Auf schwerem Fuß

Ein Brahms-Abend mit Arcadi Volodos und dem Konzerthausorchester Berlin unter Iván Fischer

Von Sascha Krieger

Brahms „Zweite“ gelten gemeinhin als, heitere, lichte, freundliche Werke. Das gilt für seine zweite Symphonie ebenso wie für sein zweites Klavierkonzert. In der öffentlichen Wahrnehmung ist der Weg von „leicht“ zu „leichtgewichtig“ jedoch oftmals nicht sehr weit. Wenn sich jetzt das Konzerthausorchester Berlin mit Chefdirigent Iván Fischer und „Artist in Residence“ Arcadi Volodos diesen beiden Werken widmen, wird schnell eines klar: Das Risiko, den Werken fehlende Substanz vorwerfen zu lassen, wollen sie unter keinen Umständen eingehen. Und so geht Volodos sogleich sehr energisch, zuweilen fast ruppig zu Werke, wählt einen festen, oft regelrecht harten Anschlag, setzt starke rhythmische Akzente und beäugt jeglichen melodischen Fluss eher kritisch. Das Orchester dagegen verschleppt, zieht sich zurück in einen intransparenten, nie strahlenden, gerade am Anfang streckenweise dumpfen Klang zurück und überlässt dem Solisten das Feld. Das geht auf Kosten der Energie, gerade der Kopfsatz wirkt über weite Strecken richtiggehend blutleer. Ist Kraft gefordert, zieht Fischer die Zügel an. Das Ergebnis ist zumeist jedoch ein noch engeres Korsett, das die Lebendigkeit weiter einschnürt. Das bleibt auch im zweiten Satz so: Das Orchester wirkt unentschlossen – mal bremst es, dann überbetont es dynamische Kontraste und auch der Klang hat mit mancher Unwucht zu kämpfen, während Volodos auf sein Instrument einhämmert, wie man es bei Brahms selten erlebt.

Arcadi Volodos (Foto: Marco Borggreve)

Arcadi Volodos (Foto: Marco Borggreve)

Doch dann beginnt die frühlingssonne doch noch zu leuchten. Schon im ersten Satz deutete sich an, dass die lyrischen Passagen dem Orchester heute mehr liegen. Im langsamen Satz bestätigt sich das nun: Regelrecht zart kommen Celli und Bratschen zu Beginn daher, während Volodos die dunkleren Aspekte der Partitur organischer entwickelt und subtiler einstreut. Vor allem das Innehalten im Mittelteil gelingt eindrucksvoll: Retardierend und doch fest und geerdet das Spiel des Solisten, sehr zurückgenommen und von lichter Zartheit das Orchesterspiel, das dem festen Stand des Klaviers eine schwebende Ebene hinzufügt. Gemeinsam tastet man sich voran, öffnet die Musik, lässt sie atmen, gibt ihr Raum, auch wenn Volodos spiel zuweilen noch ein wenig feiner sein könnte. Im Schlusssatz nehmen Orchester und Solist die Energie dann auf: Ein tänzelnder Grundgestus sorgt für Leben, das Orchester klingt schlanker und klarer, wirkt sicherer in den dynamischen Kontrasten und entwickelt aus der Klarheit mehr Kraft und Energie. Vor allem das „Zerfallen“ des Hauptthemas in seine Bestandteile gelingt sehr gut und mit zunehmender Transparenz, auch der Dialog zwischen Soloinstrument und Orchester nähert sich der Augenhöhe immer weiter an.

Wer nun gehofft hat, das Orchester würde nach der Pause hier anknüpfen, sieht sich leider weitgehend enttäuscht, denn es folgt eine wenig inspirierte Aufführung der zweiten Symphonie. Startet der Kopfsatz durchaus mit einigem Schwung, schnürt Fischers strenges Dirigat dem Orchester die Energiequellen zunehmend ab. Die schnelleren Passagen gelingen noch recht gut, der erdige volle Klang produziert einigen an Kraft, über lange Strecken hinweg ist das Korsett jedoch zu eng, wirkt die melodische Entwicklung, der Fischer kau Raum lässt, unangenehm gebremst. Der zweite Satz verliert sich in einer wenig erfolgreichen Allianz aus schwerem, massivem Klang und massiger Breite der Melodieentwicklung, die gemeinsam bleischwer auf dem Adagio lasten. Die überbetonte Dramatik lässt den Satz dann vollends zerfallen. Auch der tänzerische dritte Satz ist uneben: der Galopp kommt sehr schweren Schrittes daher, der Ländler dagegen recht leichtfüßig, der abschließende Walzer gewinnt gegen Ende an Masse. Und so liegt der Schwerpunkt auch im Schlusssatz, der sich aus einem Kontrast von Piano und Forte entwickelt, klar auf letzterem. Alles ist einen Tick zu schwer, zu massiv, was den Abschnitt schnell kippen lässt. Fischer setzt auf weite Bögen und scharfe Kanten, der Schwung bleibt stets gebremst, statt zu tanzen, stampft das Orchester lieber auf. Ganz zum Schluss gelingt noch ein deutlicher Energieschub, aber da ist es auch schon ein wenig spät. Vielleicht ist es Iván Fischer und dem Konzerthausorchester gelungen, jedem Eindruck von Leichtgewichtigkeit entgegen zu wirken  sie haben seinen „Zweiten“ aber auch einen wesentlichen Teil ihrer Energie und Faszination genommen.

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