Im Strom des Lebens

Zu Ehren Richard von Weizsäckers: Sir Simon Rattle dirigiert Mahlers Zweite bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Der Abend beginnt mit einer Schweigeminute: Wenige Stunden zuvor war bekannt geworden, dass der ehemalige Regierende Bürgermeister von (West-)Berlin und spätere Bundespräsident Richard von Weizsäcker verstorben war. Weizsäcker war ein enger Freund und Ehrenmitglied der Berliner Orchester – die bedrückte Stille, die den großen Saal der Philkharmonie fült, gilt jedoch eher der Lebensleistung eines Mannes, der Generationen zu politischen Teilhabe einlud, indem er sein Land als Staatsoberhaupt aufforderte, ohne Wenn und Aber zu den Verbrechen der jüngeren deutschen Geschichte und zur gemeinsamen Verantwortung zu stehen. Als er am 8. Mai 1985 vom Kriegsende als einem „Tag der Befreiung“ sprach, galt diese Formulierung auch eben diesem Moment, von dem an nichts so bleib, wie es war. Ausgerechnet am Tag seines Todes haben die Philharmoniker nun Gustav Mahlers zweite Symphonie auf dem Programm, die vom Tod und der auferstehung kündet. Wenn Chefdirigent Sir Simon Rattle diese Konzert Richard von Weizsäcker widmet, wirkt das alles andere als aufgesetzt.

Sir Simon Rattle (Foto: Stephan Rabold)

Sir Simon Rattle (Foto: Stephan Rabold)

Überhaupt die Stille: Sie bildet auch das heimliche Zentrum in Rattles Interpretation von Helmut Lachenmanns Tableau, das er Mahlers Symphonie quasi als Prolog voranstellt. Die Philharmoniker fokussieren die Details dieser Parade aus vertrauten, neuartigen und seltsam fremd wirkenden Klängen. Rattle fragmentiert das Stück, um aus dem Nebeneinander des Disparaten eine neue Einheit zu formen, dessen Mitte die Momente der Stille bilden, in denen Dirigent und Orchester dem gerade noch Verhallenden nachlauschen, fragend, wo der Weg als nächsten hinführen wird. Das Orchester wird sein filigranes Spiel den ganzen Abend über beibehalten. Die Wucht, mit der Mahlers Musik zu überwältigen weiß, entwickeln Rattle und seine Musiker aus dem leisen und Zarten heraus, die Kraft ensteht nicht aus der Verdichtung, sondern strebt ins Weite, ja, man muss bei Mahler wohl sagen, ins Universelle. Rattles Pianissimi sind an der Wahrnehmbarkeitsgrenze, seine Fortissimi kurz vor der Unerträglichkeit, der Klangkosmos, den er aufschließt, scheint unermesslich. Das Spiel der wechselnde Tempi, das wiederholte abbrechen und Ansetzen im langen Kopfsatz der „Todtenfeier“ entwickelt Rattle zu einem Fluss, dem des Lebens wohl, der nie ankommt und doch ebenso wenige versiegt. Das Orchester spielt höchst transparent und in tausend Farben, die doch stets zu einem Klangganzen zusammenkommen, das strahlt und zugleich einer gewissen schmerzhaften Schärfe nicht entbehrt. Schmerz und Jubel liegen selten so nah bei einander wie in diesem Werk.

Es ist eine Musik, die im Kosmischen wurzelt und so bringt Rattle sie vor allem in den Sätzen zwei und drei regelrecht zum Schweben. Da bricht sich die Lebensfreude im tippelnden Pizzicato Bahn, füllt das zarte Streicherspiel den Saal mit Wärme, bezaubert der zweite Satz durch lichte Lebendigkeit, Leichtfüßig kommt auch der dritte daher, den die Philharmoniker als orgnisch dahin strömenden Fluss zeichnen, in dem das disparate musikalische Material, unter anderem eine starke anleihe an jüdische Melodik, ihren Platz finden, ohne darin zu versinken. Der Satz schillert in tausend Farben und vielen Gesichtern, eine Feier des Lebensreichtums auf flinkem und leichtem Fuß. Wenn sich die angesammelte Energie am Satzende entlädt, ist es eine Explosion des Lebendigen, keine Bedrohung. Behutsam dann der vierte Satz mit dem Wunderhorn-Lied vom „Urlicht“, das Mezzosopranistin und Rattle-Gattin Magdalena Kožená mit dunklem, kraftvollem und warmem Ton vorträgt. Ihr unprätenziös inniger Gesang und das filigrane Orchesterspiel bringen die Musik vollends zum Schweben und lassen das Publikum den Atem anhalten.

So ist der Boden bereitet für eines der monumentalsten Finales der Musikgeschichte. Da stehen feierlicher Freundenausbruch und tastendes, ungeheuer feines Klangfundament, Jubel und suchen, neben- und beieinander, kann im Energieausbruch das gleißende Blech auch einmal andeuten, dass der Schmerz teil des Lebensganzen ist, kommt das Donnergrollen der Pauken daher wie eine Botschaft der Natur, die klar macht, dass sie die Grundlagen von allem ist, was hier musikalisch verhandelt wird. Der kosmische Gestus, der Mahler in diesem Werk umtreibt, entfaltet sich in einem klanglichen Farbenmehr, das nie auseinander driftet, sondern stets das große Ganze im Blick behält. Dann wird es noch einmal still und der fabelhafte Rundfunkchor Berlin tritt mit bewegender Zartheit tastend aus dem Nichts hervor. Sopranistin Kate Royal fügt sich mit ihrer vollen, doch zurückgenommenen Stimme wie auch Kožená ein in die meditative Suchbewegung von Chor und Orchester, die in den letzten Versen in einem lebensbejahenden Crescendo kulminiert, bei dem die Musik den Worten Wahrheit verleiht – wie es diese von Beginn an tief bewegende Interpretation über 90 Minuten hin vermocht hat.

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