Witz, komm‘ raus

Marianna Salzmann: Wir Zöpfe, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Babett Grube)

Von Sascha Krieger

Wenn sonst nichts bleibt, bleibt wenigstens die Bühne: Ein riesiges Kaninchenfragment samt Hinterlauf hat Lea Dietrich in den Bühnen lasten des Gorki gepresst. Da wo der Bauch wäre, hebt und senkt sich das Kunstfell rhythmisch, zum Atmen kommt der stetige Herzschlag dazu. Die Bühne ist überdimensionales Kuscheltier und symbolisiert das Lebensbedürfnis der Figuren – aber sie ist eben auch lebendes Objekt und erinnert daran, dass sich die Liebesabwesenheit gern in Triebabfuhr, der Art wie man sie Kaninchen nachsagt, entlädt. Vor allem aber bietet das Bühnenbild viele Gelegenheiten zum Klettern, Verschwinden, Von-oben-auf-die-Welt-Schauen und vieles mehr. Eindrucksvoll ist es alle mal. Davor, darauf und dazwischen bereitet man sich vor, Weihnachten zu feiern: Man, das ist eine russisch-jüdische Familie, dreieinhalb Generationen – Großvater, Mutter, Tochter und deren abgetriebenes Kind namens Ljubow (Liebe) – ein kurdisch-türkischer Blumenhändler und ein Deutsch-Amerikaner. Ein „Krankenhausengel“ namens Chris mit goldenem Haar ist auch noch dabei, spielt aber weiter keine Rolle.

Foto: Esra Rotthoff

Foto: Esra Rotthoff

Ach ja, die Haare: Sie sind zentrales Charaktermerkmal, wenn jemandem etwas am anderen – oder an sich selbst – nicht gefällt, werden erst einmal die Haare kritisiert. Sie sind zu lang, zu kurz, zu grau, zu wenige. Das führt dann schnell zum Bild des Zopfes, jener eng verflochtenen Gestaltungsform, die natürlich die Beziehungsgeflechte symbolisiert, die hier verhandelt werden. Und die vor allem familiäre sind: Großvater Konstantin, wunderbar als ebenso lüsterner wie cholerischer und dann doch ein wenig altersweiser Alter gespielt von Tim Porath, ist gedanklich noch im Krieg, Wera (İlknur Bahadır) ist immer auf der Suche nach dem Licht am ende des Tunnels, was sich im finalen Weihnachtsessen in hysterischem Dauerlachen entlädt, und Anastasia Gubareva gibt Tochter Nadeshda als stets angewiderte Zicke, die allem und jedem böse ist, am meisten sich selbst. Und Ljubow? Die spielt Dmitrij Schaad mal im grauen Riesenstrampler, mal in pinkfarbenen Leggings mit Wut und Verzweiflung und Sehsucht als verhindertes Wesen, das doch gern zu dieser dysfunktionalen Familie gehören würde. Wenn Schaad Witze erzählt, die zunächst wohlwollend belacht, dann jedoch, mit zittriger Stimme vorgetragen, zunehmend mit Schweigen quittiert werden, ob ihres alles andere als angenehmen oder gar akzeptablen Inhalts, dann hat das eine schmerzhafte Tiefe, wie sie keine explizite Trauerszene zu erzeugen vermocht hätte. Es gehört zu den Stärken von Marianna Salzmanns Text, dem Medium des Witzeerzählens den Blick in den menschlichen Abgrund zu verleihen, und zu denen von Babette Grubes Regie, Schaad allen Raum zu geben, den Text wirken zu lassen.

Ansonsten geht es gern hektisch zu, vermischen sich kulturelle – wir haben hier Juden, einen Muslim und einen Vertreter des christlichen Abendlandes – und familiäre Konflikte in sich steigerndem Tempo bis zur finalen Implosion. Grube wechselt spielerisch zwischen Realismus und Farce hin und her, was zunächst eine gewisse Spannung erzeugt, im weiteren Fortlauft jedoch zunehmend beliebig wirkt. Ein bisschen mehr Zeit (der Abend dauert etwa neunzig Minuten) hätte sich Grube auch lassen können, so wird vielen nur angedeutet und hetzt der Abend immer mehr von Pointe zu Pointe. Von denen gibt es reichlich, vor allem Porath und Schaad geben ein kongeniales Gespann zwischen Erde und Himmel, Schenkelklopferhumor und hintersinnigem Scherz ab. Viele Witze werden erzählt, die doch nicht zu letzt von Sprachlosigkeit künden. Denn das Miteinander-Reden haben sie verlernt, vererbt von der Großvater-Generation, das die mögliche Denunziation durch die eigene Familie immer mitdenken musste, auf jene von Mutter und Tochter, welche die langen und nie ausgesprochenen Trennungen nie verwunden haben (eine Migrationsgeschichte, die auch der Kurde Imran spiegelt). „Das mit Familie, das hat bei uns noch nie funktioniert“, sagt Konstantin einmal.

Das ist jede Menge Stoff, den Salzmann ein wenig zu mühevoll in Stücklänge presst und dem dann doch oft die Tiefe jenseits des Klischees fehlt. Babette Grube versucht, das alles als Tour de force zu inszenieren und bleibt in ihrem Zugriff doch ein wenig unentschieden. Und so purzeln kulturelle Unterschiede und familiäre Konflikte fröhlich durcheinander, wird viel skizziert und wieder liegen gelassen und bleiben vor allem blasse Abziehbilder als Figuren. Aus denen die großartigen Darsteller dann doch einiges machen: Neben Schaad und Porath gilt das nicht zuletzt für Bahadir, die Weras kaum durch optimistische Phrasen und Dauerlächeln übertünchte existenzielle Verzweiflung überzeugend verkörpert, aber auch für Mehmet Ateşçi, welcher aus der Nichtfigur Chris eine Fleisch gewordene Wahrheitsebene jenseits der Klischees und Zuschreibenden macht und diese ad absurdum führt. Am Ende bleibt höchst unterhaltsames Schauspielertheater, das mehr Bedeutung behauptet, als es zu liefern in der Lage ist. Und auch für diesen Widerspruch steht das Bühnenbild.

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