Alles nur Spaß

Peter Handke: Kaspar, Berliner Ensemble (Pavillon), Berlin (Regie: Sebastian Sommer)

Von Sascha Krieger

Die Geschichte des 1828 in Nürnberg aufgefundenen Kaspar Hauser, der angeblich beinahe sein ganzes bisheriges Leben bei Wasser und Brot und ohne menschlichen Kontakt verbracht hatte, regt seitdem die kollektive Fantasie an. Die Formung des Individuums durch eine vermeintlich wohlmeinende Gesellschaft, die es zu einem produktiven Teil der Gemeinschaft machen will, hat positive wie negative Auslegungen hervorgerufen  je nach Standpunkt wurde Hauser für die eine oder andere Ideologie instrumentalisiert. Genau hier setzte Peter Handke in seinem frühen Stück Kaspar von 1968an. Dabei interessiert ihn die historische Figur nicht, sie dient ihm lediglich als Folie – man könnte auch sagen, er instrumentalisiere sie – für eine fundamentale Sprachkritik, wie er sie mit seinem zwei Jahre zuvor uraufgeführten Erstling Publikumsbeschimpfung, eingeleitet hatte. Sein Kaspar wird durch das Folterinstrument Sprache von sechs mysteriösen „Einsagern“, die im Publikum platziert sind, mittels der Sprache in ein gesellschaftliches Korsett gezwängt, von dem Sprache ein wesentlicher Bestandteil ist. Die Benennung der Dinge, die Bewusstwerdung des Ichs durch das Annehmen von Sprache erscheint hier als domestizierende und normierende Tätigkeit. Bei Handke stehen am Ende eine Reihe von Kaspars auf der Bühne, um die gleichmachende Wirkung des Herrschaftsinstruments Sprache deutlich zu machen.

Foto: Lucie Jansch

Foto: Lucie Jansch

So weit geht Sebastian Sommer in seiner Neuinszenierung nicht. Der gesellschaftliche Konsens, den zum Schluss die Einsager samt Zuschauern einträchtig an einer großen Tafel bilden und aus dem Kaspar bestenfalls als Individuum herausragt, hat wenig bedrohliches. Die Ordnung, von der so viel die Rede war und die jetzt hergestellt ist, wirkt eigentlich ganz angenehm, der Normierungsdruck, den Handkes Text behauptet, scheint die Inszenierung wenn überhaupt, dann nur in homöopathischen Dosen zu bestätigen. Nur im sich immer weiter in zunehmender Aggressivität steigerndem Sprechchor von den Ziegen und affen, in die Teile des Publikums gutgelaunt einstimmen, deutet die Machtwirkung von normativ eingesetzter Sprache erahnen. Ansonsten ist die Ordnungserschaffung überraschend harmlos.

Johannes Schütz hat 60 quadratische Holztische im Pavillon des Berliner Ensembles auftürmen lassen. Jörg Thieme als staunender, immer leicht panischer Kaspar, kämpft sich zunächst durch das Tischlabyrinth, sucht seinen Halt, um später aus dem Wirrwarr eine Tafel, also Ordnung zu schaffen. Ordnung ist der Schlüsselbegriff des Textes, die normierende und alles nicht dazugehörige ausschließende totalitäre Kraft der Sprache. Zunächst hat er nur einen, berühmten, das Grundthema anstimmenden Satz: „Ich möchte‘ ein solcher werden, wie einmal ein anderer gewesen ist“. Thieme probiert den Satz durch in unzähligen Nuancen, wird ihn später in seine Einzelteile zerlegen, und demonstriert damit die Geformtheit von Sprache, ihre Künstlichkeit, die ihm, wie ihm die Einsager bald klar machen, die Welt nicht nur erkennen lässt, sondern erst errichtet. So weit, so klar und, nun ja, wenig subtil.

Überhaupt reicht es Sommer weitgehend, den Text zu bebildern und, wenn auch durch Thieme physisch und sprecherisch eindringlich, vom Blatt spielen zu lassen. Dabei orientiert er sich auch an Handkes Regievorgaben, die das Möbelwirrwarr schon enthalten. Die Tische als Symbol einer zunächst feindlichen und dann wohlgeordneten Sprache, die  jedoch keine Ausbrüche mehr zulässt, sind klar definiert, wenn auch wenig abendfüllend. So arbeitet man sich ausgiebig an Handkes bewusst sehr repetitivem Durchdeklinieren der von ihm so genannten Sprachfolter ab, die von der Ich-Definition über das Sich-ein-Bild-Machen von der Welt reicht bis zu ihrer manipulativen Gewalt. Das Problem ist, das Sommer den aufklärerisch-rebellischen Furor des Peter Handke von 1968 nicht teilt. Die Ordnung, die hier entsteht, ist eben doch eine durchlässige, die Sprachsalven, die so oft vom Wehtun reden, schmerzen nicht, das Individuum bleibt intakt. Und so scheitert der Abend letztlich an seiner Unentschlossenheit, am Fehlen einer klaren Haltung, die Text, Bühnensymbolik und Spiel zusammenbringen könnten. So bleibt alles Stückwerk, Behauptung und museales ausgraben eines Textes, von dem unklar bleibt, ob er uns noch etwas zu sagen hat. Die didaktische Geste, die Sommer durchaus sucht, zeigt ins Leere und bleibt auf eher platte Weise plakativ. Eigentlich, so verrät so manches Zuschauergesicht am Ende, war alles ein großer Spaß. Was wohl Peter Handke dazu sagen würde?

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