Unter dem Hundeblick

James Joyce: Exiles, Münchner Kammerspiele (Regie: Luk Perceval)

Von Sascha Krieger

Bevor James Joyce als Prosaautor die Literaturgeschichte auf den Kopf stellte und Genregrenzen ein für allemal neu definierte, wenn nicht gar niederriss, hatte er bereits einen sehr viel konventionelleren literarischen Karriereversuch hinter sich: Der Ibsen-Verehrer sah sich zunächst als Dramatiker in der Tradition des großen Norwegers. Mit wenig Erfolg: Sein Erstling Exiles blieb sein einziger Ausflug ins dramatische Fach, fand weder in England noch in Irland ein Theater, das die Uraufführung besorgen wollte und ist bis heute ein selten gesehener Gast auf den Spielplänen. Viel häufiger finden sich dort Bearbeitungen seiner Prosawerke, allen voran Ulysses. Wenn sich jetzt die Münchner Kammerspiele des Werkes erinnern, hat auch das Tradition, schließlich war es genau hier, dass das Stück 1919 seine Uraufführung feierte. Seine Wurzeln in der Ibsen-Nachfolge kann es nicht verleugnen: Im Mittelpunkt stehen vier Menschen, die einander in komplexen Beziehungsgeflechten mehr getrennt als verbunden sind: das Ehepaar Richard und Bertha, das nach neun Jahren im Ausland zurückgekehrt ist, Richards Jugendliebe Beatrice und Berthas Verehrer Robert. Obwohl – oder gerade weil? – Richard und Bertha eine offene, auf schonungsloser Ehrlichkeit basierende Ehe zu führen vorgeben, führt der Test dieser Prinzipien an den Rand einer Katastrophe. Dass diese nicht eintritt, ist vielleicht noch fataler als es der große Knall wäre.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

Regisseur Luk Perceval ortet das Grundthema des Stücks im Spannungsfeld zwischen dem Wunsch nach Nähe und der gleichzeitigen Angst vor ihr, die eine Angst vor dem Ende tatsächlicher oder eingebildeter Sicherheit ist. Eine Spannung, mit der sich leben, aber die sich nicht auflösen lässt. Schwingt das emotionale Pendel in die eine oder andere Richtung, droht die mühsam aufgebaute Fassade brutal zusammenzukrachen. Dass sie es nicht tut, macht es kaum besser. Percevals Figuren sind ob dieser Dauerkompromisschleife längst zu Untoten geworden, fahlen somnambulen Gespenstern, die starr herumstehen und sich bestenfalls in Zeitlupe bewegen. Begehren und Vernunft sind schon lange auseinandergelaufen und so distanziert Perceval auch Text und Spiel, Sprechen und Blicken von einander. Der Gesprächspartner ist nur selten der Angeblickte, der, mit dem konventionell interagiert wird, fast nie, der, dem das Verlangen gilt. Percevals Inszenierung ist denn auch eine Choreografie der Blicke und Blickverweigerungen. Egal, mit wem er spricht, richten sich Richards Augen fast immer auf Beatrice, die, nachdem sie zunächst lange in die Ferne gesehen hat, seinem Blick irgendwann zu erwidern beginnt. Die Inszenierung knüpft hochkomplexe, zutiefst asymmetrische Blick- und Interaktionsnetze, etwa in der Szene, in der Robert mit Richard spricht, dieser einen langen, nicht enden wollenden Blick mit Beatrice austauscht, der dadurch behindert wird, dass sich die Richard anstarrende Bertha in beider Blickbahn stellt.

Das Paradoxon der Gleichzeitigkeit vom Wunsch und der Unmöglichkeit von Nähe zu bebildern, ist das Kraftzentrum des Abends. Beredt die langen Phasen des Schweigens. Wenn Bertha die Liebesbekenntnisfrage stellt, trifft sie umso härter, als zuvor eine lange, quälende Stille geherrscht hat. Wenn einer das formulaisch mechanische Sprechen durchbricht, beispielsweise die Richard (Stephan Bissmeier) mal immer hysterischer anlachende und dann wieder ihn brüllend zum Gehen auffordernde Bertha (Sylvana Krappatsch) oder der Beatrice (Marie Jung) anrufende oder Bertha anstampfende Robert (Kristof Van Boven), zeigt das keine Wirkung, bleibt der Angesprochene ungerührt. Immer wieder zerfällt Sprache in bloße Wiederholung oder löst sich, ihrer Bedeutung und Wirkung beraubt, vollkommen auf. Die proklamierte Freiheit ist immer schon Behauptung, der die Verkrampfung der Figuren Hohn spricht. Gehen ist längst keine Option mehr, da beim anderen das Gleiche wartet, dem man eigentlich entfliehen will. Und vielleicht ist Bleiben die stärkere, ungleich zerstörerischere Waffe. Sohn Archie (Dine Doneff) hat seine Konsequenzen gezogen: Er entzieht sich der an sich selbst nicht mehr glaubenden Vernunftbehauptung, indem er nur noch mit und bestenfalls über Kontrabass und Cello kommuniziert. Seine fragmentarisch irrlichternden Töne, die sich auch mal zu schmerzhaft panischer Dissonanz verdichten, bilden den Soundtrack zur Verlorenheit, der Beziehungszombies, die so starr in ihren Positionen verhaftet bleiben wie Katrin Bracks Kugellampen. Das alles vollzieht sich vor einem riesenhaften Hundeporträt, dessen treuer, grundehrlicher Blick ein ironischer Gegenentwurf zur tödlichen Verkomplizierung der vorgeführten menschlichen Beziehungen ist.

Luk Percevals Exiles macht es dem Zuschauer nicht leicht mit seinen eineinhalb Stunden Stillstand, seinen langen Schweigephasen und noch längerer Sprachmonotonie, seinem starren Herumstehen und strenger statischer Choreographie. Nur Krappatsch darf ein paar Ausbruchsversuche exemplarisch vorführen, während es Van Boven obliegt, die Ebene der Lächerlichkeit einzuziehen. Und doch wird der aufmerksame Zuseher belohnt: Denn was diese diszipliniert und präzise agierenden Darsteller, tun oder eben nicht tun, webt ein multidimensionales Bild der existentiellen Verlorenheit des (post)modernen Menschen, für den Nähe jederzeit verfügbar scheint und doch immer seltener eingelöst wird, der auf die Dauerverfügbarkeit mit immer stärkerer Abschottung reagiert. So ist der digital native unserer Zeit so weit nicht entfernt vom sich in seiner zunehmend unverständlichen Welt fremd fühlende und zutiefst vereinsamte moderne Mensch vor hundert Jahren. Es scheint – und hier stimmt Joyces Text Percevals Interpretation zu – als seien wir nicht besonders weitergekommen. Vielleicht wussten wir das schon, und doch ist es keine Zeitverschwendung, es uns von diesem intensiven und vielschichtigen Abend noch einmal sagen zu lassen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: