Am Kreuzweg

Henrik Ibsen: Peer Gynt, Residenztheater München (Regie: David Bösch)

Von Sascha Krieger

Eigentlich ist dieser Peer Gynt ja ein ganz Netter. Klar, er lässt reihenweise Frauen und auch schon mal das eigene Kind sitzen und die Mutter sowieso. Das mit dem Sklavenhandel hätte er vielleicht auch bleiben lassen können. Und doch fällt es schwer, dem großen, verspielten, unverschämten und gern auch seine Umwelt provozierenden Kind, als das Shenja Lacher seinen Peer gibt, länger böse zu sein. Er hat es ja auch nicht leicht im Leben: Der Vater hat sich totgesoffen, die Angebetete heiratet einen Anderen und selbst lebt man, gekleidet in abgeranzte Klamotten, in einem mickrigen Wohnwagen irgendwo auf einer Waldlichtung. Dieser Peer ist pures Prekariat und da ist es denn auch verzeihlich, dass er in der Wahl seiner Mittel, etwas aus sich zu machen, nicht zimperlich ist. Es geht viel um das Man-selbst-sein in diesem Stück und auch Davis Bösche Inszenierung kommt in praktisch jeder Szene auf das Thema zurück. Doch wie kann das gehen, wenn man das, was man ist, verabscheut? Der Geschichtenerzähler und -erfinder Peer ist hier vor allem ein Spielkind, insbesondere vor der Pause driftet der Abend ab in ein nicht ende wollendes und zunehmend ermüdendes Katz-und-Maus-Spiel. Räuber und Gendarm auf großer Bühne. Die romantisch sich im Bühnenhimmel verlierenden norwegischen Riesenbaumstämme (Bühne: Falk Herold) tun ein übriges, die Fantasielandschaft eines eskapistischen Träumers zu evozieren, der auch dann nicht aufhört, wenn seine eigene Handlung die Realität kaum mehr verleugnen kann.

Foto: Thomas Dashuber

Foto: Thomas Dashuber

So gern man Shenja Lacher bei allem zuschaut, was er da auf der Bühne so tut, so anstrengend ist das ziellose Mäandern dieser zunehmend kopflosen ersten Hälfte. Da hilft auch kaum die Episode mit dem Trollkönig, den Götz Schulte als Penner gibt, der sich mit Peer einen Machtkampf um den Platz ganz unten, weit weg von der Sonne liefert. Das ist dann für ein bisschen Horrorfilmästhetik gut, verpufft aber wie so vieles. Nur einmal verlässt dieser erste Teil seine beliebige Nettigkeit: Wenn Peer seine Mutter (Sibylle Canonica) ein letztes Mal besucht, sie im Kinderwagen bis an die Himmelspforte schiebt, um am Ende in all seiner Verlorenheit, seinem Schmerz, den er nie gelernt hat, richtig zu artikulieren, zurück bleibt, dann ist plötzlich eine Verlorenheit zu spüren, die all die Spinnerei und die selbstsüchtigen Gemeinheiten zusammenbinden – oder dies zumindest könnten, würde David Bösche Regie das zulassen. Doch diese eigentliche Mitte des Stücks bleibt nur Episode.

Trotzdem nimmt der Abend nach der Pause spürbar an Fahrt auf. Eine Videomontage fasst Peers zwischenzeitlichen Aufstieg mit schöner Ironie zusammen, die sich auch nicht verliert, wenn wir den Lacher wieder auf der Bühne begegnet: Mit Goldkettchen und ganz dicker Hose gibt er den RTL2-Proll-Kapitalisten, der jedoch aus der ausgeplünderten Leere Afrikas auch mit aller Fantasie nicht mehr viel machen kann. Natürlich ist die selbst geschaffene Ödnis auch Sinnbild für Peers Leere, die sich jetzt in einer kaum mehr von der „Wirklichkeit“ zu unterscheidenden Abfolge von – immer bildmächtigeren – Alptraumsequenzen entlädt. Da ist manches zuviel und auch einfach nur platt – etwa wenn die Bühne bedeckt ist von projizierten Kreuzen und Peer fragt, ob dies denn ein Kreuzweg sei – und doch ist diese Selbstauflösung eines, der das Ziel, er selbst zu sein, vor lauter Ich-Entwürfen nie erreicht hat, durchaus konsequent. Am Ende sitzt er reglos da, neben sich die ewig wartende, ergraute Solveig (Andrea Wenzl), deren unvermeidliche Sonnenblume – noch so ein Symbol der eher plakativen Sorte – endlich verwelkt ist, und weiß nicht weiter. Der Stillstand ist tödlicher als jeder Knopfgießer- und Magerer-Grusel zuvor. Jetzt hilft auch kein Theaterspuk mehr.

David Böschs Peer Gynt krankt vor allem daran, dass er nur sehr schwer in die Gänge kommt. Die erste Hälfte verliert sich  in immer zielloserem Geplänkel, so dass nach der Pause zu wenig Zeit bleibt, die verschiedene Stränge erst zu schaffen und dann zu verknüpfen. So wirkt vieles unfertig, hastig hingeworfen, bruchstückhaft und will nicht zum Rest passen. Doch dazwischen gelingen Bösch und seinem Hauptdarsteller Shenja Lacher eindrucksvolle Miniaturen eines ruhelosen Ichs, das, um es selbst zu sein, sich dauernd neu erfindet und sich dabei vollends verliert. Der Preis, den er, aber eben auch die anderen, zahlen ist hoch, trotz aller Nettigkeit dieses Peer. Und doch konzentriert sich die Inszenierung vor allem auf seine Figur, auf seinen durchaus mitleidig wahrgenommenen Selbstverlust.Da bleibt der Rest der abziehbildhaft karikierten Figuren weitgehend Staffage, interessiert ihr Leiden nicht weiter. Da spiegelt die Inszenierung Peers Ich-Bezug, der zu seinem Ellenbogen-Kapitalismus ideal passt – ein wenig mehr Reflexion auf die dunklen Seiten wäre jedoch wünschenswert gewesen. Bei allem ernsten Grund ist der Abend denn doch über weite strecken zu niedlich und harmlos. Zumal er aus Ibsens Versen und seinen Darstellern manches komödiantische Potenzial herausholt, den wilden ritt in erster Linie auch als unterhaltsame Revuenummern-Abfolge auf die Bühne zimmert, leistet seinen Beitrag, das Publikum bei der Stange zu halten. Einem längeren Blick in den durchaus vorhandenen Abgrund ist das allerdings wenig zuträglich.

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