Verf…te Bedeutung

Iwan Wyrypajew: Unerträglich lange Umarmung, Deutsches Theater/Kammerspiele, Berlin (Regie: Andrea Moses)

Von Sascha Krieger

Alles so schön künstlich hier: ein Bühnenquadrat vollständig ausgekleidet mit Plastikfolie, das verstärkte Handy-Signal, das die Zuschauer dazu auffordert, sicherzustellen, dass ihre Telefone ausgeschaltet sind, wird gleich einmal aufgenommen von den Spielern, die da, auf vier Stühle verteilt, das Publikum anblicken. Roboterhafte Sklaven der spätkapitalistischen Konsumdekadenz, untote Bewohner der „Plastewelt“ von welcher der gefeierter russische Dramatiker Iwan Wyrypajew in seiner ersten Auftragsarbeit für ein deutschsprachiges Theater immer wieder spricht. Künstlich auch seine Sprache: formelhaft repetitive Satzmuster, immer wieder gleiche Satzanfänge, skurril poetische Metaphernwelten und das alles vermischt mit vulgärer Alltagssprache. Distanz und übertriebene Nähe gehen hier eine seltsam spannende Symbiose ein. Die Figuren erzählen ihre Handlungsfestzen meist in der dritten Person sowie im Präsens. „Jetzt“ und „verfickt“ sind die meist gebrauchten Worte. Immer und immer wieder beginnen Sätze mit ersterem Wort, als musste man sich mantraartig seiner eigenen Präsenz und Realität vergewissre, an die man gleichzeitig – siehe die dritte Person – nicht mehr so recht glauben kann.

Die Kammerspiele des Deutschen Theaters (Foto: Sascha Krieger)

Die Kammerspiele des Deutschen Theaters (Foto: Sascha Krieger)

Vier Figuren, zwei Emigranten aus Serbien und Polen, einen Amerikaner und einen tschechischen Touristen, wirft der Autor in den New Yorker Schmelztiegel, in dem sich Beziehungen auflösen, neue entstehen und sogleich wieder verpuffen und man sich am nächsten ist, wenn man sich ein Duell liefert, wer am schnellsten das – gemeinsame? – Konto leer zu räumen im Stande ist. Musiktheaterspezialistin Andrea Moses lässt die vier im antiseptischen Versuchslabor aufeinander prallen, Reaktionen eingehen und uns staunen, dass dabei so wenig zu passieren scheint. Klar gehen Monica (Julia Nachtmann) und Charlie (Moritz Grove) getrennte Wege, staunt der dauergrinsende Kryštof (Daniel Hoevels) über die sexuelle Freizügigkeit mit der sich im Nichtsseinwollen gefallenden Paradiessucherin Emmy (Franziska Machens). Und doch kommt niemand von der Stelle. So komisch und kurzweilig das Gewusel der Streitenden und Staunenden und Vögelnden und Leidenden ist, so wenig kann es darüber hinwegtäuschen, dass keiner mehr von der Stelle kommt, von einem Entkommen aus der künstlichen Plastewelt ganz zu schweigen. Je mehr und verzweifelter man sich danach Echtheit seht, danach wirklich lebendig zu sein, desto weniger scheint dies erreichbar.

Und so lässt Wyrypajew das Ganze irgendwann kippen: Eine nach der anderen bekommt Besuch aus dem Universum. Selbiges meldet sich per innerer Stimme und weist den Weg ins „wahre Leben“, samt inniger Umarmung des ganzen Kosmos. Die Folie bläht sich auf, kollabiert und wird sukzessive weggeräumt. Doch was findet sich darunter? Leere, kahle Wände, ein entkleidetes Gerüst, Routinen der Sinnsuche. Doch inmitten all dessen geraten die Figuren erst in existenzielle Sinnkrisen und anschließend vermeintlich verstehende Ekstase, als sich der Weg in das Wahre, Lebendige, mit allerlei wunderbarer Tiermetaphorik angereichert, immer deutlicher abzeichnet. Doch führt er wirklich ins Leben, in die ersehnt Erfüllung jenseits all des Falschen, von dem man sich umgeben wähnte, oder ist sein Ziel ein ganz anderer, erheblich düsterer?

Es gehört zu den Stärken von Wyrypajews Text, dass er verschiedene Ebenen parallel laufen lässt, die Ernsthaftigkeit behält, während er sie zugleich mit skurrilem Humor ironisiert, die Nähe zur Sinnsuche dieser Verlorenen aufrecht erhält, ohne die kühle Distanz zu ihnen aufzugeben. So lässt sich Unerträglich lange Umarmung als existenzielle Sinnsuche, als dystopische Vision der Ausweglosigkeit der Menschheit, aber auch als scharfe Abrechnung mit eskapistischer Weltablehnung und dumpfer Kulturkritik lesen, als Appell gar, sich, verf…t nochmal mit der Welt zu befassen, wie sie ist und nicht, wie man sie gern hätte. All das ist hier angelegt, nichts gewinnt die Überhand, das Publikum – und der Regisseur – muss seine eigene Interpretation im Dickicht der gelegten Fährten finden.

Andrea Moses gelingt es leider nur streckenweise, diese Komplexität, das Schweben der Bedeutungsebenen auf die Bühne zu bringen. Das Bühnenbild (Rebecca Ringst) ist etwas zu plakativ geraten, der Humor insbesondere in der zweiten Stückhälfte reduziert, dafür das metaphysische Spiel genüsslichste ausgewalzt. Das Ensemble überzeugt im Balanceakt zwischen Realismus uns Karikatur, Vergegenwärtigung und Distanzierung, der Inszenierung gelingt das nicht immer. So hat der Abend gegen Ende so manche Länge, hätte ein entschiedenerer und auch ironischerer Regiezugang nicht geschadet, bietet sich für künftige Inszenierungen durchaus etwas Kürzunngspotenzial. Moses nimmt sich vielleicht zu sehr zurück und verweigert damit dem Stück die Haltung, die es braucht. Und doch gelingt es dem Text zu scheinen, zu faszinieren und zu irritieren, die Aufmerksamkeit zu halten und auf die Nerven zu gehen. Vergessen zumindest wird man ihn so bald nicht.

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