Jesus in der Geisterbahn

Henrik Ibsen: John Gabriel Borkman, Deutsches Schauspielhaus, Hamburg (Regie: Karin Henkel) – eingeladen zum Theatertreffen 2015

Von Sascha Krieger

In einen Betonbunker haben sie sich zurückgezogen, die Vergangenen, Zurückgelassenen: der gefallene Bankdirektor, seine sich in Fantasien unmöglicher Rettung verlierende Frau, ihre dem Sterben ins Gesicht blickende Schwester. Die massive Treppe, die Katrin Nottrodts Bühne noch enger, noch erdrückender erscheinen lässt, kennt nur ein Ziel: den Tod, das Verschwinden des scheinbar so bedeutenden, unersetzlichen Ichs, die Auflösung im Vergessen. Umtote sind sie bei Karin Henkel, Gespenster, längst unfähig zu leben, weil ihnen lange schon alles genommen wurde, was sie für Leben halten: die Jugend. Und so zittert sich Lina Beckmann grotesk als Ella über die Bühne, verwittert Josef Ostendorfs Borkman im Riesenstrampler, klammert Julia Wieninger als Gunhild mit einer Brutalität, die, wen sie nicht halten kann, doch zumindest in die eigene Dunkelheit mitzureißen entschlossen ist. Hegels Inszenierung könnte man, wenn man wollte, als Parabel auf den Jugendwahn unserer Zeit lesen. Jeder klammert sich an das Junge, will, so man selbst nicht mehr dazugehört, ihm das Lebendige aussaugen, um das eigene Leben zu füllen. Der Unterschied zwischen den Ellas und Gunhilds auf der einen und Fanny Wilton (Kate Strong) auf der anderen Seite liegt lediglich darin, dass letztere sich dem, was sie tut, vollkommen bewusst ist und dies auch verkündet. Und auch den Jungen geht es kaum besser: Wie ein bockiges Kind klammert sich Borkman-Sohn Erhart (Jan-Peter Kampwirth) ans eigene Jungsein als einzigem Lebensinhalt, sein „Ich will leben“ klang noch nie so leer und traurig.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

Der Abend hat ohne Zweifel eine parodistische Note. Vor allem gegen Ende erleben wir eine grotesk-komische Geistertanzpersiflage, wenn Gunhild und Ella schwarz gewandet wie tattrige Comic-Hexen über die Bühne schlurfen, Erhart trotzig mit dem Fuß stampft – ein schwächliches Echo der mächtigen Fußschritte des Vaters –wenn Henkel christliche Ikonographie zitiert: Da wird das Zerren an Erhart, den beide Frauen (und zuletzt auch der Vater) für sich wollen, zur Kreuzigung, stilisiert sich Ella mit unsichtbarem Jesuskind auf dem Arm zur Marienfigur. Das Leiden als Weg zur Erlösung wird hier nicht nur zur Pose – es ist eine Waffe, mit der man den Anderen gefügig zu machen sucht. Das Ego ist absolut und lässt nichts anderes zu, will sich alles einverleiben, von dem es sich zu nähren hofft. Und so sind wir schnell jenseits alles allzu platten Zeitbezugs: Die Sehnsucht, ja Gis nach Jugend ist kein Phänomen unserer Zeit, sie ist ein zentraler Topos menschlicher Existenz und Kultur seit der Antike. Bei Henkel wird sie zum Kern eines Dramas, dem sie alles Naturalistische nimmt.

Ihr Borkman ist ein Geistertanz, eine Parade der Untoten, die keinen Ausweg haben, in der eigenen Sehnsucht ersticken (beides führt vor allem Beckmann eindrucksvoll vor), die immer wieder ins eigene Kindlein entfliehen – Freud findet sich nicht nur im Programmheft wieder – und die doch immer wieder ihre Greisenmasken aufsetzen, die ihre wahre Identität sind, so sich von dieser noch sprechen lässt. Der Ton des Abends schwankt zwischen grotesker Komödie und düsterem Schauerstück – mit einigem Materialeinsatz von Orgelmusik und Kerzenleuchter über fahles Licht bis zu ausgiebigem Nebeleinsatz – zwischen greller Farce und berührendem Kammerspiel. Während Beckmann und Wieninger bis zur schönen Schlusspointe die Kindheitsrivalität ausleben, berührt Ostendorf als zutiefst vereinsamter Borkman, der seine Leere mit passiv-aggressiven Machtposen zu kompensieren sucht, und Matthias Bundschuh, der seinen Foldal mit existenzieller Verzweiflung aufzuladen imstande ist. So grotesk das Geschehen ist, so weit es sich von jeglichem Realismus entfernt, so sehr lässt Henkel ihm doch den Kern jener Ursehnsucht nach der Jugend, deren Deformationen sie so drastisch sichtbar macht – auch schon in jenen, für die sie noch kein unerreichbares Begehren, sondern Realität ist. Die Gier nach dem Verlorenen, die Unfähigkeit der Akzeptanz der eigenen Vergänglichkeit wird hier zum Horrortrip, der immer wieder ins Komische kippt und genau dadurch einen Schwebezustand erreicht, der das allzu bequeme Zurücklehnen verhindert. Denn natürlich sind die Fratzen auf der Bühne auch Spiegelbilder, doch keine, die sich nicht zerschlagen lassen. Wir müssen nur auf der richtigen Seite dieser Geisterbahn bleiben.

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