Das Pathos der Gartenzwerge

Wajdi Mouawad: Verbrennungen, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz (3. Stock), Berlin (Regie: Carolin Mylord)

Von Sascha Krieger

Beginnen wir mit dem Wesentlichen: Verbrennungen  von Wajdi Mouawad ist sowohl einer der wichtigsten, als auch einer der besten Theatertexte der vergangenen Jahre. Am Beispiel einer Familie aus dem Bürgerkriegs- und schreckensgeplagten Libanon erzählt er über mehrere Generationen hinweg von vererbter Schuld, dem scheinbar Kreislauf von Gewalt und Hasse, in dem der Einzelne zwar Rädchen ist, der aber stets seine Entscheidung braucht mitzumachen oder sich zumindest nicht zu entziehen. Er erzählt von der tödlichen Macht des Schweigens und der Schwierigkeit wie Notwendigkeit, Selbiges zu brechen. Es ist ein Aufklärungsdrama auf mehreren Ebene: Da geht es ganz praktisch um die Aufdeckung vergessener oder verdrängter Ereignis, zweitens um das Aufklaren der Dunkelheit, die notwendig ist um, drittens, aufklären zu können, den Mantel des Schweigens herunterzureißen und es künftigen Generationen, die Schuld- und Gewaltspirale zum Halten zu bringen. Immer wieder und über mehrere Generationen hinweg geht der Text den Weg vom Schweigen zum Finden der eigenen Stimme, vom passiven Opfersein zum selbstbestimmten Handeln, vom Verdrängen zur Auseinandersetzung mit Schuld und Leid. Die parallele Geschichte der Mutter, die ihr Schicksal in die Hand zu nehmen sucht, die das Schweigen zu durchbrechen lernt, um letztendlich zu verstummen, und ihrer Kinder, die, zunächst widerwillig, ihren Weg weitergehen, um zu einer Wahrheit zu gelangen, die mit „unfassbar“ noch zu freundlich umschrieben ist, ist eine schmerzhafte, eine, die an den Grundfesten menschlicher Existenz rüttelt und vermeintlich Gewisses als Kartenhaus entlarvt. Und sie ist zugleich eine ungeheuer optimistische, denn sie glaubt daran, dass, Licht zu bringen in die Dunkelheit, sich dem Unerträglichen zu stellen, die Chance birgt, den Kurs zu ändern. Mouawad glaubt an die Macht der Aufklärung, keine besonders populäre Einstellung in unserer oft so zynischen Zeit.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

Das ist zugegeben eine lange Einleitung, doch sie ist nötig, denn in den knapp eineinhalb Stunden von Carolin Mylords Inszenierung ist von alldem so gut wie nichts zu erleben. Die Bühne, aufgeteilt in dezentrale Spielorte, die immer wieder zu Verrenkungen der Zuschauer führen, ist dominiert von einem Erdhaufen – Symbol der vergrabenen Vergangenheit, die freizulegen Voraussetzung ist, die Zukunft anzugehen. Ein paar Requisiten an der Wand – ein Krankenbett, eine kleine Küche, ein paar Stühle, ein Gebetsteppich, deuten Orte an, in den dann Szenen angedeutet werden. Denn Mylord inszeniert Mouawads multidimensionale Suchbewegung ganz linear mit der Komplexität einer halbgaren Nummernrevue, deren Hektik weder Geschichte noch den Figuren irgend eine Möglichkeit zum Atmen oder gar zur Entwicklung gibt. Sie beschränkt sich voll und ganz auf die doppelte Aufdeckungreise, die zudem so hastig und lieblos heruntergespult wird, dass sich der Zuschauer bald zwingen muss, seine Aufmerksamkeit hochzuhalten. Die zentrale Metapher des Schweigens (die Mutter hat in ihren letzten Lebensjahren nicht gesprochen), die weibliche Emanzipationsgeschichte, die Mouawad auch erzählt (die Schlüsselfigur der Großmutter etwa kommt gar nicht vor), die aufklärerische Ebene: Sie alle lässt Mylord weg, reduziert das Stück zu einer holprigen Detektiverzählung, die viel über die Grausamkeit des Menschen zu berichten weiß, aber keinerlei Fragen zu stellen gewillt ist. Viel wichtiger scheinen die folkloristischen Darstellungen verschiedenster Milizen, die krampfhafte Lokalisierung im Nahen Osten – nicht, dass noch einer auf die Idee käme, das Ganze könnte etwas mit uns zu tun haben – das lustvolle Hantieren mit allerlei Waffen.

Auch stilistisch findet der Abend keine Linie: Manches wird drastisch ausagiert, anderes zwanghaft kunstvoll verfremdet. Er schwankt zwischen eher hölzernem Realismus und ebenso platter Symbolik, aus dem Wechselspiel von auf der Bühne agierten Szenen und nachgestellten wie dokumentarischen Videoaufnahmen macht er nichts, da er letzteren wenig mehr erlaubt, als ein wenig Authentizitätsbehauptung und viel zu oft in Betroffenheitskitsch umschlagende plumpe Illustration zu sein. Eine Spannung ergibt sich aus dem Nebeneinander nicht. Auch der Ton ist durchgängig falsch: Das überdrehte Pathos der Mutter (Jeannette Spassova), die übertriebene Theatralik der Tochter (Johanna Schäfer-Asch), die infantile Bockigkeit des Bruders (Walid Al-Atiyat) sorgen dafür, dass man sich über weite Strecken im ersten Szenendurchlauf einer täglich ausgestrahlten Seifenoper befindet. Wenn es mal einen Regieeinfall gibt, gerät er eher plakativ – etwa die finale Aufspaltung der Figur, die das ganze Stück über gesucht wurde, in einen schuldigen und einen unschuldigen Teil. Es ist das Ende eines überaus ärgerlichen Abend, der einen ungemein aufregenden auf Gartenzwergniveau schrumpft und dem Publikum jede Lust darauf nimmt, sich auf diesen verstörenden Blick in allzu menschliche Abgründe einzulassen. Am Ende dieser geschwätzig nichtssagenden 80 Minuten bleibt nur das Schweigen. Das allein ist schon ein Offenbarungseid.

Advertisements

3 Gedanken zu „Das Pathos der Gartenzwerge

  1. Carolin Mylord sagt:

    Wir haben die Original Version der „Frau die singt“ gespielt. Das ist die oscarnominierte Textfassung von Denis Villeneuve, der – wie Wajdi Mouawad – franko-canadisch-libanesischer Herkunft ist und aus „Verbrennungen“ (INCENDIES im Original) einen ausserordentlich mutigen Film gemacht hat. Ich sehe in den bisherigen vier Vorstellungen ein sehr berührtes und bewegtes Publikum. @ Sascha Krieger: Es gibt kein überdrehtes Pathos der Mutter, es gibt einen durchweg rauhen, harten, trockenen Ton. Es gibt auch bei der Tochter nicht den Anflug von Theatralik, ich höre nur eine tiefe, burschikose Stimme und sehe ein junges Mädchen, die diese schwere Rolle ganz gradeaus spielt. Die „Bockigkeit“ des Sohnes steht im Original von Verbrennungen von Mouawad (erstmal den Stoff lesen bevor man eine Kritik schreibt), der Sohn will diese schwere Reise anfänglich nicht tun, er will die Wahrheit nicht angucken. Mit Seifenoper hat das nicht im Entferntesten etwas zu tun. Diese Inszenierung hat einen tiefen, ernsthaften Ansatz und versucht zu zeigen, was Religion und Krieg mit Menschen macht. Was man versucht hat: Dem Plot zu dienen, die Geschichte zu erzählen, ohne Kitsch und Schnörkel. Fazit: Ich sehe keine ärgerlichen Zuschauer. Das sind ihre Kommentare: „Passiert das hier bei uns um die Ecke? Gleich hier am Mittelmeer? Tagaus-tagein? Und niemand berichtet darüber? Aber zehn tagelang sind die Nachrichten voll vom Germanwings Flugzeug-Unglück?“ Sehr geehrter Herr Krieger: Das sind die Fragen und Kommentare des Publikums nach Verbrennungen im dritten Stock.

  2. Volksbühne Berlin sagt:

    Interview mit Carolin Mylord
    http://www.tip-berlin.de/kultur-und-freizeit/interview-carolin-mylord

    Caroline Mylord inszeniert Wajdi Mouawads 2003 veröffentlichtes Nahost-Drama „Verbrennungen“. Im Interview spricht sie über ihre mehr als zweijährige Vorbereitung, die auch Dreharbeiten unter schwierigen Umständen in Israel und dem Libanon beinhaltete. tip Das Stück ist im Nahen Osten angesiedelt. Aber es gibt keine konkreten Zeit- oder Ortsangaben.
    Carolin Mylord Ich finde es sehr geschickt, dass Mouawad auf eine konkrete Verortung verzichtet. Ich kenne die Konflikte vor Ort aus eigener Erfahrung, denn ich habe einen jüdischen Familienteil, der in Israel lebt. Und ich besuche häufig meine arabischen Freunde in der Westbank und im Sinai. „Verbrennungen“ bezieht weder für die eine noch die andere Seite Stellung. Es ist ein Anti-Kriegsstück, das zeigt, was bewaffnete Konflikte aus Menschen macht. Das lässt sich leicht übertragen, diese Barbarei findet in allen Ecken der Welt statt, an denen Krieg wütet. „Verbrennungen“ ist eine der spannendsten Geschichten, die ich zum Thema Hotspot Middle East gelesen habe. Das geschah an einem Wochenende und als ich Montag zur Probe ins Theater ging, fühlte ich mich, als sei ich die zwei Tage in Haft gewesen, so intensiv wirkte die Beschreibung des Gefängnisses, von dem wir auch originale Fotografien im Stück verwenden.
    tip Handelt es sich dabei um Archivmaterial?
    Carolin Mylord Ja. Dieses Gefängnis lag direkt an der israelischen Grenze, aber auf libanesischem Staatsgebiet. Es war so eine Art Guantanamo, das ist keine Übertreibung. Im Jahre 2000 nach Kriegsende wurde es ein Museum. Meine israelische Familie hat darüber nie ein Wort verloren.
    tip Vielleicht wussten sie nichts von der Existenz?
    Carolin Mylord Ich möchte das bezweifeln. Es gibt bestimmte Dinge, über die man nicht spricht, weil es dunkle Flecken in der Geschichte des Landes sind. Als 2006 Angriffe gegen Stellungen der Hisbollah im Libanon geflogen wurden, hat die Luftwaffe das Gefängnis Khiam kaputtgebombt. Ob das ein Zufall war? Sicher nicht. Die Folterer in dem Gefängnis wurden vom Mossad, dem israelischen Geheimdienst, angeleitet.
    tip In Deiner Inszenierung sind die Bezüge klarer als in der Stückvorlage.
    Carolin Mylord Ja, darauf bin ich nur gekommen, weil ich seit meinem 16. Lebensjahr regelmäßig nach Israel fahre. Zwei meiner Verwandten waren als Soldaten am Libanon-Krieg beteiligt. Sie haben nach Kriegsende das Land verlassen und sind nie wieder nach Israel zurückgekehrt.
    tip Weil sie traumatisiert waren?
    Carolin Mylord Ja.
    tip Wann kristallisierte sich die Idee, das Stück zu inszenieren?
    Carolin Mylord Als die Pegida ein mediales Thema wurde. Die wenigsten sind in der Lage zu differenzieren zwischen der Terrororganisation Islamischer Staat und Muslimen im Allgemeinen. Plötzlich entstand eine diffuse Angst. Analog dazu wird auch die Politik Israels mit dem Judentum in einen Topf geworfen. So etwas ist gefährlich und schürt Ressentiments. Es ist wichtig, einen Blick auf die Geschehnisse zu werfen, ohne Klischees zu bedienen.
    tip Du arbeitest mit jungen Schauspielern, Laien und Profis. Wie hast Du das Ensemble auf den Stoff vorbereitet?
    Carolin Mylord Man spricht viel über die Thematik. Das ist unerlässlich und bestimmte Erzählstränge können nur filmisch dargestellt werden, weil nicht alles auf der Bühne dargestellt werden kann.
    tip Du hast ja auch Film studiert …
    Carolin Mylord Genau. Ich habe mir eine Kamera geschnappt und habe vor Ort recherchiert. Das klingt ein bisschen verrückt, aber ich bin als Regisseurin nicht dafür prädestiniert, die x-te Variante von „Romeo und Julia“ auf die Bühne zu bringen. Ich habe den inneren Druck, Stoffe zu inszenieren, die sonst keine Öffentlichkeit finden.
    tip War es schwierig, in Israel und im Libanon zu filmen?
    Carolin Mylord Ich habe mit einer kleinen Kamera gearbeitet. Die sieht aus wie eine Fotokamera, macht aber hervorragende Aufnahmen.
    tip Hattest Du eine Drehgenehmigung oder erfolgte der Dreh guerillamäßig.
    Carolin Mylord Wenn ich gefragt wurde, was ich da mache, habe ich mich als Architekturstudentin ausgegeben. Ich glaube, da hat man es als Frau ein bisschen leichter. Trotzdem war es manchmal abenteuerlich, wenn Du drehst, während der Himmel sich rot färbt, weil Bomben detonieren. Es war nicht ungefährlich. Aber ich habe zwei Kinder und habe somit nicht das Risiko gesucht.
    tip Wie lange dauerte der Drehprozess?
    Carolin Mylord Über zwei Jahre. Die ersten Aufnahmen fanden am 10. Januar 2013 statt.
    tip In den Medien ist Nahost ein Dauerthema, im Theater kommt es hingegen kaum vor. Was glaubst Du, woran das liegt?
    Carolin Mylord Es wagen sich einfach zu wenige Theatermacher an das Thema. Vielleicht fehlt ihnen auch ein entsprechender Zugang. Es ist auch ein komplexes Thema. Aber genau deswegen muss man sich damit beschäftigen.
    Interview: Ronald Klein

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: