Hinter den Masken

Rainer Werner Fassbinder: Warum läuft Herr R. Amok?, Münchner Kammerspiele (Regie: Susanne Kennedy) – eingeladen zum Theatertreffen 2015

Von Sascha Krieger

Um es gleich vorweg zu sagen: Die Frage, die Rainer Werner Fassbinder und Michael Fengler im Titel ihres 1970 erschienen Films stellen, beantwortet auch Susanne Kennedy in ihrer Theaterbearbeitung nicht. Und hät sie wohl auch für weitgehend unbeantwortbar.Was nicht heißt, das sie keine Hinweise gäbe. Das Drama des Herrn R. ist bei ihr eines der fehlgeschlagenen Identitätsfindung. R. ist ein respektierter Familienvater mit Frau und Kind, einem Job mit Aufstiegschancen, einem sauber geordneten bürgerlichen Leben. Dass etwas fehlt, merkt er selbst wohl erst häppchenweise. Kennedy entdeckt eine Szene im Plattenladen – im Film bestenfalls ein Nebengedanke – als heimliches Zentrum der Geschichte. R. will eine Platte kaufen mit einem Lied, das er kürzlich im Radio gehört hat, dessen Titel er aber nicht kennt. Kennedy spaltet die Szene fragmentarisch auf und verteilt die Bruchstücke über den Abend. Mal versucht R. den Verkäuferinnen das Stück zu erklären, dann wiederum zitiert er nur die erinnerte rhythmische Struktur. Dieses „di-da-da“ wird zur Chiffre einer Sehnsucht, die R. selbst nicht benennen kann, die aber nicht weniger ist als jene nach einem Leben, das seinen Sinn aus sich – und letztlich aus ihm – heraus zu schöpfen vermag. Entdeckt er das Lied endlich, gleitet er einige Augenblicke leicht dahin, entkrampft sich sein angebahnter Körper, ist für Momente nur ein anderes Leben denkbar, das ganz allein seins wäre.

Gastiert im Mai beim Berliner Theatertreffen: Warum läuft Herr R. Amok? (Foto: JU/Ostkreuz)

Gastiert im Mai beim Berliner Theatertreffen: Warum läuft Herr R. Amok? (Foto: JU/Ostkreuz)

Doch schon an der Identitätsfrage muss er, dem immer vorgegeben wurde, wer er zu sein habe – von der Familie, der Firma, der Frau – scheitern. Kennedy stellt sie denn auch ins Zentrum ihrer Inszenierung. Wie schon Fegefeuer in Ingolstadt bewegen die Schauspieler den Mund zu den per Playback eingespielten Texten. Diesmal sind es zudem nicht einmal die eigenen Stimmen, sondern jene anderer Schauspieler, zu denen sich ihre Lippen bewegen. Die Gesichter stecken hinter Masken, so dass Mimik und unterschiedliche Gesichtsausdrücke ausfallen. Zudem werden ständig die Rollen gewechselt – R. etwa gibt es dreimal, seine Frau doppelt. Unterbrochen werden die Szenen von einem herunterfahrenden Vorhang, auf dem der holzvertäfelte, jedes eigenen Charakters beraubte Raum mit Topfpflanze und in den Farben des Regenbogens erleuchteten Fensterschlitzen, zu sehen ist, der auch während der Szenen immer wieder über einen Fernsehbildschirm flimmert. Und doch ist es nicht der gleiche: Die Fenster befinden sich auf der anderen Seite, ebenso die Topfpflanze, die zudem eine andere ist – ebenso wie die Gießkanne, die Statue, die Stühle, auf denen einmal das Elterngespräch stattfindet. bewohnt wird dieser Parallelraum von maskenlosen Laiendarstellern, die gleichwohl als Entsprechungen der Figuren aufzufassen sind. Kennedys Theaterkosmos ist hier einer der Ähnlichkeiten und Korrespondenzen, die jedoch nie Deckungsgleichheit erlangen. Identitäten lassen sich nicht nur nicht scharf umreißen, sie vermehren sich, fließen in einander, überlagern und verflüssigen sich.

Das steht im schroffen Gegensatz zur szenischen Klarheit. Kennedy zeichnet Tableaux Vivants, vignettenhafte Standbilder, in denen sich die Figuren gar nicht oder wenn, dann mechanisch und mit großer Langsamkeit bewegen. Das sprechen ist monoton, gestische Variabilität gibt es keine, mimische aufgrund der Masken ohnehin nicht. Geräusche werden wie in Nahaufnahme verstärkt, jede Szene hat den gleichen statischen, mechanisch-automatenhaften Ton, erzeugt das gleiche Gefühl unentrinnbaren Stillstands. Und doch wirken sie durchaus unterschiedlich: Von bitterer Komik geprägt ist das Elterngespräch mit der sich ihrer Machtposition bewussten, in Schablonen denkenden Lehrerin, geradezu schmerzhaft berührend R.s zum Scheitern verurteilter Versuch, den Chef auf der Betriebsfeier dazu zu bringen, Bruderschaft zu trinken. Nähe ist nicht vorgesehen, in diesem Universum, das aufs Funktionieren ausgerichtet ist, im Beruflichen wie im Privaten. Da ist alles eins: der Alltag im Büro, das gemeinsame Essen zu Hause, der Abend in der Bar, der finale Dreifachmord. Mechanisch gehen die Figuren durch das Alltägliche wie das Unfassbare, die von einander nicht mehr zu unterscheiden sind. Nur ganz am Ende gibt es einen Hoffnungsschimmer: Da fallen die Masken, übernehmen die Laien, tanzt eine von ihnen beglückt zur Musik, die R. zuvor so sehnsüchtig suchte. Ist in all diesen falschen Leben doch die Möglichkeit eines richtigen verborgen? Oder ist auch das nur Illusion.

Susanne Kennedy ist ein faszinierend vielschichtiger Abend gelungen über eine Gesellschaft, die sich darauf verlassen muss, dass man funktioniert, die echte Individualität, unverwechselbare Identität, also das, was sie propagiert, eigentlich gar nicht zulassen kann. Eine Gesellschaft, die in sich immer schizophren bleiben muss und in welcher der Einzelne sich solange teilt und sich in Unschärfe verliert, bis Identität kaum mehr zu denken, geschweige denn zu leben ist. Die Stärke des abends liegt darin, dass Kennedy dies alles zeigt, zum Grundprinzip ihrer Inszenierung macht, die Ebenen sich überlappen lässt und sich mit allen theatralen Mitteln ein komplexes Spiel von Selbstsuche und -verlust entfalten lässt, das anstrengt und zugleich fasziniert. Sie macht den Stillstand spür- und die Selbstverunsicherung sichtbar – in einer konsequenten Künstlichkeit, die den Blick auf das dahinterstehende Wahre nur schärft, wie eine extreme Nahaufnahme das Gewohnte verfremdet und dadurch erst neu sichtbar macht. Da wird die Maske zum Einfallstor der Erkenntnis, das Immergleiche zur Voraussetzung, das Alternative überhaupt denken zu können. Fassbinder könnte daran seine helle Freude gehabt haben.

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2 Gedanken zu „Hinter den Masken

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