Im Kosmos der Musik

Daniel Barenboim und die Wiener Philharmoniker eröffnen die Festtage 2015 der Berliner Staatsoper

Von Sascha Krieger

Die Tagesordnung muss warten. Auch an Daniel Barenboim und den Wiener Philharmonikern sind die Ereignisse der letzten Tage, der Absturz der Germanwings-Maschine mit 150 Menschen an Bord in den französischen Alpen, nicht spurlos vorübergegangen. Und so erklingt zunächst das berühmte Air aus Johann Sebastian Bachs dritter Orchestersuite – schlicht, zart, klar und ohne jedes Pathos. Ein sachliches Statement in relativ schnellen Tempi. Kein Druck auf die Tränendrüse, sondern ein leiser, umso berührenderer Abschied. Dem ein harter Bruch folgt, der dann doch gar nicht so hart ausfällt. Die Festtage der Staatsoper, die das Konzert eröffnet, sind in diesem Jahr Pierre Boulez gewidmet, dem einstigen Musikrevolutionär und Traditionszertrümmerer, der in diesem Jahr seinen 90. Geburtstag feiert. Doch das Werk, mit dem Barenboim beginnt, das Livre pur Cordes für Streichorchester, scheint die Stimmung des Bach-Stücks aufzunehmen. Da liegt ein Hauch von Trauer in den zarten Streicherteppichen, welche die Philharmoniker knüpfen, im ambivalenten Flirren, das von Beginn an aufgeladen ist mit nervöser Spannung. Dirigent und Orchester arbeiten präzise den Farbenreichtum dieses vielschichtigen Klangapparats sowie die Bewegung heraus, die dem Werk zugrunde liegt, die keine linearer ist, sondern eher eine der Gleichzeitigkeit – und doch mit Dynamik und gar Andeutungen von Rhythmik spielt, Kernelementen der Spannungserzeugung früherer Musiktraditionen. Das flächig transparente Spiel lässt immer wieder Rückblicke zu, fast meint man Melodiefetzen zu hören, dann wieder tauchen atmosphärische Reminiszenzen an eine Musiktradition auf, an die Boulez in der Interpretation von Barenboim und den Wienern zwar Hand anlegt, die jedoch stets Teil seiner DNA bleibt.

Daniel Barenboim, seit 1992 Künstlerischer Leiter und Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper (Foto: Monika Rittershaus)

Daniel Barenboim (Foto: Monika Rittershaus)

Dazu passt auch die weitere Programmgestaltung: Da stellt Barenboim zwo Bearbeitungen des gleichen Stücks einander gegenüber: Das 1985 veröffentlichte Mémoriale für Soloflöte und acht Instrumente und das „…explosante-fixe… originell“ für Soloflöte und Ensemble von Anfang der 1990er Jahre. Karl-Heinz Schütz, Solo-Flötist der Wiener Philharmoniker, besticht in beiden durch Klarheit und Ausdruck, durch äußerst subtiles Spiel, das vielleicht ein wenig weniger muskulös ausfallen könnte. Barenboim arbeitet jeweils die Kreisbewegung der wiederholten Anfänge und Abbrüche, des ständigen Ab- und Anschwellens heraus, welche die Musiker zurückgenommen und mit einiger Nüchternheit darstellen, wobei klanglich zwischen den acht Streichern der ersten und den um einige Bläser erweiterten  Klangapparat der zweiten Fassung kaum ein Unterschied besteht. Ein wenig affirmativer hätte das Ensemblespiel sicherlich ausfallen können. und doch ist der Unterschied ein essenzieller: Wirkt das frühere werk fragmentarisch, aufgebaut aus musikalischen Inseln in einem Ozean der Stille, schafft im späteren Stück die hinzugekommene Live-Elektronik Verbindungen zwischen den musikalischen Episoden, füllt den Zwischenraum, in dem es ihm öffnet, ein wenig subtil in diesem Fall – von einer Erweiterung kund Dezentralisierung des Klangraums lässt sich hier nur in Ansätzen sprechen – aber doch deutlich genug, um auch dem ungeübten Ohr klar werden zu lassen, dass dieses musikalische Universum plötzlich ein ganz anderes geworden ist. Der Schluss gerät besonders stark: Sein fragiles Schweben spannt den Boden nicht nur zur musikalischen Zwischenwelt des Livre, sondern auch zu den weichen, klaren und scheinbar schwerelosen Hornakkorden, die am Anfang von Franz Schuberts „großer“ C-Dur-Sinfonie D 944 stehen, die nach der Pause erklingt.

Hier sind die Wiener in ihrem ureigensten Territorium und es scheint fast, als wollten sie beweisen, was wir alle längst wissen: Das Wiener Idiom beherrscht kein Orchester der Welt so wie sie. Es wird eine beeindruckende Demonstration höchster Musikalität und atemberaubender Klangerlebnisse. Zuweilen hat man ja bei den Wienern der Eindruck, die glänzende Oberfläche sei ihnen wichtiger als die musikalische Substanz. Nikolaus Harnoncourt hat das kürzlich bei seinem Berliner Gastspiel bereits widerlegt und auch Barenboim gelingt der eindrucksvolle Nachweis, dass schöner Schein und musikalische Tiefe sehr wohl zusammenpassen können. Der weltberühmte einzigartige Streicherklang des Orchester ist stets präsent, doch er fließt nie einfach nur angenehm dahin, sondern lädt sich auf mit einer ungemeinen Kraft, die aus rhythmischer Akzentuierung und Klangdichte stammen, aus hochpräzisem, scharfkantigen Spiel und einer betörenden Kombination aus Einklang und (für Dirigent wie Orchester) überraschender Transparenz. Das Spiel ist ungeheuer leicht, aber nie leichtgewichtig, der Klang hell und licht, doch zugleich fest geerdet. Barenboim lässt den Kopfsatz mit einigem Schwung und viel Spielfreude nehmen, ohne dass auch nur ein einziger Schnörkel zu viel entstünde. Der Lebensjubel, den er findet, entstammt höchster Spieldisziplin, nicht eitler Vorführung musikalischer Fähigkeiten. Die Gesanglichkeit des Werk, sein Melodiefokus stehen im Zentrum eines Orchesterspiels, das es schafft, gleichzeitig zu fließen und harte Kanten zu setzen.

Denn Dramatik findet sich hier auch mehr als ausreichend. Tempiwechsel, rhythmische Konturen und dynamische Kontraste erscheinen in bestechender Klarheit und sorgen für eine ungeheure musikalische Spannung vom ersten bis zum letzten Ton. Dabei sind die dramatischen Entwicklungen stets organischer Natur, wie auch die kraftvollen Momente sich durch Verdichtung aus den lyrischen Passagen ableiten. Das ist besonders eindrucksvoll im zweiten Satz zu beobachten, in dem der weiche, volle Gesang der Holzbläser aufregend mit der strengen Schärfe der Streicher kontrastiert. Vor allem der Mittelteil, der atmosphärisch in die düsteren selten der „Unvollendeten“ weist, erscheint klar und kraftvoll, ohne je zum Fremdkörper zu werden. So licht diese Sinfonie daherkommt, so sehr denkt sie doch stets die Dunkelheit mit. Ein berauschendes Spiel von Dynamik und Rhythmus ist der dritte Satz mit seinem hier berührend schlichten und glasklaren Holzbläser-Choral im Trio. Ein Triumph dann das Finale: Schwungvoll und mit großer Kraft werfen sich Dirigent und Orchester in die musikalischen Fluten, loten die Vielfalt von Rhythmik, Tempi und Dynamik voll aus, setzen muskulöse Tutti gegen schwebende Streicherflächen und entdecken ein Universum, das in tausend Farben schillert. Der Kosmos der Musik ist an diesem Abend so groß wie selten, die Reise von Galaxie zu Galaxie, auf die Daniel Barenboim und die Wiener Philharmoniker das Publikum mitnehmen, eine ganz besondere.

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