Der Sandkastenkönig

William Shakespeare: Richard III., Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Thomas Ostermeier)

Von Sascha Krieger

Es ist schon ein Kreuz mit diesem Richard: es gibt wohl bei Shakespeare – und vielleicht auch sonst in der dramatischen Literatur – keine Figur, die alles so überstrahlt wir er. Und die sogleich so fasziniert wie dieser Intrigen spinnende, mordende, vollkommen amoralische König. Schon im Text überstrahlt er alles: Wo Macbeth eine Mitschurkin auf Augenhöhe oder Hamlet veritable Gegenspieler hat, steht Richard allein in einem Meer schwacher, rückgratloser Mitläufer. Der einzigen Figur, die es in Sachen Machtbewusstsein wie Skrupellosigkeit mit ihm aufnehmen könnte, die ehemalige Königin Margaret, gönnt Shakespeare gerade einmal einen Auftritt (der allerdings auch an diesem Abend zu den Höhepunkten gehört, was vor allem an der schneidenden Kälte und dem ruhig verspritzten Gift liegt, mit denen Robert Beyer sie darstellt). Ansonsten gehört die Bühne Richard, was durch den extrem hohen Monologanteil, der ausschließlich der Titelfigur gebührt, noch verstärkt wird. Und so ist das Stück längst ein Star-Vehikel geworden, eine bloße Rolle, die jeder große Schauspieler gespielt haben muss. Daran kann auch eine Chance liegen, schließlich steht und fällt das Stück mit der Art und Weise, wie man diese Figur interpretiert, wo man das Böse, das sie symbolisiert, verortet. Die Gefahr jedoch ist, dass sie zum Show-Act des Hauptdarstellers wird und jenseits von dessen Fähigkeiten wenig sichtbar macht – wie es zum Beispiel bei Kevin Spacey am Londoner Old Vic der Fall war.

Lars Eidinger als Richard III. (Fotoi: Arno Declair)

Lars Eidinger als Richard III. (Fotoi: Arno Declair)

Auch an der Schaubühne stehen die Zeichen nicht gut: Hier spielt Lars Eidinger die Rolle, der unbestrittene Star des Ensembles, der den Hamlet zu Welterfolg machte und ohnehin jede Bühne zu dominieren tendiert, die er betritt. Zumal ihm Hausherr Thomas Ostermeier und Bühnenbildner Jan Pappelbaum gleich eigens für dieses Stück eine eigene gebaut haben. Steil aufsteigende Zuschauerränge samt Galerie umgeben ein sandbedecktes Halbrund – eine moderne Version von Shakespeares Globe Theatre, dessen detailgetreuer Nachbau sich heute, natürlich vor allem mit Shakespeare-Stücken, an Londons südlichem Themse-Ufer erleben lässt. Ganz nah ist Eidinger am Publikum und er dankt dies mit einem Spiel, das in seiner Zurückgenommenheit überrascht. Nur selten setzt er auf die große Geste, selbst wenn er brüllt und seinen Körper wirkungsvoll durch die Manege wirbelt, bleibt da meist eine durchaus wohltuende Subtilität und Nuanciertheit, die ihm in anderen Rollen oft fehlt. Sein Richard ist kein brutales Monster und auch kein schlauer Politiker, er ist ein fast kindlicher Spieler, der sich diebisch freut, wenn ein Plan aufgeht und schon mal, etwa nach seinem erfolgreichen Werben und die verwitwete Anne, deren Gatten er selbst getötet hatte, großäugig wundert, wie toll das alles klappt. Er ist ein Sandkastenkönig, der mit schmeichelnder, etwas schleppender und stets ein wenig gelangweilter Stimme Intrigen spinnt, um die Zeit zu füllen, der sich in den Monologen per herabhängendem Mikro in Szene zu setzen weiß, ein Aufmerksamkeitsaufsauger und Im-Mittelpunkt-Steher par excellence. So gut sich dieser Richard zu verstellen vermag – die Szene, in der er sich die Krone antragen lässt, ist brillante Schmierenkomödie – zu wenig berechnend wirkt das, so sehr ist es Lust am Spiel. Da fallen Rolle und Darsteller beinahe zusammen, zumal Eidinger die Requisiten seines missgestalteten Königs – den aufgeschnallten Buckel, den Klumpfuß-Schuh – genüsslich ausstellt.

Da bleiben alle anderen Staffage, kann neben Beyer bestenfalls Thomas Badings komödiantische Wandelbarkeit – als eitel hypochondrischer König und lächerlich schlangenhafter Bürgermeister – und Sebastian Schwarz‘ schnoddrig klarsichtig vorgetragener Hastings kurz hervorstechen, während die anderen Darsteller eher hölzern agieren und im Hintergrund bleiben – Jenny Königs plakativ angewidert dreinschauende Anne fällt da besonders negativ auf. Sie sind Richards sterbenslangweilige Sandkastenfreunde, weshalb es nur verständlich ist, dass er sie so schnell es geht wieder loszuwerden sucht. Die Darstellung der beiden kindlichen Prinzen als nörgelnde Holzpuppen passt da gut ins Bild. Glaubhaft auch die Wandlung Richards zum quengelnden Spielplatz-Tyrannen, wenn er seinen Willen nicht bekommt und irgendwann keiner mehr mit ihm spielen will. Nur wo führt das hin, welches Bild des skrupellos mordenden, welche Interpretation menschlicher Gewalttätigkeit ergibt das? Keine und so führt der Sandkasten-Richard letztlich zu einer Implosion eines Stücks, das für diese Hauptfigur viel zu groß ist – woran auch hämmernd aggressive Musik (Nils Ostendorf und Schlagzeuger Thomas Witte) und plumpe Videoeinspielern von der Freiheit der Vögel (Sébastien Dupouey) nicht ändern können. Natürlich ist der Schluss eindrucksvoll: Ostermeier und Eidinger verlegen Richards Niederlage in sein Inneres, in einen Alptraum mit anschließenden Schattenfechten, ein Getriebener, der letztlich Opfer der Dämonen wird, die er selbst schuf. Nur hat er nichts mit dem zu tun, was die vorigen gut zwei Stunden zu sehen war, gehört er zu einer ganz anderen Inszenierung. So bleibt am Ende eine One-Man-Show, die sich sicherlich wieder gut verkaufen lassen wird.

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