Der Endspieler

Thomas Bernhard: Die Macht der Gewohnheit, Berliner Ensemble (Regie: Claus Peymann)

Von Sascha Krieger

Vielleicht ist der Titel ja wörtlich zu nehmen: Claus Peymann hat die meisten Stücke Thomas Bernhards uraufgeführt und wenn nicht, dann hat er es meist irgendwann nachgeholt. Und so ist es womöglich tatsächlich die titelgebende Macht, die ihn nun dazu bringt, ein Stück auf die Bühne zu hieven, dessen Uraufführung vor mehr als vierzig Jahren er Dieter Dorn überlassen musste. Denn was er mit diesem Dreiakter, der sich in betont künstlicher, an Wiederholungen und ritualhaften schleifen reicher Sprache mit dem Künstlersein und seinen scheitern müssenden Ansprüchen vefasst, anstellt, ist mit routiniertem Herunterspülen noch freundlich umschrieben. Viel lässt sich zur Inszenierung, so man das so nennen will, nicht sagen: Statt betonter Künstlichkeit versucht er sich in realistischen Sprechanlässen und einem fast boulevardesken Konversationston, den der Text ihm spürbar übelnimmt. Denn seiner inhärenten Artifizialität beraubt und in ein pseudorealistisches Setting geschleudert, implodiert Bernhards Kunst- und Künstlerparabel, schnurrt sie auf Zwergenmaß zusammen und überschreitet sie mehr als einmal die Grenze zur Banalität. Mit einer Ausnahme bleiben seine Figuren Pappkameraden, lächerliche zweidimensionale Abziehbilder, die eine Sinnhaftigkeit ihres Treibens gar nicht erst behaupten. Da fehlt denn auch schnell jeder Spannungsbogen, so dass das alberne Getue nicht einmal als gescheiterter Boulevard durchgeht.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

Und doch gibt es Lichtblicke. Da ist zum einen die Bühne von Peymanns Bernhard-Mit-Veteranen Karl-Ernst-Herrmann. Eine entleerte Sehnsuchtslandschaft hat er auf die Bretter gezaubert: vorn eine Schräge, auf der Klavier und Sonnenschirm schief stehen und die Darsteller um ihre Balance kämpfen. Im Hintergrund ein Horizont mit ins Nirgendwo führender, durch Laternen angedeuteter Straße und einsam blinkendem Zirkuszelt. Das ist irgendwo zwischen Tennessee Williams und Samuel Beckett angesiedelt, zwischen zum Scheitern verurteilter Resthoffnung und bloßem längst jeder Illusion beraubtem Weitermachen. Da kann sich der Zuschauerblick schon einmal verlieren in diesem (Un-)Möglichkeitsraum, der das auf ein vermeintliches Ziel ausgerichtete und sich selbst konterkarierende Perfektionsstreben des Textes in einem Bild besser und k0mplexer wiedergibt als als die netto knapp zwei Stunden Regieverweigerung von Claus Peymann auch nur versuchen.

Und die dem eigentlichen Ereignis des Abends die passende Spielfläche schenkt: Jürgen Holtz. Ihn als den Star des Abends zu bezeichnen, griffe zu kurz. Er trägt ihn, er macht ihn ganz zu seinem, wo Peymann jegliche Haltung verweigert, hat Holtz mehr als genug davon zu bieten. Kurzerhand interpretiert er den Text kurzerhand um: Aus der Künstlerkomödie wird eine bittersüße Parabel des Alterns. Sein Zirkusdirektor Caribaldi ist ein alter Mann, der mit wachsender Verzweiflung darum kämpft, sein Altsein nicht akzeptieren zu müssen. Trotzig und zunehmend starrsinnig hält er die Ansprüche an sich selbst und an andere aufrecht, auch wenn er spürt, dass er sie nicht mehr erfüllen kann. Und doch wird jeden Tag das Forellenquintett geprobt, auch wenn jeder weiß, dass es nicht mehr gelingen wird. Hier geht es längst nicht mehr um Kunst, sondern nur noch ums Festhalten des sich Entziehenden, das natürlich nichts anderes ist als das langsam erlöschende Leben. Da werden die Bernhardschen Wiederholungen zum Symptom abnehmender Geisteskraft und zur Kreisbewegung des Immergleichen, die allein noch das weitermachen ermöglicht.

Seine Gemeinheiten wie die schelmisch quittierten Streiche sind Ausdrucksformen eines Greises, dessen reale Macht – auch und gerade die über sich selbst – schwindet. Berührend der Moment, in dem ein sichtlich verwirrter Caribaldi versucht, die ihm präsentierte Lösung für das Problem der rutschenden Kappe des Spaßmachers zu verstehen. In Jürgen Holtz‘ Händen wird Die Macht der Gewohnheit zur bitteren Komödie des Altwerdens, zum Porträt eines Menschen, der die Zeichen wohl sieht, aber zu ignorieren gewillt ist, der die Nichtakzeptanz des eigenen Verfallene zur Glaubenslehre erhoben und darüber zum Tyrann geworden ist. Da kann Jürgen Holtz noch so viel grimassieren: am Ende bleiben seine traurigen, sehnsüchtigen verzweiflungsvollen Augen, die gar nicht in Herrmanns leere weite blicken müssen, weil sie sie längst enthalten, weil ihr Besitzer nicht einmal mehr auf Godot zu warten vermag. Und auf sich selbst erst recht nicht. Da heißt es dann eben nur: „Es muss gespielt werden“. Bis zum bitteren Ende.

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