Ein Wal namens Bewusstsein

René Pollesch und Dirk von Lowtzow: Von einem der auszog, weil er sich die Miete nicht mehr leisten konnte, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: René Pollesch)

Von Sascha Krieger

Das ewige Menschheitsthema Liebe hat der theatrale Diskursgroßmeister, Kapitalismusanalytiker und Realitätshinterfrager René Pollesch ja schon seit einigen Volksbühnen-Abenden für sich entdeckt. Da ist der Schritt ins Weltumspannende, Universelle nur konsequent. Und so schleudert uns der wunderbar irreführend Von einem der auszog, weil er sich die Miete nicht mehr leisten konnte betitelte Abend (Gentrifizierung und derlei Dinge gehören zu den wenigen Themen, die er nicht streift) nicht nur Polleschs Interpretation der Menschheits- und Evolutionsgeschichte um die Ohren, sondern verzahnt gleich noch Sprech- und Musiktheater zur ganz großen Pop-Diskurs-Oper. Darunter macht es auch keinen Spaß, wenn Diskurs-Theater (Pollesch) auf Diskurs-Pop (Tocotronic-Frontmann Dirk von Lowtzow) trifft. Da braucht es dann drei Schauspieler, einen beeindruckende Höhen (auch im Wortsinn, doch dazu später mehr) erklimmenden Bariton (Martin Gerke), einen bühnenfüllenden Kinderchor (den des Georg-Friedrich-Händel-Gymnasiums) und das Filmorchester Babelsberg unter der Leitung von Oliver Pohl. Sogar eine Ouvertüre hat der Abend zu bieten. Das kann nur ganz großes Kino, nein, Theater werden und tatsächlichen werden diesbezügliche Erwartungen nicht enttäuscht.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

Denn eigentlich ist alles wie immer bei René Pollesch: Tief greift er in die Bibliothek der Postmoderne, insbesondere Žižek und Lacan sind präsent wie eh und jäh in den endlos erscheinenden, sich genüsslich wiederholenden Diskursschleifen, die von Hundertsten ins Tausendste kommen, nur um irgendwann wieder am Ausgangspunkt zu landen  Dabei ist der Weg das Ziel, das Mittel der Zweck. Natürlich geht es um die Möglichkeit oder Unmöglichkeit der Liebe. Da wundern sich die umwerfenden Lilith Stangenberg, deren schwebende, immer irgendwie entkörperlicht wirkende Stimme wie geschaffen ist, um Polleschs Sentenzen durch die Luft zu wirbeln und gleichzeitig ironisch zu brechen, und Martin Wuttke, der sanfte Stauner und störrische Nachhorcher, darüber, das beim Auftauchen des einst Geliebten nach zehn Jahren, die Vorstellungen vom Anderen ebenso zusammenbrechen wie jene von sich selbst, dass das Phantasma, das sich Begehren nennt, wenn es der Realität zu nahe kommt, diese plötzlich verschluckt. Das Problem mit Liebe und Begehren ist, dass sie sich nicht fassen, nicht objektivieren lassen, dass sie, wie der sich irgendwann in ein Amphibienkostüm zwängende Wutzke feststellen muss, sich der evolutionären Logik entziehen. Warum, so fragen sie, definiert sich das liebende Subjekt nur über den Anderen, verliert es sich, damit konfrontiert, selbst?

Die Suche nach der Antwort wird zur Reise durch die Evolutionsgeschichte, durch Biologie und Philosophie und Anthropologie. Und sie wird bald selbst zum Objekt, zu eigentlichen Thema des abends: Denn worum es hier eigentlich geht, ist genau dieses ungläubige Staunen: darüber, dass dieser irrationale Unsinn namens Liebe diese macht über uns hat, dass sie, wird sich das Individuum ihrer Absurdität bewusst, zum Verlust der Wirklichkeit, zur Implosion des Selbst führt. Da lässt sich noch so viel darüber zetern, man müsse aus dem Zwang, Held seiner eigenen Geschichte zu sein, entkommen, sie holt einen doch immer wider ein. Und dann bleibt als Grundgestus eben nur das Wundern, verkörpert durch den nicht erklärbaren Holzwal, der über der Bühne schwebt und in den sich das Schauspielertrio – neben Stangenberg und Wuttke der Textautomat Franz Beil – und später auch Bariton Gerke zwängen. Wie sie da schweben, entrückt dem festen Halt der Realität, sind sie die drei Fragezeichen des Lebens. Und singen Sätze wie „Ich hafte an dir, wie eine Zecke an einem Tier“ oder „Wir haben nie gelebt, doch wir sind miteinander verklebt“.

Diese stammen aus der Feder von Lowtzows und komplementieren Polleschs Text, bilden das musikalische und das heißt eben nie komplett in Rationalität aufzulösende Gegenstück. Das selbst ziellos zu mäandern scheint, zwischen Barock und Hollywood-Schmalz, Strauss-Zitaten und Wagner-Pathos, Breitwand-Pop und Neuer Musik. Da rennt ein rotgewandeter Kinderchor über die Bühne, nur um gleich wieder zu verschwinden. „Wie lösen wir das Rätsel des Bewusstseins?“, fragt Stangenberg einmal. Gar nicht, lautet Polleschs und von Lowtzows Antwort. Statt dessen deklinieren wir die Frage durch, rekonstruiert sie und baut sie wieder zusammen, bis sie sich von jeglicher Bedeutungsbehauptung emanzipiert hat, eingezwängt in Klamotten irgendwo zwischen Show-Kostüm und Raumanzug, im Lametta-Kreis von Bert Neumanns Bühne. Nein, dieser Abend ist ganz großes Theater nicht obwohl, sondern weil er sich so lange im Kreis dreht, bis er nur noch bloßes Spiel ist, musikalisches, körperliches, sprachliches, bis sich das intellektuelle Grübeln selbst auf den Schwanz tritt und vor dem kapituliert, was es zu erklären versuchte. Die Freude, die er entfaltet, liegt wohl auch in diesem Rest, den der Diskurs lässt, lassen muss, das Wundern, ohne das durchs Leben zu gehen, unerträglich öde wäre. Und so bleibt nur zu hoffen, dass diese Rezension nicht verständlicher ist, als der Abend, den sie nicht wagen würde zu beschreiben.

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