Selbstporträt mit Schweinen

Nach Lewis Carroll: Alice, Deutsches Theater/Kammerspiele (Junges DT), Berlin (Regie: Nora Schlocker) – eingeladen zum Theatertreffen der Jugend 2015

Von Sascha Krieger

Welches ist denn nun das Wunderland? Sicherlich der quietschrosa Bühnenkasten, in den sich aus ein schwarzen Papploch sukzessive 16 Alices schälen, große und kleine, weibliche und männliche, solche, die ihre Pubertät noch vor und andere, die sie bereits hinter sich haben. Doch dann erhellt sich eine andere Dunkelheit, die des Zuschauerraums, plumpst das Publikum quasi durch das Carrollsche Loch und sieht sich bestaunt von den sechzehn, die sich mit großen Augen wundern über die seltsamen Gestalten, die scheu  und frech unsere Gesten und Haltungen nachahmen und ausprobieren, die im Gegenüber das eigene Selbst suchen. Sind wir Alice oder sie, sind wir Herzkönigin und Humpty Dumpty oder jene auf der Bühne, sind wir gar die Bühne und sie der Zuschauerraum? Oder sind alle potenziell alles und damit zunächst einmal nichts? Es ist ein ganz starker Anfang, der das Thema des Abends, das sich in der nur einfach klingenden Frage „Wer bin ich?“ zusammenfassen lässt, vollkommen wortlos durchdekliniert und als kaum durchdringbares Dickicht erscheinen lässt, jenes Dickicht, durch das sich jeder kämpft, der den langen Weg ins Erwachsensein antritt.

Alice wurde eingeladen zum Theatertreffen der Jugend 2015 (Foto: Arno Declair)

Alice wurde  zum Theatertreffen der Jugend 2015 eingeladen (Foto: Arno Declair)

Schnell sind wir in der Alice-Geschichte, in der vieles ist, aber nichts einfach. Multiple Alices ringen mit einander, kommentieren die eigenen Handlungen, die hier jene eines anderen sind, durchlaufen verschiedene Lebensalter, werden von Dritten – die vielleicht auch sie selbst sind Rollen, Identitäten zugewiesen, die sie abweisen. Identität, so sehen wir, brauch immer den anderen, dessen Rolle stets ambivalent bleibt. Eindrucksvoll die Szene, in der einer der Spieler, Valentino, das eigene Ich im Ausschlussverfahren sucht. Er probiert jene der anderen fünfzehn aus und findet jede nicht so recht passend. Am Ende zurückgeworfen auf sich selbst, ist er jedoch alles andere als glücklich. Die Ich-Frage ist längst nicht beantwortet, die Sehnsucht nach einer einfachen Definition der Marke „Ich bin Bjarne“, die Orientierung an einer – vermeintlich – klaren Rollenvorgabe, nicht gestillt. „ich bleibe hier unten und warte, bis ich jemand anders bin“, ist einer der klügsten und zugleich bittersten Sätze des Abends.

Der sich in der Folge lustvoll in Lewis Carrolls zwei Alice-Bücher stürzt, Geschichtenfetzen ausprobiert und sich virtuos in Identitätsversuche unterschiedlichster Art wirft. Da werden Lebensphasen – die frühe Kindheit, das erste Verliebtsein, die eigene Familiengründung – angedeutet und liebevoll als gesellschaftliche Muster ironisiert, geht es immer um den Blick des anderen, der Identitäten vorgibt, an denen man sich abarbeitet. Alice, charakterisiert durch die Farbe Rosa, reduziert sich weitgehend auf die Beobachterrolle, die das lernende, werdende Ich stets auch einnimmt. Das Ausprobieren von Ich-Optionen bleibt zentrales Mittel: etwa mittels einer riesenhaften Puppe eines dicken Mannes, die sich die Spieler – im Wortsinn – einverleibt, kein angenehmer Zeitgenosse, dessen Machtspiele man zwar wegwirft, aber doch nicht ganz abstreifen wird. Grausamkeit – in ihrer kindlichen wie in „erwachsener“ Form – bleibt eine Präsenz, mit der die Ich-Sucher umgehen müssen. Ob sie als Schweine dem Futter hinterherjagen, als Baby die Mutterbrust suchen, sich im Heulwettstreit zu überbieten suchen oder sich nach begangener Tat zum grinsenden Familienbild aufreihen: Stets geht es darum, vorgefertigte Bilder anzunehmen oder zu konterkarieren, sich mit Rollenvorgaben auseinanderzusetzen – los kommen sie von ihnen nicht. Und wenn sie später eigene Bilder malen, ein selbstbild, ein Ich-Verständnis entwickeln, dann ist das ohne das vorherige Ringen mit dem Fremdbild nicht denkbar.

Es ist ein lustvoller, im besten Sinne spielfreudiger Abend geworden, der genüsslich Ich-Entwürfe durchspielt, ins Lächerliche zieht, als Steinbruch nutzt, um das Grundproblem des modernen Menschen, die Frage nach dem Ich , der eigenen, natürlich ganz individuellen Identität, durchdekliniert und auf Normalmaß zurechtstutzt. Ja, der Abend hat seine Längen, verliert sich zuweilen in der eigenen Spielbegeisterung, manche Szene ist Selbstzweck, der eine oder andere Spieler ein wenig überdreht. Auch die Ausgangsidee der Spiegelung von Bühne und Publikum, das Zurückwerfen des Zuschauerblicks, wird in immer angestrengteren Publikumseinbeziehungsversuchen mehr Krampf als Erkenntnismittel, die vierte Wand hat Risse, aber sie steht. Und doch ist es gerade das zuweilen ziellos erscheinende Spiel, das Suchen ohne Kompass, das lustvolle Sich-Stürzen ins Ungewisse, das den Abend nicht nur durchgängig unterhaltsam macht – sondern dann eben doch einen präzisen und faszinierenden Spiegel des seltsamen Prozesses der eigenen Identitätsfindung bietet, der dann auch auf uns „Erwachsene“ zurückfällt. Denn wenn wir glauben, er sei irgendwann abgeschlossen, das kindliche Suchen vorbei, dann sind wir es, die im Wunderland hängen geblieben sind und hoffen, dass wir niemals aufwachen.

Advertisements

Ein Gedanke zu „Selbstporträt mit Schweinen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: