O Mother, Where Art Thou?

Olivia Wenzel: Mais in Deutschland und anderen Galaxien, Ballhaus Naunynstraße (Regie: Atif Mohammed Nor Hussein)

Von Sascha Krieger

Ein Mädchen zwischen den Stühlen, das ausbrechen will aus gesellschaftlichen Vorgaben und sich mit einem Sohn wiederfindet, den sie, wie sie sagt, „nicht geliebt kriegt“. Dieser Sohn, schon äußerlich durch seinen angolanischen Vater nicht dazugehörig, der sich Zeit seines Lebens an Mutter und Herkunft abarbeitet und ein selbstbestimmtes Leben verpasst. Dessen Sohn Noah der lernen muss, mit den Neurosen seiner Eltern und Großeltern fertig zu werden und dabei sich selbst nicht zu verlieren. Olivia Wenzels Mais in Deutschland und anderen Galaxien befasst sich mit dem erwachsenwerden, mit dem Finden des eigenen Ichs und seines Platzes in der Welt und warum das alles nicht so einfach ist, wenn man reichlich Gepäck mit sich schleppt. Beziehungen zu den Eltern sind immer kompliziert und scheitern an mangelnder Kommunikation (das gilt auch für Noahs Mutter und Großvater), die Gesellschaft  hier nicht zuletzt die DDR  lässt den einzelnen nicht in Ruhe, dem es, visuell schon markiert als „anders“ , immer schwerer fällt, aus dem, was man nicht sein will, zu folgern, wer man ist.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

Olivia Wenzel erzählt das als narrativen Zeitstrom, reichert die Erzählpassagen an mit szenischen Sketchen, folgt Noah vom Kleinkind bis zum alten Mann und erweitert schließlich den Rahmen ins Phantastische: Die große Klärung zwischen Mutter und Sohn verlegt er in eine hanebüchene Geschichte mit einer mysteriösen Fremden, einer Reise zum Mond und einem Hund, dessen Bauch das Universum ist. Ausgesprochen wird hier manches, geklärt nichts und so steht Noahs Sohn am Ende nicht nur ohne Großmutter, sondern auch ohne Vater dar. Wie sich so mancher Dialog im Kreise dreht und wiederholt, ist auch Noah nicht gefeit vor den Fehlern der Mutter wie diese nicht vor den Schwächen des Vaters. Und so bringt auch Noahs später Ruhm als Comic-Autor, der seine Familiengeschichte künstlerisch verwertet, keine Lösung  die Kunst versagt als Lebensersatz. Viel ist drin in diesem Text, zu viel vielleicht, weshalb so manches im Vorbeigehen vergessen wird: Die Komplexität von Noahs Identitätssuche ­ der repressive und später verschwindende Staat, die Heimatlosigkeit, das „Anderssein“ als Afro-Deutscher – bleibt Andeutung, zu übermächtig ist der Konflikt mit der Mutter. Und so reduziert sich das Drama einer doppelten Ich-Suche über weite Strecken zum simplen Generationenkonflikt.

Atif Mohammed Nor Husseins Uraufführung verstärkt dies eher noch. Die Aufspaltung der Noah-Figur in drei Darsteller – von denen vor allem Toks Körners verzweifelt ohnmächtige Wut in Erinnerung bleibt – ermöglicht die szenische Parallelität und führt zu eindringlich verkörperter Selbstreflexion, wenn sich das reflektierende vom reflektierten Ich trennt, die Zerrissenheit des Protagonisten veranschaulicht sie nicht, zu sehr sind den drei Noahs spezifische Rollen vorgegeben. Asad Schwarz-Msesilamba etwa sind die Fantasiesequenzen überlassen – ein Grund, warum dieser doch zentrale Bestandteil der Geschichte Fremdkörper bleibt. Husein weiß damit wenig mehr anzufangen als ein schönes Bild mit bunten blinkenden Bällen zu schaffen, und fühlt sich sichtlich wohler, wenn es zurück geht in die „Realität“. Überhaupt hat die Inszenierung über weite Strecken die Lebendigkeit einer szenischen Lesung. Hussein lässt vortragen, bebildert, illustriert, aber er findet – und sucht ihn vielleicht auch nicht – keinen eigenen Zugang zu diesem Text, der, so sehr er in den Mittelpunkt rückt, den Zuschauer doch auf Distanz hält, weil er eben nie wirklich in Spiel übersetzt wird. Am Ende bleibt Stückwerk, ein wenig blutleeres Thesentheater, dem ein mutigerer Regiezugriff zu wünschen wäre, der etwas weniger Ehrfurcht vor dem Text hat. Bei all dem komischen und absurden Potenzial, das er aufweist, sind die Samthandschuhe, die sich Hussein übergestreift hat, fehl am Platz.

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