„Was gibt es noch zu erzählen?“

Frei nach Franz Werfel: Musa Dagh – Tage des Widerstands, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Hans-Werner Kroesinger)

Von Sascha Krieger

Am 24. April 1915 wurden im heutigen Istanbul etwa 200 armenische Intellektuelle verhaftet. Der Tag gilt heute als der Beginn des Völkermords an den Armeniern, dem Schätzungen zufolge etwa eine Million Menschen zum Opfer fielen und der bis heute von der Türkei geleugnet wird. Tatsächlichen haben nur etwa 20 Länder weltweit die versuchte Ausrottung der Armenier durch das jungtürkische Regime als Genozid nach der UN-Definition von 1948 anerkannt. Deutschland ist nicht darunter. Das Maxim Gorki Theater widmet ihm nun 44 Tage mit Theateraufführungen, Filmen, Lesungen, Kunstprojekten, Konzerten und Vorträgen, in den denen auch der Bogen ins Heute – beispielsweise befinden sich ein Teil der damals im Mittelpunkt stehende Gebiete heute in Syrien – geschlagen und die deutsche Mitschuld – die Türkei war Bündnispartner im 1. Weltkrieg – thematisiert werden soll. Dies tut zum Auftakt bereits Dokumentartheatermacher Hans-Werner Kroesinger. Der Aktenaufbereiter hat diesmal eine für ihn ungewöhnliche Vorlage gewählt: den zweibändigen Roman Die vierzig Tage des Musa Dagh von Franz Werfel. In ihm wird der auf wahren Begebenheiten beruhende Widerstand von etwa 5000 Armeniern geschildert, die sich auf dem Berg Musa Dagh verschanzt hatten und nach vierzig Tagen von französischen und britischen Schiffen gerettet wurden.

Foto: Esra Rotthoff

Foto: Esra Rotthoff

Zunächst is aber erst einmal alles wie gehabt bei Kroesinger. Vor einem grauen Vorhang – irgendwo zwischen bürokratischer Nüchternheit und sachlichem Volkshochschulcharme angesiedelt – lässt er, nach einer launigen Einleitung durch Marina Frenk und Till Wonka und dem Aufbruch von kofferbepackten Schatten ins Nichts Falilou Deck als Autor Armin  T. Wegner von den Geschehnissen berichten und sie zurückführen auf eine Ideologie des Nationalismus, wie sie heutigen Zuhörern nur zu bekannt sein dürfte. Die Dias, die Wegner bei seinen Vorträgen im Jahr 1919 zeigte, hält Seck nur in der Hand. Betroffenheit über Sichtbarmachung zu erzeugen, ist Kroesingers Sache nicht, das wäre ihm zu einfach. Stattdessen entfaltet er in zahlreichen Zeugnissen die perfide Logik der Beteiligten: Da sind die Täter in Person Enger Paschas, der dem auch bei Werfel verewigten Pastor Johannes Lepsius (Ruth Reinecke) ruhig und sachlich die Beweggründe schildert, was Wodkas nervöse Anspannung ein wenig konterkariert. Ein kühler, überzeugter Vortrag wäre womöglich noch eindringlicher gewesen.

Dann sind da die vielen Berichte deutscher Diplomaten und Militärs, welche die Darsteller aus bereitgestellten Aktenregalen zerren und sogleich wieder entsorgen. Neben eindringlichen Appellen findet sich dort vor allem kalter Pragmatismus – etwa jener des damaligen Reichskanzlers, der den Bündnispartner nicht verärgern wollte – und sogar hasserfüllter Rassismus eines deutschen Militärs. Lepsius‘ Abprallen an der Logik der Diplomatie wird eindrucksvoll in Szene gesetzt als ganz normaler bürokratischer Vorgang. Die Mörder sind nicht nur jene, die den Befehl zu Vertreibung und Vernichtung gaben – sondern auch die, die nichts taten, die wegschauten, leugneten, Spuren verwischten. Und so klingt Ironie mit in den Bundestagsreden zum 90. Jahrestag im Jahr 2005 und eine Spur Zynismus in der sich windenden Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken zur Definition der Ereignisse als Genozid. Darin heißt es, die Aufarbeitung sei vor allem Aufgabe von Türken und Armeniern.

Dass es so einfach nicht ist, dass das Zulassen der Taten genau so schuldbehaftet ist wie deren Begehen, dass der erste Genozid des 20. Jahrhunderts und die folgende Straflosigkeit und fehlende Aufarbeitung von späteren Regimen, beispielsweise von Hitler, als Freibrief und Blaupause für ihre Verbrechen benutzt wurden, legt Kroesinger ebenso eindrücklich wie für seine Verhältnisse ungewöhnlich wenig oberlehrerhaft dar. Wo in vielen seiner Arbeiten der trockene Frontalunterricht Distanz aufbaut, gelingt ihm hier eine Multiperspektivik, die den Zuschauer nicht nur in ihren Bann zieht, sondern ihn vor allem auch zwingt, sich mit den unterschiedlichen Sichtweisen auseinanderzusetzen und seine eigene Perspektive zu entwickeln. Wobei es gerade jene der Opfer, derer, die dauerhaft zum Verstummen gebracht werden sollten, ist, die immer mehr Oberhand gewinnt.

So reduzieren sich mit fortschreitender Dauer des Abends die dokumentarischen Passagen und rückt Werfels Roman in Spielszenen in dem Mittelpunkt. Selbst ein theatrales Bühnenbild (Valerie von Stillfried) gönnt Kroesinger sich und uns: ein sukzessive ausgebaute Skelett einer Arche (zweifellos eine Anspielung auf den armenischen Nationalberg Ararat, auf dem der Bibel zufolge einst die Arche Noah gestrandet sein soll). Auch wenn das ein wenig plakativ sein mag, so bildet es doch eine wirksame Kulisse für einen Behauptungswillen, der dann eben doch mehr ist als referierte Worte, sondern sich trotzig die Bühne erobert und bei dem es um mehr geht als ums bloße Überleben. Es geht ums Nichtvergessen, um die Würde der Toten, wie der Lebenden, um Schuld und der Preis, den wir für das kollektive Verdrängen zahlen. Wenn Marina Freak mit zarter und doch kraftvoller Stimmen vom Unglück singt, das vorüber ginge, dann ist das auch eine Einladung an uns. Von selbst verschwinden wird es nicht. Die von einem Außenamtsmitarbeiter (Armin Wieser) gegenüber Lepsius vorgetragene Ansicht, Minderheiten seien in erster Linie eine Belastung für jede Gesellschaft, bildet auch heute noch, selbst in unserer freiheitlichen Demokratie, einen zentralen Aspekt der Politik. Der Widerstand, von dem Kroesinger und Werfel erzählen, und den das sechsköpfige Ensemble andeutet, er ist auch als Aufforderung an uns zu verstehen. Die letzten Worte an diesem Abend gehören Till Wonka: „Was gibt es noch zu erzählen?“, fragt er. Die Antwort liegt bei uns.

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