Musikalisches Familienerbe

Michael Sanderling dirigiert das Konzerthausorchester Berlin mit Werken von Beethoven und Schostakowitsch

Von Sascha Krieger

Es gibt Dirigenten, denen ist die Affinität zu bestimmten Komponisten bereits in die Wiege gelegt. Bei Michael Sanderling und Dmitri Schostakowitsch ist das sicherlich der Fall: Vater Kurt war seit seiner Zeit bei den Leningrader Philharmonikern eng mit dem Komponisten befreundet, Halbbruder Thomas durfte die deutschen Erstaufführungen seiner 13. und 14. Symphonien dirigieren. Da verwundert es nicht, dass auch der 47-jährige Michael längst als ausgewiesener Schostakowitsch-Spezialist gilt. Dass diese Einschätzung gerechtfertigt ist, zeigt er eindrucksvoll bei seinem Gastspiel mit dem Konzerthausorchester, das unter seinem früheren Namen Berliner Sinfonie-Orchester maßgeblich von Kurt Sanderling geprägt wurde, der hier 17 Jahre lang Chefdirigent war. Die gemeinsame Einspielungen fast aller Schostakowitsch-Symphonien zählen bis heute zu den Referenzaufnahmen. Ausgesucht hat sich der Sohn mit der Fünften ein besonders schwieriges Exemplar: nachdem Schostakowitsch mit seiner Oper Lady Macbeth von Mzensk bei Stalin in Ungnade gefallen war – sie sperrige und hochkomplexe Vierte wurde erst nach dem Tod des Diktators uraufgeführt – und um sein Leben fürchten musste, galt seine Fünfte lange als Bekehrung des verlorenen Sohns zum sozialistischen Realismus, das Finale als Jubelfeier des Sozialismus.

Das Konzerthausorchester Berlin (Foto: Marco Borggreve)

Das Konzerthausorchester Berlin (Foto: Marco Borggreve)

Das ist längst eine Minderheitsmeinung und auch Sanderling könnte kaum weiter von ihr entfernt sein. Vom ersten Takt an liegt eine ungeheure Spannung im Saal, die Sanderling schon aus den Piano-Passagen und kantablen Holzbläser-Abschnitten des Beginns zu entwickeln vermag. Tastend, unsicher kommen sie daher, nie den Abgrund verbergend, an dessen Rand sie wanken. Immer düster werden sie, bis sie einem grellen, schmerzerfüllten, von schrillen Streichern und Bläsern dominierten Klangbild den Platz überlassen, das nichts mehr versteckt. Da hat selbst das feinste Pianissimo einen bedrohlichen Grund, gewebt von zitternden Bratschen, und erzeugt der Gesang der Solovioline eine Spannung, die kaum zu ertragen ist. Der zweite Satz kippt im Gegensatz von linearem Haupt- und hinkendem Seitenthema über weite strecken ins Persiflagartige, Groteske, akzentuiert noch vom Gemecker der Soloflöte. Im Largo entfaltet sich ein zäher, sich entlang kämpfender, bisweilen die Breite wählender Fluss, der sucht und nicht findet und sich in einem schmerzhaften Schrei entlädt, bei dem die hohen Streicher mehrere Takte lang auf ein und demselben Ton verharren. Dazwischen finden sich stille Passage von großer, inniger Trauer, die vor allem die wunderbaren Holzbläser und die tastenden Celli schärfen, bevor der Satz in leiser Verzweiflung aushaucht. Da bleibt kein Raum für Jubel und so entlädt sich das Finale in grellster Schärfe, gewalttätiger, vom unbarmherzigen Schlagen der Pauken getriebener, Härte, kantiger Rhythmik, unterbrochen von düster verlorenen Blicken der Holzbläser ins Schwarz des Abgrundes. Selbst der finale Schwenk nach D-Dur bleibt nicht unwidersprochen: Eine scharfe Streicherwand bring den Jubel schnell zum Stehen. Unter Sanderlings Dirigat gerät die Fünfte zum aufschrei eines Komponisten, der sich in einem Koresett gefangen sieht, dem er nicht entkommen darf und dessen er sich stets bewusst ist.

Das entschädigt für eine erste Konzerthälfte, die schon am ende des abends fast vergessen ist. Da lädt Sanderling Ludwig van Beethovens Egmont-Ouvertüre mit reichlich forcierter Dramatik auf, betont er die dynamischen Kontraste, ohne dass sein opaker Klang wirklich Spannung zu erzeugen vermag. Da hilft auch der getrieben wirkende Schluss wenig. Viel gelungener ist dann auch Beethovens erstes Klavierkonzert nicht. Solist Martin Helmchen erweist sich einmal mehr als technisch versierter Painist, bei dem alles mühelos wirkt, vor allem aber als meister des Moderaten. Die gesanglichen Partien spielt er klar, präzise und mit feinem Sinn fürs Melodische, ohne je einen freien Fluss zuzulassen, und auch die energischen abschnitte sind rhythmisch flexibel und pointiert, ohne zu größerer Kraftentfaltung zu führen. Der intransparente Klanblock des Orchesters passt da gut ins Bild, so dass das C-Dur-Konzert angenehm dahin plätschert, ohne groß Eindruck zu hinterlassen oder irgendeine Form interpretatorischen Zugriffs auch nur zu versuchen. Lediglich der zweite Satz mit seinem Walzerthema wirkt etwas lichter, was vor allem Helmchen zu verdanken ist, wobei auch das Orchester mehr Leichtfüßigkeit wagt. Ansonsten bleibt ein Schostakowitsch, bei dem die Schizophrenie eines Komponieren unter Lebensgefahr das sowohl Selbstentäußer als auch Selbstverleugnung sein muss, in jedem aAgenblick spürbar ist. Und das ist schon sehr viel.

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