Wenn sich das Warten lohnt

Das Orchestre Philharmonique de Radio France zu Gast in Berlin

Von Sascha Krieger

Konzerttourneen sind für Orchester vieles: willkommene Abwechslung, Stress, musikalisches Abenteuer, seine Kunst bei ganz anderen Zuschauern als denen zuhause auszuprobieren. Sie sind aber immer auch Marketinginstrument, Vehikel, Bekanntheit und Renommee des Klangkörpers in der Welt zu steigern. Da setzen viele auf Programme, die nicht allzu sperrig sind, auf populäre werke, die allein schon in der Lage sind, Zuschauer anzuziehen. Und auch renommierte Solisten, die Gleiches vermögen. Wenn das Orchestre Philharmonique de Radio France mit seinem Chefdirigenten Myung-Whun Chung im Rahmen seiner Europatournee in Berlin gastiert, einem Ort, an dem es besonders schwer ist, aus der Masse herauszustechen, setzt es auf beide Taktiken: Peter Tschaikowskys Violinkonzert und Hector Berlioz‘ Symphonie fantastique gehören zum Standardrepertoire praktisch jedes Orchesters und Violinist Maxim Vengerov gilt als einer der besten seiner Zunft und als einer, der die russische Tradition des schönen, vollen, emotionalen Geigenklanges beherrscht wie kaum ein anderer. Wenn dann noch ein so analytisch klarer, beweglicher, intelligenter Dirigent wie Myung-Whun Chung am Pult steht, kann eigentlich nichts mehr schief gehen. Und tatsächlich: Das Publikum in der nicht ganz gefüllten Philharmonie ist begeistert. Künstlerisch ist der Eindruck zwiespältiger.

Das liegt vor allem am Violinkonzert vor der Pause. Natürlich bezaubern Vengerovs schmelzender Ton und gesangliches Spiel, ist wohl weltweit keiner in der Lage, Tschaikowskys Melodien so sehr ihren romantischen Charakter wiederzugeben wie er. Er lässt seine Stradivari singen, beherrscht die weiten Bögen wie die innigen Momente, in Sachen Virtuosität macht ihm ohnehin keiner etwas vor. Ihm gehören denn auch die überzeugenden Momente: die Auseinandersetzung mit dem Hauptthema im Kopfsatz, der emotionale langsame Satz, die Freudigkeit des Finales. Doch wenn die Musik einmal nicht scheinen und betören soll, wenn sich Brüche einschleichen, ist das Ergebnis weniger überzeugend. Vengerov fehlt jede Schärfe, wenn es nicht singen darf, klingt sein Spiel seltsam fahl und ausdrucksarm. Die Kadenz des ersten Satzes etwa hat man selten so blutleer gehört. Sie klingt, als wolle der Solist so schnell wie möglich weiter zur nächsten großen Melodie und sei die Solopassage nur lästig.

Das Orchester ist da auch keine große Unterstützung. Es ist streckenweise fast wild, was der Myung-Whun Chung spielen lässt, von einer Linie ist wenig zu spüren. Schwer und behäbig der Beginn, verwaschen die Konturen. Später fällt er ins gegenteilige Extrem: Die Kanten werden so scharf, das Spiel so streng, dass es zuweilen abgehackt wirkt, ein schroffer Felsblock vergleichsweise dunklen Klangs, der mit dem, was Vengerov tut, so gar nichts zu tun haben scheint. Wo letzterer das Hauptthema des ersten Satzes gesanglich gestaltet, nimmt das Orchester es regelrecht ruppig, zumal Myung-Whun Chung zunehmend auf starke Kontraste setzt, sowohl was die Lautstärke als auch das Tempo angeht. Da kippt das Gleichgewicht so manches Mal, schießt er zuweilen weit über das Ziel hinaus, sodass das Werk einen sehr uneinheitlichen, man muss fast sagen, unfertigen Eindruck hinterlässt. Auch der dichte, eher dunkle, recht opake Klang gerät vor allem im Finale immer mal wieder aus der Balance. Das klingt zu oft zu sehr nach erster Probe, denn nach Konzert.

Nach der Pause wird es dann wesentlich besser. Der Notwendigkeit, auf einen Solisten achten zu müssen, beraubt, findet Myung-Whun Chung seinen roten Faden – und es ist ein überzeugender. Er gibt dem Werk harte Kanten, klare Konturen, einen sehr konzentrierten, relativ dunklen, erdigen Klang, der jedoch jetzt mehr Variabilität zulässt. So überzeugen beispielsweise die hohen Streicher im dritten Satz mit ihrem hellen Klangteppich, der im Kontrast zum geerdeten Spiel der Holzbläser eine große musikalische Spannung aufbaut. Ähnlich der Beginn des zweiten Satzes, in dem den flirrenden Geigen die sehr pointiert selbstbewusste Harfe entgegensteht. Überhaupt ist das Spiel der Kontraste hier um einiges gelungener als noch vor der Pause. Der Gestus ist durchweg ein dramatischer, doch bleibt er nicht bloße Behauptung, sondern wird musikalisch aufgeladen: Das dynamische Spektrum, das Myung-Whun Chung sein Orchester durchlaufen lässt, ist atemberaubend, die Tempiwechsel oft sehr stark, aber stets pointiert und sehr wirkungsvoll gesetzt. Es gelingt dem Dirigenten, die Einheit des Werks zu wahren und gleichzeitig spürbar zu machen, wie zerklüftet, wie konfliktgeladen diese musikalische Landschaft ist, wie existenziell der emotionale Kampf des unglücklich Begehrenden, den Berlioz hier beschreibt.

Myung-Whun Chung hält die Spannung konstant hoch, arbeitet die Ausdruckvielfalt klar heraus, konzentriert sich auf Details, die oft im großen Ganzen untergehen und die hier immer wieder Akzente setzen, die verhindern, dass Routine eintritt – vor allem für den mit dem Werk wohlgekannten Zuhörer. Das Harfenmotiv im zweiten Satz wurde schon erwähnt, Ähnliches gilt für die finale Inkarnation der berühmten „idée fixe“ im Schlusssatz. Das strenge, verknappte, äußerst dichte Spiel akzentuiert die Bruchstellen, die Umschwünge in Dynamik und Tempi, den Kollisionskurs, auf dem sich das musikalische Material oft befindet. Das ist hochdramatisch, doch es ist eine Dramatik, die den äußerlichen Showeffekt nicht kennt, die sich vielmehr aus dem Inneren der Musik speist und zu ihr zurückführt. Da setzt der schroffe Schluss ein letztes Zeichen. An diesem Abend ist spürbar, warum gerade dieses Werk die spätromantische Tradition der symphonischen Dichtung so sehr beeinflusst hat, warum Liszt oder Strauss ohne die Symphonie fantastique nicht denkbar wären. Am Ende ist der herzliche Applaus denn auch mehr als verdient.

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