Lebensfülle

Pietari Inkinen springt beim DSO kurzfristig für Jaap van Zweden ein und begeistert

Von Sascha Krieger

Vielleicht ist diese Vorbemerkung gar nicht notwendig, und doch hilft sie womöglich, diesen Abend, das Konzert des Deutschen Symphonie-Orchester Berlin am Ostersamstag 2015, besser einzuordnen: Wenige Tage vor dem Konzert musste Dirigent Jaap van Zweden aufgrund einer Erkältung absagen, so kurzfristig, dass die Programmhefte längst gedruckt waren und nur noch Zeit blieb, den eingesprungenen Pietari Inkinen auf einem losen, eingelegten Blatt vorzustellen. Notwendig erscheint diese Bemerkung, weil sich dem Abend die Tatsache, dass hier ein Dirigent innerhalb weniger al einer Woche ein Programm einen anderen übernahm, in keiner Sekunde anhören lässt. Mehr noch: Wenn dies nicht das aufregendste Konzert der aktuellen – und bislang überaus starken – DSO-Spielzeit ist, dann ist es zumindest sehr nahe der Spitze anzusiedeln. Das lässt sich schon vor der Pause erahnen, als Edward Elgars Liederzyklus Sea Pictures erklingen. Die niederländische Mezzosopranistin Christianne Stotijn überzeugt mit kraftvoller, doch ungemein variabler Stimme, einem klaren, vollen Ton, der die dramatischen wie die lyrischen Passagen beherrscht, wobei letztere noch ein wenig eindrucksvoller gelingen. Doch schon hier ist das Orchester mindestens ebenbürtig. Es nimmt sich zurück und füllt doch den musikalischen wie den Stimmungsraum dieser speziell für Orchester konzipierten Stücke voll aus. Von Beginn an überzeugen die Hell-Dunkel-Konstraste und der dichte Klang, die der Musik eine musikalische Intensität verleihen, die sie keine Sekunde lang verliert. Klar, transparent und jede Note akzentuieren, webt Inkinen einen feinen, subtilen und doch überaus farbenreichen Klangteppich, auf dem Stotijn sicher wandeln kann. Dabei gelingen die zarten lyrischen Abschnitte ebenso wie die dramatischen, die das Orchester auf durchaus muskulöse Weise nimmt, wie Inkinen auch nicht vor der musikalischen Opulenz vor allem des letzten Liedes zurückschreckt. Hier wird ein Universum eröffnet, das nach der Pause durchschritten werden kann.

Dann erklingt ein Werk, das längt zum Dauerbrenner auf Konzertpodien weltweit geworden ist: Gustav Mahlers fünfte Symphonie. Noch in diesem Monat werden die Berliner Philharmoniker unter Sir Simon Rattle das Werk spielen, doch die Latte liegt schon jetzt sehr hoch. Inkinen sucht die Brüche, das Abgründige in Mahlers komplexer musikalischer Welt und er wird ausreichend fündig. Das beginnt schon bei den weichen, warmen Streichern des Kopfsatzes, die in höchster Transparenz die untergründigen, den schönen Schein durchbrechenden, ohne große Geste und doch in aller Deutlichkeit offenlegen. Der schnelle Mittelteil scheint fast außer Kontrolle, so anarchisch klingen die verschiedenen Instrumentengruppen durcheinander und doch hat der Wahnsinn Methode. Die Vielstimmigkeit, bei der jedes Instrument gleichberechtigt und gleich wichtig ist, verstört und bereitet zugleich den Boden für die Überführung des Trauermarschs in eine fahle Gespensterparade. Dabei sind die Rollen vertauscht: Klingen die Blechbläser warm und optimistisch, fährt das Holz seine scharfen Krallen aus. Der zweite Satz schließt daran an: Aufgewühlt und stürmisch kommt er daher, und erneut stehen die Ausdrucksmodi ohne jede Hierarchisierung nebeneinander, bleibt nichts unwidersprochen: Wo die Celli sanft singen, fallen die Holzbläser ihnen so lange meckernd ins Wort, bis erstere in einer eindringlich kargen Passage subtile Trauer verströmen und es plötzlich kalt wird in der Philharmonie. Der Satz ist ein Ringen zwischen Hell und Dunkel, ein dramatisches Hin und Her der Kontraste, bei dem nichts erzwungen ist, sondern das vorurteilsfreie Nebeneinander der transparent ausgebreiteten Ausdrucksmodi die Arbeit übernimmt. Bis zum Schluss: Hier steht die strahlende Apotheose neben leisen, zunehmend fragmentarischen Tönen, die kraftvolle Verdichtung neben der angedeuteten Auflösung.

Davon singt auch das anschließende Scherzo, in dem Beschleunigen und abbremsen eins sind und die musikalische Landschaft noch zerklüfteter ist als in den vorigen Sätzen schon. Die ruhigeren abschnitte lässt Inkinen tastend, beinahe bruchstückhaft spielen, während in anderen Passagen das Orchester einen äußerst aufgewühlten Charakter hat. Die Isolation der motivischen Blöcke nimmt noch zu, von Walzerseligkeit ist nichts zu spüren. Das schreit das Holz und kann auch der kraftvolle Schluss, das Auseinanderstreben den nicht mehr Zusammenzuhaltenden nicht überdecken. Da dient das berühmte Adagietto als Ruhepol, als Gelegenheit, innezuhalten und sich neu zu orientieren. Klar und schlank ist der streicherdominierte Klang, schlicht und schnörkellos der Ausdruck. Wie aus dem Nichts erwacht der Satz, eine Neugeburt der Musik aus der Stille. Sehr zart und zerbrechlich die Sehnsuchtsweise, die sich tastend ihrer selbst versichert, festen Boden findet und doch beinahe schwebend und unendlich zart dahin fließt. So licht, so behutsam hat man dieses Satz selten gehört, ein inniges Sichselbstvergewissern der Musik.

Die so vorbereitet dann im Finale zu ihrer vollen Kraft findet. Ihn interpretiert Inkinen als Gegenbewegung zu den ersten drei: Wo sind dort das Ganze zunehmend auflösten, findet hier das Vereinzelte schrittweise zusammen. Unglaublich lichtdurchflutet und offen ist dieses musikalische Werden, hört man jede Note, jedes Instrument, wie es sich leichten Fußes und mit wachsendem Optimismus auf die Tanzfläche wagt. Da fügt sich dies zu übersprudelnder Lebensfreude, die sich in einen strahlenden Choral ergießt und am Ende in purer Lebendigkeit durch den Saal springt. Der Abgrund, in denen wir zuvor blickten, ist nicht vergessen, doch sein Sog ist überwunden, weil wir uns ihm gestellt haben. Mahler Fünfte ist letztlich eines seiner lebensbejahendsten Werke und Pietari Inkinen wagt es, dies klar und deutlich herauszustellen. Hier pulsiert das Leben in allen Facetten, siebzig Minuten lang. Dass hier ein „Einspringer“ am Pult steht, ist vielleicht das größte Wunder dieses beglückenden wie aufwühlenden Abends. Zwei bedeutende Berliner Orchester, das DSO und die Philharmoniker, suchen derzeit nach einem neuen Chefdirigenten. Zumindest Ersteres sollte einen sehr sorgfältigen Blick auf diesen Finnen werfen.

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