Auf dem Holzweg

William Shakespeare: Macbeth, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Tilmann Köhler)

Von Sascha Krieger

Man reibt sich so manches Mal verwundert die Augen in diesen zweieinhalb Stunden: Da spielen zwei der besten Schauspieler des deutschsprachigen Theaters – Ulrich Matthes und Maren Eggert – Rollen, die zum Begehrtesten und Renommiertesten gehören, was die Dramatik zu bieten hat; Shakespeares Mörder-Ehepaar Macbeth. Und was passiert? Immer wieder muss der Rezensent des sich zunehmend verstärkten Drangs erwehren, den Blick abzuwenden, sich die Erinnerung an große Theaterabende mit beiden nicht durch zu langes Hinschauen zerstören zu lassen. Denn kaum zu glauben ist, was sich da entfaltet: Matthes, der große Wortbildhauer, der Sachlichkeit und Musikalität zu paaren weiß wie kein anderer, verliert sich zwischen Schnoddrigkeit, Klarheit und großem Tragödenton im Nichts und Eggert spielt die Lady Macbeth so hölzern, so jäh zwischen Ausdruckslosigkeit und oberflächlichstem Pathos umschlagen, dass man zuweilen meint, ihrer eigenen Parodie beizuwohnen. Und doch scheinen beide es ernst zu meinen an diesem Abend, der in der Lage sein sollte, so manches Bewunderung für dieses skrupel- und rücksichtsloseste aller Stücke nachhaltig zu erschüttern.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

Denn natürlich haben Matthes und Eggert nicht plötzlich ihr Handwerk verlernt: Wenn sie sich jeder Schauspielkunst entledigen zu wollen scheinen, hat das durchaus Methode. Tilmann Köhler will kein psychologisches Erklärstück zeigen, das uns deutlich macht, wie Menschen aus Gier, Ehrgeiz oder was auch immer zu Monstern werden. Ihn interessiert auch nicht das Prototypische: Die Charaktere, von denen außer Matthes und Eggert jeder mehrere spielt sind austauschbar, ansatzlos werden Situationen und Figuren gewchselt, das Ringen und Macht, das Zerfressenwerden vom Ehrgeiz, das Rauslassen des Vergrabenen als ultimatives Machtmittel sollen als allgemeinmenschlich herausgekehrt werden. Dazu jagt Karoly Risz sie in einen riesigen horizontalen Holztrichter, der an seinem Ende ein winziges Loch aufweist, durch das sich zunächst die Spieler drängen, miteinander ringend, um als erster vorn am Bühnenrand anzukommen. Matthes treten erst später, bequem von der Seite, auf. Es ist eine von vielen Inkonsistenzen an diesem Abend. Eggert und Es wird viel gekrochen, sich gebückt, gesessen gekauert, denn natürlich deformiert das ständige Kämpfen und Macht und Geld. Und was anderes gibt es nicht. Dieser erste Auftritt ist wie eine Geburt, das Einander-Bekämpfen einziger Lebensinhalt.

Da ist alles eins: Hofstaat und Hexen und Familie. Auch die Könige lassen sich kaum unterscheiden: Formen die speichelleckerischen Untertanen zu Beginn katzbuckelnd mit ihren Händen die Krone für Duncan (Matthias Neukirch), tun Sie am Ende Gleiches für Malcolm (Elias Arens). Nichts ändert sich, hat es nie und wird es wohl auch nicht. Die Botschaft ist so subtil und banal wie der Abend. Der darüber hinaus auch noch seltsam unfertig wirkt, als wäre man im Probenprozess nicht über die Grundidee mit dem Kegeltunnel und dem entindividualisierten Menschenknäuel, das dauerhaft auf der Bühne bleibt, hinausgekommen. Für die Hauptfiguren etwa scheint keine Zeit geblieben zu sein. Ihre Darstellung ist so unentschieden, so vollkommen bar jeder Haltung, so abgekoppelt vom Rest des Geschehens, dass ein Konzept nicht in Ansätzen erkennbar ist. Was Köhler in diesen mörderischen Gestalten zu erkennen versucht, wofür er sie stehen lassen will, was sie auf dem Holzweg, auf dem sie stehen, überhaupt sollen, bleibt vollends unklar. Zumal Köhler auch keinen rechten Ton findet. Zuweilen gleitet das Ganze reichlich unmotiviert ab in puren Slapstick und albernen Klamauk, nur um im nächsten Moment das große Pathos zu suchen. Keine Frage: Macbeth hat vierhundert Jahre überdauert, er wird auch das überstehen. Das Vergessen ist bekanntlich einer der besten Freunde des Menschen.

 

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