Auf halbem Wege stehen geblieben

Das Theatertreffen 2015 gibt sich politisch – und verschanzt sich in den Großstädten

Von Sascha Krieger Man sagt ja, der Deutsche sei nicht glücklich, wenn er nicht etwas zu meckern habe. Wenn dem so ist, sollte die Bekanntgabe der Einladungen für das Theatertreffen alle Jahre wieder wahre Glücksgefühle in der deutschsprachigen Theatergemeinde auslösen, kann sie sich doch so wunderbar aufregen über die fehlgeleiteten Entscheidungen der wie immer ahnungslosen Kritikerjury, den fehlenden Blick über den Tellerrand und natürlich all die vergessenen Inszenierungen. Mal ist die Auswahl zu konservativ, mal ignoriert sie die freie Szene, dann wieder begräbt sie das Stadttheater oder gefällt sich in hermetischem Avantgardismus und die wirklich großen Inszenierungen werden sowieso übersehen. Kein Zweifel: Auch der Jahrgang 2015 bietet genug Futter für Empörungsmechanismen dieser Art. So verstärkt er noch zwei Trends, die im Vorjahr an dieser Stelle vermerkt wurden: erstens die Rehabilitierung des viel gescholtenen Stadttheaters, das diesmal alle zehn Plätze belegt, zweitens die Dominanz der großen Ballungszentren und Prestigetheater: Abgesehen vom „Feigenblatt“ des Schauspiels Hannover und dem aktuellen Theatertreffen-Liebling Stuttgart gehen in diesem Jahr alle Einladungen nach Berlin, München, Hamburg und Wien. Der deutsche Osten ist ebenso wenig vertreten wie die gesamte Schweiz. Immerhin, so Jurorin Barbara Burghardt, habe man zwei Dresdner Inszenierungen diskutiert und noch weitere aus den „Neuen Ländern“ gesehen. Na, da darf man ja beruhigt sein.

© Berliner Festspiele

© Berliner Festspiele

Und natürlich kann man auf all das schauen, was fehlt: Martin Kušejs eigentlich als gesetzt geltender Münchner Faust, die gesamte freie Szene oder das zuvor hoch gehandelte Theater Dortmund, das in einer bislang noch nicht gekannten Radikalität Wege sucht, die digitale Gesellschaft ins Theater zu bringen und umgekehrt. Damit ist es ebenso ein Wegweise wie das „postmigrantische“ Maxim Gorki Theater, das im Vorjahr schmerzlich fehlte. Diesmal ist es dabei, wenn auch mit der Konsens-Betroffenheitsarbeit Common Ground nicht der stärkste Abend der Intendanz Shermin Langhoff eingeladen ist. Vielleicht ist das für die Dortmunder ein gutes Zeichen in Hinblick auf 2016, hat die Jury ja auch bei der Wiederbelebung des Hamburger Schauspielhauses unter Karin Beier ein Jahr gewartet, bis das Haus nach Berlin reisen durfte. Trotzdem ist es schade, dass das Theatertreffen gerade bei neuartigen Impulsen, die dem Theater bislang kaum erforschte Räume erschließen, eher zum Zögern tendiert und abzuwarten scheint, bis der erste Hype verflogen ist. Ein wenig mehr Vorreiterrolle wäre dem Festival zu wünschen.

Bedenklich auch, dass das Theatertreffen die deutschsprachige Bühnenlandschaft zunehmend auf die Stadt- und Staatstheater der großen Metropolen verengt sieht. Für die oft prekäre Situation der kleineren Häuser, die häufig gleichzeitig gegen eine ganze Reihe von Windmühlen zu kämpfen haben, ist das keine Ermutigung. Zumal die Jury in anderen Fällen öffentliche Debatten durchaus im Blick hat bei ihrer Entscheidung, etwa im Fall von Frank Castorfs Münchner Baal, dessen Absetzung der Suhrkamp-Verlag gerichtlich erwirken will und dessen Einladung auch als Appell an die Verantwortlichen gemeint ist.

Doch schauen wir auch einmal aufs Positive: Da ist zum Einen zu konstatieren, dass die Jury das Theater als Raum sieht, in dem sich aktuelle gesellschaftliche Konflikte nicht nur spiegeln, sondern aktiv verhandelt werden. Elfriede Jelinek und Nicolas Stemanns Die Schutzbefohlenen, in dem Flüchtlinge ihre eigene Situation behandeln, ist ein Beispiel, Wolfram Lotz‘ Kriegsparabel Die lächerliche Finsternis ein anderes. Castorfs ebenso wie Lotz‘ Stück Coppolas Vietnam-Albtraum Apocalypse Now als Folie nutzender Ball gehört ebenfalls in diese Reihe, Common Ground sowieso. Auch Ewald Palmetshofers die unverheiratete ist in seiner Auseinandersetzung mit Schuld und Verdrängung zutiefst politisch. Und natürlich ist nichts politischer als die gesellschaftliche Keimzelle Familie, die John Gabrien Borkman, Das Fest oder Warum läuft Herr R. Amok? kritisch reflektieren.

Keine Angst auch vor radikalen ästhetischen Entwürfen: Die erneute Einladung von Susanne Kennedy zeugt davon ebenso wie jene des unverbesserlichen Theateranarchisten Castorf, des Postdramatik-Pioniers Stemann, des Entschleunigers Robert Borgmann, vor allem aber jene vom Thom Luz‘ aus der Musik geborenen Aneignung von Judith Schalanskys Atlas der abgelegenen Inseln. Auffällig auch, dass das Theatertreffen einen Generationswechsel zu durchlaufen scheint: Gleich fünf der eingeladenen RegisseurInnen sind zum ersten Mal dabei, Kennedy und Borgmann jeweils zum zweiten, ebenfalls fünf sind unter 40. Hier wächst eine Theatermachergeneration heran, die sich nicht auf dem Vorgefundenen ausruht, sondern eigene Wege sucht. Dass die Hälfte der Stückvorlagen von zeitgenössischen Autoren stammt, darunter mit Wolfram Lotz ein Alumnus des Theatertreffen-Stückemarkts, passt ins Bild. Das kann dem Theater nur gut tun. Auch der hohe Frauenanteil – drei Regisseurinnen und zwei rein weibliche Ensembles ist sicher als Zeichen zu verstehen. Und so bleibt eine Auswahl, die ästhetisch und thematisch vieles richtig macht und eine Woche spannender wie augenöffnender Theaterabende verspricht.

Und doch wirft die Komnzentration auf das klassische Staatstheater und die großen Ballungszentran auch Fragen auf. Die deutschsprachige Theaterlandschaft mag in Hamburg, München oder Wien ihre Leuchttürme haben, ihre Fundemente stehen jedoch in Dortmund, Freiburg, Rostock oder Graz. Eine Zentralisierung wäre fatal und ist doch angesichts vielerorts klammer Kassen kein vollkommen unrealistisches Szenario. Es wäre nicht falsch gewesen, hätte die Jury auch in dieser Richtung ein Zeichen gesetzt. Ein bisschen scheint es, als wäre man auf halbem Wege stehen geblieben.

Die eingeladenen Inszenierungen im Überblick

Judith Schalansky: Atlas der abgelegenen Inseln /Schauspiel Hannover, Regie: Thom Luz

Bertolt Brecht: Baal /Residenztheater München, Regie: Frank Castorf

Yael Ronen und Ensemble: Common Ground / Maxim Gorki Theater Berlin, Regie: Yael Ronen

Nach dem Film von Thomas Vinterberg und Mogens Ruko: Das Fest / Schauspiel Stuttgart, Regie: Christopher Rüping

Wolfram Lotz: Die lächerliche Finsternis / Burgtheater im Akademietheater, Wien, Regie: Dušan David Pařízek

Elfriede Jelinek: Die Schutzbefohlenen / Thalia Theater Hamburg, Regie: Nicolas Stemann

Ewald Palmetshofer: die unverheiratete / Burgtheater im Akademietheater, Wien, Regie: Robert Borgmann

Henrik Ibsen: John Gabriel Borkman / Deutsches Schauspielhaus Hamburg, Regie: Karin Henkel

Samuel Beckett: Warten auf Godot / Ruhrfestspiele Recklinghausen / Deutsches Theater Berlin, Regie: Ivan Panteleev

Nach dem Film von Rainer Werner Fassbinder und Michael Fengler: Warum läuft Herr R. Amok? / Münchner Kammerspiele, Regie: Susanne Kennedy

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