Aufklarender Nebel

Valery Gergiev und Hélène Grimaud zu Gast bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Der russische Dirigent Valery Gergiev gilt als besonders umtriebiger Vertreter seiner Zunft. Zu Chefpositionen in St. Petersburg und London werden bald die Münchner Philharmoniker hinzukommen, darüber hinaus dirigiert Gergiev regelmäßig praktisch jedes Orchester von Weltrang und unterstützt seinen guten Freund Wladimir Putin bei so manchem Großprojekt. Da bleibt es nicht aus, dass gerade seinen Gastspielen zuweilen ein Mangel a Probenzeit anzumerken ist. Und vielleicht liegt es daran, dass die erste Hälfte seines aktuellen Berliner Gastspiels durchaus als holprig zu bezeichnen ist. Ein so unentschlossenes, zuweilen gar verwaschenes Klangbild wie in Ludwig van Beethovens viertem Klavierkonzert hat man von den Philharmonikern lange nicht gehört. Vor allem die Streicher flüchten wiederholt ins Breite, die so typische Detailschärfe blitzt nur selten auf. Dadurch geht jegliche Spannung verloren, wirken Versuche, Kraft zu entwickeln – etwa zu Beginn und Ende des Schlusssatzes – streckenweise sehr angestrengt, findet das Orchester nur selten, etwa in der Schlusspassage des langsamen Satzes, in der sich ein betörender Dialog zwischen fragil tastendem Soloinstrument und hauchzartem Piano im Orchester entspinnt.

Die Berliner Philharmoniker (Foto: Monika Rittershaus)

Die Berliner Philharmoniker (Foto: Monika Rittershaus)

Ganz unschuldig ist daran auch Ausnahmepianistin Hélène Grimaud nicht, die sich vor allem im Kopfsatz ähnlich schwer tut, den richtigen Ton zu findet. So gelingt ihr die bremsende, quasi horchende Gestik der Einleitung durchaus, gerät der Anschlag aber ein wenig zu fest, um das Fragezeichen, das Beethoven hier komponiert hat, wirklich spürbar werden zu lassen. Grimaud braucht eine Weile, um ihrer Virtuosität (die sich nicht nur in der eindrucksvollen Kadenz zeigt) und ihrem unglaublichen Ausdrucksspektrum eine Mitte zu geben, gerade im ersten Satz verliert sich ihr Spiel zuweilen im Beliebigen. Das gelingt in der Folge besser. Eindringlich das Selbstgespräch des Klaviers im zweiten Satz, in dem Grimaud ihr eigenes Voraneilen immer wieder ausbremst, jedem Hoffnungsglauben einen Zweifel nachschiebt. Diese ständige Selbsthinterfragung der Musik zelebriert sie denn auch im Finale, wirft immer wieder Hindernisse in den melodischen Fluss, findet zu großer Klarheit in der Ambivalenz und verliert auch die Schwere, die ihren Anschlag im Kopfsatz streckenweise etwas belastete. Da wird denn auch hörbar, warum Hélène Grimaud zu den führenden und zugleich individuellsten Beethoven-Interpretinnen unserer Zeit zählt. Leider fehlt ihr an diesem Abend ein Partner auf Augenhöhe.

Dass sich Orchester wie Dirigent eigentlich genau dort befinden, zeigen sie nach der Pause in Sergej Prokofjews sechster Symphonie. Schnell lichtet sich der Nebel, in den das Beethoven-Konzert getaucht schien. Sofort ergibt sich ein eindeutiges Klangbild, dass den drei Sätzen als Fundament dienen wird: schroff, scharf, ein wenig spröde, Missklänge umarmend, hart und zugleich höchst transparent. Gergiev nutzt das Zusammenspiel aus hartem, immer wieder vor allem in Streichern und Holzbläsern schärfe gewinnendem Klang und der Gleichberechtigung aller Instrumentengruppen, um das Fragmentarische und Brüchige dieser aus dem Schmerz des gerade zu Ende gegangenen Weltkriegs entstandenen Musik zu betonen. Immer wieder durchstoßen einzelne Instrumente oder gruppen die Oberfläche, setzen Haken ins musikalische Fleisch, säen Widerspruch. Dabei nimmt Gergiev die innere Dramatik durchaus zurück, will nicht überwältigen, sondern dem Zuhörer nahe kommen, auch wenn es zuweilen wehtut. Da verleiht er auch den weiten Melodiebögen zu Beginn des zweiten Satz ein aufmüpfiges Pulsieren und einen Schärfegrad, der kein Zurücklehnen erlaubt. Und auch der klassizistische, vermeintlich heitere Schlusssatz besitzt eine grelle Gegenbewegung, wird immer wieder aufgebrochen und entlädt sich mit einer Unerbittlichkeit, die nichts Strahlendes hat. Der Triumph, der vermeintlich harmonische Oberflächenglanz ist teuer erkauft und diese Interpretation erinnert den Zuhörer an diesen Preis. So gelingt Valery Gergiev und den Berliner Philharmonikern ein zwingender Zugriff auf ein Werk, das man gern öfter im Konzertsaal hören würde.

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