Wolfgang Amadeus Mozarts zu vollkommener Belanglosigkeit zusammenschnurren lässt, nimmt er in Kauf.

Für Richard Strauss‘ nicht ganz zu Unrecht selten gespielte „symphonische Fantasie“ Aus Italien – zuletzt erklang sie mit diesem Orchester vor 26 Jahren, Dirigent war ein gewisser Riccardo Muti – verheißt das nichts Gutes. und doch wird der Abend nach der Pause ein wenig stärker: Muti fühlt sich Sicht- und hörbar wohler in der klanglichen Opulenz, den ausschweifenden Bewegungen, dem ausufernden Farbenspiel des Spätromantikers. Da wird der Klang etwas transparenter, wandert der Fokus stärker auf die Details, dürfen die Philharmoniker die orchestrale Farbenpracht auskosten. Dabei bleiben die Zügel angezogen, weiß der Maestro jegliches Extrem zu vermeiden. Aus Italien  ist ein Werk der Stimmungen, die Muti nur zu gern vor seinem Publikum ausbreitet. Weit und ausladend ist der erste Satz „Auf der Campagna“, vielfarbig und zuweilen muskulös die disparate Motivparade im anschließenden Allegro „In Roms Ruinen“. Da geht der Ton auch mal ins Schwärmerische, bekommt das Pathos seinen Raum, frönt Muti der großen Gesten.

„Am Strande von Sorgend“ ist dann alles sanft und hell und lieblich, dürfen die Streicher sacht schweben, ohne dass das Orchester sein festes Fundament aufgäbe. Der Blick verschiebt und verliert sich ins Detail, die glatte Oberfläche darf lichtdurchflutet glänzen. Im finalen“Neapolitanischen Volksleben“ geht es dann kontrolliert lebendig zu, betont Muti die Kontraste in Tempi wie Dynamik, darf das Orchester gar ein wenig strahlen. Das ist um einiges lebhafter und facettenreicher, detailschärfer und nuancierter als alles, was vor der Pause zu hören war – ambitionierter ist es nicht. Es ist nichts dagegen zu sagen, der Musik ihren Lauf zu lassen, nicht nach ihrem Kern zu forschen, sondern sich einmal ganz allein dem Zauber des schönen Klangs hinzugeben. Doch will sich dieser in diesem tiefenentspannten Musizieren nicht recht einstellen, werden Eleganz und schmeichelnder Ton zum Selbstzweck, will diese Musik sich so wenig aufdrängen, dass sie sich gar nicht mehr fassen lässt. Die süße Zuckerwatte, die Muti hier anrührt, löst sich schon beim ersten Kosten auf und hinterlässt ein wohliges Gefühl, dessen Ursache man schnell vergessen hat. Vielleicht ist das auch ganz gut so.

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