Endlicher Spaß

William Shakespeare: Was ihr wollt, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Stefan Pucher)

Von Sascha Krieger

Nein, eine ganz so harmlose Verwechslungskomödie ist William Shakespeares Was ihr wollt nicht. Zu zufällig, zu aufgesetzt ist die Lösung, die der Barde seinen die Grundfesten gesellschaftlichen Konsenses zu erschüttern drohenden Liebesverwicklungen schenkt, zu unsicher die Identitäten seiner Protagonisten. In Was ihr wollt kommt so manches ins Rutschen: Geschlechterrollen und -differenzen, sexuelle Identitäten und Orientierungen, die feste Abgrenzung des Ichs vom Anderen. Es gehört sicher zu den Stücken, die am meisten Anknüpfungspunkte an aktuelle Debatten etwa um Genderrollen und konstruierte Identitäten bieten. Da erstaunt es wenig, das Stefan Pucher genau diese Aspekte des Stücks in den Mittelpunkt seiner Inszenierung stellt. Hier ist von Anfang an nichts sicher. Das zentrale Figurenpaar, die Zwillinge Viola, die sich als Mann Cesario verkleidet, und Sebastian, lässt er nicht nur beide von Katharina Marie Schubert spielen, er erlaubt ihnen auch keinerlei Unterscheidungsmerkmale, so dass sie letztlich wie eine Figur erscheinen. Der Knabe, der eine Frau ist, und den Gräfin Olivia ebenso begehrt wie Graf Orsino und der Mann Sebastian, den sie letztlich, für Cesario haltend, ehelicht, sind ein- und derselbe, männliches und weibliches Geschlechterkonstrukt zerfließen und sind bestenfalls plumpe Abziehbilder. Zumal Pucher Cesario/Viola nochmals spaltet und in Selbstgesprächen mit sich debattieren lässt. Der schein ist das Sein, was wir sehen wollen, wird zur einzig möglichen Realität, das Geschlecht bloße Konstruktion, die Frage nach der „richtigen“ Sexualität Makulatur, „Ich bin auch nicht, wer ich bin“ der Schlüsselsatz.

Das Deutsche Theater (Foto: Sascha Krieger)

Das Deutsche Theater (Foto: Sascha Krieger)

So fügt der Regisseur eine homosexuelle Episode hinzu, lässt Penisse und Spermien über die große Videowand schwimmen und lässt kaum einen zotigen Witz oder ein anzügliches Wortspiel aus. Sex ist das Schlachtfeld, auf dem die Gesellschaft ihre Rollenzuweisungen ausficht, was bei Shakespeare auch eine soziale Ebene hat, die Pucher in der Figur des Malvolio bestenfalls andeutet. Ansonsten läuft alles hinaus auf das projizierter Schlusstableau der verdoppelten Ichs und die finale Aufstellung der Männer mit weibliche Konturen simulierenden T-Shirts und der Frauen in männlicher Anatomie. Und da ist dann plötzlich wieder alles klar: Jeder ist alles, everything goes, Geschlecht und Sexualität simple Konstruktionen, von denen man sich nur befreien muss. Und so ist der simple Schluss, den Pucher karikiert und dem er noch eine indignierte Anklage von Wolfgang Kochs Malvolio gegen die eigene Rollenzuweisung nachschiebt, kaum komplexer und brüchiger als Shakespeares der gesellschaftlichen Konvention genügender.

Zumal der Regisseur alles tut, um seine Grundidee so weit es gehend zu bemänteln. Was fährt er nicht alles auf? Jules-Verne-hafte U-Boote (Bühne: Barbara Ehnes), grotesk-lächerliche Kostüme (Annabelle Witt), aufwändige Video-Illustrationen, welche zuweilen die Aufspaltung des Ichs recht wirkungsvoll darstellen (Chris Kondek und Phillip Hohenwarter), zwei Live-Musiker und so manche Gesangseinlage, und – last but not least – ein Ensemble, das den komödiantischen Affen mit Zucker füttert, bis er sich übergibt. Kochs affektiertes Würstchen Malvolio, Susanne Wolffs herrisch-lüsterne Olivia, Andreas Döhlers seine Melancholie zelebrierender, schnoddriger Orsino, Bernd Moss als dümmliche Casanova-Parodie und, natürlich, Margit Bendokats Narr im dunklen Anzug und versteinerter Miene lassen kein Auge trocken, auch Schuberts trotzige Identitätsjonglage beeindruckt. Das ist ungemein unterhaltsam und kurzweilig und drückt doch jede ernsthafte gedankliche Basis rücksichtslos weg. Da wird die geschlechter- und Identitätsverwirrung am Ende eben doch zur bloßen Staffage, bleibt unter den zotigen Kalauern kein Platt für die anarchische Dekonstruktion von Geschlechter- und Ich-Rollen oder der gesellschaftlichen Funktion von Sexualität, die Pucher offenbar im Sinn zu haben scheint. Letztlich lässt sich all das weglachen und bleibt ein großer und doch endlicher Spaß. Es ist nicht das erste Mal, das Stefan Pucher sein eigener theatraler Aufwand in die Parade fährt. Schade und ein bisschen ärgerlich ist es trotzdem.

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