Das bürokratisierte Grauen

Hans-Werner Kroesinger: History Tilt, Hebbel am Ufer (HAU3), Berlin / Maxim Gorki Theater (Studio Я), Berlin (Regie: Hans-Werner Kroesinger)

Von Sascha Krieger

Vor wenigen Tage eröffnete Hans-Werner Kroesingers Musa Dagh  die Reihe „Es schneit im April“, mit dem das Maxim Gorki Theater an den Völkermord an den Armeniern erinnert, der sich in diesem Jahr zum 100. Mal jährt. Es war nicht Kroesingers erste Arbeit zum Thema: Mit History Tilt beschäftigte sich der Dokumentartheatermacher bereits 2006 im Hebel am Ufer mit dieser so lange vergessenen und in der Türkei bis heute geleugneten Blaupause für die Genozide, die in diesem mörderischen Jahrhundert, das wir das zwanzigste nennen, noch folgen sollte. Im Studio Я des Gorki ist der damalige Abend jetzt noch einmal zu besichtigen. Das Epizentrum von History Tilt liegt in dieser Stadt, genauer gesagt in der Hardenbergstratße, gleich beim Bahnhof Zoo. Hier erschoss im März 1919 der 23-jährige Armenier Salomon Teilirian Talaat Pascha, während des Völkermords Mitglied des jungtürkischen Triumvirats, das damals dem osmanischen Reich vorstand. Talaat, damals Innenminister, gilt als Urheber und Organisator des Völkermords. Das Attentat und der folgende Prozess zwangen dann die junge deutsche Demokratie, sich mit den Ereignissen zu befassen und vor allem der deutschen Rollen, schließlich war die Türkei ein Bündnispartner im ersten Weltkrieg. Den Freispruch Teilirians wollte das Gericht denn auch als Distanzierung und Reinwaschung des deutschen Reichs verstanden wissen, eine Auffassung, welche die Gesellschaft eines gerade aus den Ruinen des selbst angezettelten Weltenbrandes sich aufrappelnde Gesellschaft nur zu gern übernahm.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

Hans-Werner Kroesinger ist dagegen einer, der seinen Finger gern in Wunden legt, sie, wenn es nötig erscheint, auch wieder öffnet und sich mit reichlich Salz auswäscht. Seine Bühne (Valerie von Stillfried) ist eine wohlgeordnete Landschaft aus Aktenkartons. Das Grauen ist katalogisiert und bürokratisiert, zwischen Aktendeckeln gefangen, wir sind vor ihm sicher. Oder doch nicht? Denn der Prozess, von dem Kroesinger lange Passagen mit ruhiger, sachlicher Stimme vortragen lässt – nur der geckenhaft selbstgerechte, die „Vertreibungen“ rechtfertigende General Lima von Sanders und der eitle Streit der medizinischen Sachverständigen brechen den Ton ein wenig auf – erlaubt die Archivierung nicht. Die Boxen müssen geöffnet, die Ordner aufgeschlagen, das millionenfache Sterben vor der Öffentlichkeit ausgebreitet werden. am Ende sind die Ordnung dahin, Ordner und Papiere durcheinander geworfen, die säuberlich aufgebauten Kartontürme zu amorphen und wackligen Gebilde montiert. Doch sind die Boxen geschlossen, die Ordner zugeklappt, kann die Bürokratie ihrer Tätigkeit walten. Wir wissen aus Erfahrung: Sie wird es tun, und sie wird gründlich sein.

Zuvor jedoch werden wir einiges zu hören bekommen: Anweisungen Talaats an die Provinzverwaltungen, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen lassen, den berühmt gewordenen Vortrag Armin T. Wegners im Jahr 1919, in dem er dem Publikum in der Berliner Urania die Gräuel des Genozids erläuterte, Depeschen von Botschafter und Konsuln, in denen sie die Geschehnisse schilderten, und Antworten aus Berlin, die von der Sorge geprägt waren, eine klare Position des Reichs würde das Bündnis mit der Türkei gefährden. Das Theatrale, die spielerischen Zeile sind auf ein Minimum reduziert, Kroesinger lässt die Texte und sein kahles Bürokratiegebirge für sich sprechen. Und er tut gut daran: In den meist monoton gehaltenen Worten entfaltet sich die Kälte dieser Mischung aus nationalistischem Hass, Machtkalkül und zynischem Pragmatismus, der den Genozid erst möglich machte und mit ihm nicht endete. So ist der Prozessausgang Mittel im diplomatisch-politischen Spiel, Angeklagter wie Getöteter Spielbälle ebenso wie Akteure, wie die kluge, stumme Schlusssequenz deutlich macht. Im Gegensatz zu Musa Dagh verbleibt History Tilt in der Vergangenheit und strahlt doch in seinem Minimalismus, seine dichten Intensität, seiner nüchternen Klarheit, weit über das Damals hinaus. Er zeigt, wie das Undenkbare möglich, ja, wie es plötzlich Selbstverständlich werden kann. Hitler hat später den Völkermord an den Armeniern als Vorbild betrachtet, eine Blaupause, von der zuletzt auch in Ruanda manches befolgt wurde. Wo Musa Dagh weite Bögen schlägt, verengt History Tilt  den Raum. Und doch passt die ganze Welt hinein.

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