Mosaiksteinsetzer

Das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin unter Tugan Sokhiev spielt Werke von Schostakowitsch, Chatschturjan und Brahms

Von Sasha Krieger

Wenn der Zuhörer nicht will, dass es jemals endet, wenn er aus dem musikalischen Ozean,in dem er schwimmt, nicht mehr auftauchen will, ist das vielleicht das größte Kompliment für einem Musiker oder ein Ensemble. Und doch ging es diesem Rezensenten genau so bei der Aufführung von Aram Chatschaturjans viel zu selten gespielten Klavierkonzert mit dem Solisten Jean-Yves Thibaudet und dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin unter Leitung seines Chefdirigenten Tugan Sokhiev. Das hat viel mit Thibaudet zu tun, der jedem T0n hinterherblickt, wie er seine Kreise hinterlässt in diesem langen, nie enden wollenden Fluss, der sein Spiel ist. Immer wieder fühlt man sich bei Thibaudet an Jazz erinnert, blickt er stets zurück wie voraus, ist jede letzte Phrase der Beginn einer neuen Erzählung. Dabei steht kein Ton allein, führt jede Note zur nächsten und steht doch glasklar vor uns. Ihn interessiert das Folkloristische in Chatschaturjans Musik wenig, das hatten Dirigent und Orchester bereits mit festem Zugriff, klarem, schlanken Klang, lebendigem Spiel und tänzerischer Leichtigkeit bereits zuvor in Dmitri Schostakowitschs erster Balletsuite erledigt, einem purer Pragmatik geschuldeten Werk, mit dem sich der von Stalins Bannstrahl getroffene Komponist über Wasser halten konnte. stattdessen interessieren Thibaudet die zahlreichen Richtungswechsel, das Spiel von dynamischen Kontrasten und widerstreitenden Tempi, die Chatschaturjans Werk auch ausmachen. Und denen er doch eine lineare Entwicklung abzuringen vermag. Aus dem Disparaten ein Ganzes zu schaffen, das gelingt dem Franzosen mit bezwingender Konsequenz.

Tugan Sokhiev, Chefdirigent des DSO (Foto: Patrice Nin)

Tugan Sokhiev, Chefdirigent des DSO (Foto: Patrice Nin)

In Tugan Sokhievs DSO hat er dabei aber einen kongenialen Mitstreiter. Ob Orchester und Solist einander gerade verstärken oder dialogisieren, stets begegnen sie sich  auf Augenhöhe. Der Orchesterklang ist klar, dicht und von dunkel grundierter Fülle, das Spiel kantenscharf und ebenso muskulös wie es auch der Solist zu gestalten weiß. Und doch gelingen die lyrischen Passagen wie die kraftvollen, überzeugen die bunten Maosaiksteine wie die vermeintlich unauffälligen. Mal eilen Solist und Orchester davon, dann wieder tasten sie sich suchend voran. Harte Brüche stehen neben nachdenklichem Innehalten, feines Pianissimo neben wuchtig schroffem Forte. Da ist auch das stürmische Finale kein bloßer Kehraus, setzen Solist und Orchester rhythmische Akzente und erzeugend durch klangliche Konzentration Kraftausbrüche, welche die Komplexität des Vorangegangenen aufnehmen und das Ende als willkürlichen Abbruch erscheinen lassen. Gemeinsam machen sie das Werk zu 35 Minuten purer Bewegung, die keinen Anfang, kein Ende und wohl auch kein Ziel hat, sondern dieses selbst ist.

Vom Einzelnen ins Ganze strebt dann auch Johannes Brahms zweite Symphonie. Ein oft gehörtes Werk derzeit in Berliner Konzertsälen, schließlich haben gleich drei Orchester (Berliner Philharmoniker, Konzerthausorchester und RSB) in dieser Saison Brahms-Zyklen auf ihren Spielplänen. Trotzdem gelingt Sokhiev durch aus eine eigene Interpretation: Er  lässt das für Brahms Verhältnisse recht optimistische Werk aus seinen Einzelteilen entstehen, quasi als musikalisches Mosaik, das erst nach und nach zu einem Gesamtbild zusammenwächst. Dabei stellt er die musikalischen Zellen in aller Deutlichkeit nebeneinander (die Bach-Anklänge im Kopfsatz etwa sind unüberhörbar), ohne die Kontraste zu betonen. Die den sich entwickelnden melodischen Fluss zu Beginn unterbrechenden Posaunen verstecken sich keineswegs und sind doch keine störenden Elemente. Wie die Streicher mal hell und klar, dann wieder schneidend klingen, die Naturlyrik der Holzbläser und Hörner bezaubert, nur um dichten, kraftvollen Energieausbrüchen Platz zu machen, sind Hell und Dunkel stets Partner. Gesanglichkeit und wuchtige Dramatik gehören hier selbstverständlich zusammen. Auch im zweiten Satz überzeugt die analytische Schärfe: Klar hörbar sind die metrischen Verschiebungen wie die Bremsbewegung im Oboenthema, stellt Sokhiev die unterschiedlichen Ausdrucksmodi vor und erzeugt damit eine innermusikalische Spannung, die keiner dramatischen Akzente bedarf.

Wirklich mosaikhaft dann der dritte Satz, der den Schwung der Tanzthemen selbstbewusst vorführt, während er sie zugleich hinterfragt. Die Lebensfreude ist spürbar und wagt sich doch nur behutsam hervor. Sehr muskulös gerät dann der Schlusssatz, geprägt von harten Kontrasten, die eine ähnlich intensive und doch völlig andersartige Spannung erzeugen wie der zweite Satz. Voranstreben und abbremsen sind die mit einander ringenden Bewegungen in diesem von ebenso transparentem wie dichtem Klang geprägten Finale, der in einem zugleich aufgewühlten wie konzentrierten Klangbild kulminiert und den Bewegungsgestus des Chatschaturjan-Konzerts aufnimmt, wenn auch auf vollkommen andere Weise. Wo jenes mäandernd dahinfloss, strebt die Brahms-Symphonie einem klaren Ziel entgegen, ein Ziel, das sie mit großer Kraft erreicht. Am Ende steht das Bild und es ist ein aufregendes, von der Macht und Komplexität großer Musik erzählendes.

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