Musik mit Fragezeichen

Bernhard Haitink dirigiert Beethoven bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Programme, wie sie Bernard Haitink bei seinem diesjährigen Gastspiel bei den Berliner Philharmonikern dirigiert, sind immer das berüchtigte zweischneidige Schwert: Zum einen sind reine Beethoven-Abende, gerade mit eingängigeren Werken wie dem Violinkonzert und der Pastorale, eine sichere Bank beim Publikum. Zum anderen fällt es bei so oft gespielten Stücken schwer, die hohen Erwartungen zu erfüllen oder vielleicht gar zu überraschen. Da hilft es vielleicht, wenn man wie Haitink bereits über 80 ist, alles, was einem Dirigenten möglich ist, erreicht hat und niemandem etwas beweisen muss. Da lässt es sich entspannter und im besten Fall mit einer gewissen musikalischen Neugier an eine solche Aufgabe herangehen. Wobei es nicht schaden kann, mit Isabelle Faust eine Solistin an der Seite zu haben, die sich ohnehin nicht um irgendwelche Erwartungshaltungen schert und sich dem Popularitätswettbewerb, dem sich Instrumentalsolisten nicht erst seit Lang Lang ausgesetzt sehen, konsequent verweigert. Kommen diese beiden und das vielleicht Weltbeste Orchester zusammen, kommt oft etwas heraus, das die Musikgeschichte nicht verändert, so manche Ecken und Kanten hat, aber eines nie tut: zu langweilen.

Bernard Haitink (Foto: Todd Rosenberg)

Bernard Haitink (Foto: Todd Rosenberg)

Zunächst lautet die Aufgabe erst einmal zusammenzufinden: auf der einen Seite ein Orchester, dessen Zügel Haitink fest in der Hand hat, das einen schlanke, sehr konzentrierten Klang hat, auf größtmögliche Schlichtheit und Klarheit setzt, dessen Kanten zuweilen ein wenig scharf geraten, wodurch Beethovens Klangwelt streckenweise ein wenig eingeschürt wirkt. Auf der anderen steht die Solistin: Ihr Spiel ist äußerst subtil, nie kraftstrotzend oder muskulös, seine Kraft bezieht es aus den Brüchen, die Faust überall in diesem oberflächlich betrachtet so makellosen Werk findet. Das Affirmative ist ihre Sache nicht, sie fragt, anstatt Antworten zu behaupten.Das klingt teilweise fast schroff und findet doch vor allem in den leisen Tönen eine betörende Magie, die aus der Ungewissheit kommt. Und so tritt dieses Spiel zwischen den Stühlen in einen überaus spannenden Dialog mit der klaren Linie Haitinks, entwickelt das Miteinander der lebhaften Suche Fausts und der ruhigen Sicherheit des Orchesters eine Spannung, die nie aufgesetzt wirkt. Zumal Haitink sein Orchester immer wieder und an den richtigen Stellen zurücknimmt, weder dominieren will noch nur begleiten. Da stimmt nicht immer die Balance, erlaubt sich Haitink auch in Sachen Tempi die eine oder andere nicht ganz überzeugende Freiheit und ergibt sich am Ende doch eine spannende Interpretation, weil sie sich auf das Fragenstellen konzentriert und darauf, was sich hinter dem eleganten Klang, den das Orchester entwickelt, noch verbergen mag.

Mit festem Zugriff nähert sich Haitink denn auch Beethovens sechster Symphonie, der „Pastorale“. Sehr dicht die Streicherdecke, sehr hart die Kanten und äußerst streng das Orchesterspiel. Haitink lässt das Orchester einen kompakten, sehr konzentrierten und zugleich äußerst eleganten Klang erzeugen, der in einiger Spannung zur Strenge der Ausführung steht. Gerade im ersten Satz gerät das zuweilen etwas massig, wozu auch die mäßigen Tempi beitragen, doch brechen die exzellenten Holzbläser, allen voran Solo-Oboist Jonathan Kelly immer wieder mit großer Lebendigkeit durch. Das gilt auch für den zweiten Satz, in dem die Schwere des opaken Orchesterklangs jedoch für ein leichtes Ungleichgewicht sorgt. Nimmt sich das Orchester zurück, etwa in den stilleren Momenten, zeigt es eine Subtilität, die zum genauen Hinhören einlädt und in Zwischentönen spricht. Der dritte Satz überrascht durch seine Vielfalt: Weite Meldebögen stehen neben massiven Klangwänden, lebhaftes, fast aufgewühltes Spiel neben hartkantiger Strenge und einer Schärfe nicht scheuenden Solotrompete. Im vierten Satz entlädt sich eine innere Dramatik aus dichtem Orchesterspiel. Schroff stehen die Sturm- und Gewitter-Passagen neben ungeheuer zarten Momenten der Stille und des Innehaltens. Zauberhaft subtil dann das Finale: sehr schlicht und dadurch umso strahlender das Hauptthema, organisch die Anschwellbewegungen, Tupfer der Nachdenklichkeit gesetzt durch bewusste Tempoverzögerungen. Den Schluss füllt Haitink mit Fragen, fragil erklingen die Passagen vor dem Schlusspunkt. Die Feier des Naturerlebnisses, die Beethoven hier komponiert hat, ist bei Haitink und den Philharmonikern nicht ohne Fragen nach der Künstlichkeit menschlicher Naturerfahrung und der Verletzlichkeit des vermeintlich Unberührten nicht zu haben. Ultimative Sichtweisen sind an diesem Abend Mangelware, Anregungen zum Nachdenken und Weiterhören gibt es dagegen ausreichend.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: