Abends im Museum

Ton Koopman dirigiert die Staatskapelle Berlin

Von Sascha Krieger

Wenn Ton Koopman dirigiert, wirkt das immer so, als stünde da ein leicht überambitionierter Musiklehrer – mit seinen ausladenden Bewegungen, seinem angespannt antreiben wollenden Gesichtsausdruck. Er steht – nicht ganz unüblich bei Dirigenten, die sich der historischen Aufführungspraxis verpflichtet fühlen – ebenerdig, kein Pultstar, sondern eben gewollt nicht mehr als ein Taktgeber, er will kein Interpret, kein Neuerschaffer sein, sondern eher eine Art archivar, der das Originale bewahrt und hin und wieder verfügbar macht. Das unterscheidet ihn dann aber doch von jemandem wie Nikolaus Harnoncourt. Dieser nähert sich einem Werk, als träfe er zum ersten Mal auf die Partitur, wo er in jedem Konzert versucht, die Musik vollkommen neu aus der Partitur zu erschaffen – was er aber eben auch nicht als Einzelkämpfer tut, sondern sich als Teil einer Orchestergemeinschaft sieht, die Musikerzeugung ein kollektiver Kraftakt ist. Koopman dagegen wirkt, als begänne er mit einem Konglomerat reziptionsgeschichtlicher Schichten, die er eine nach der anderen entfernt, bis er zu dem kommt, was er für das Original hält, das werk, wie es bei der Uraufführung geklungen haben könnte. Harnoncourt will jeden Abend Uraufführungen zu Gehör bringen, Koopman versucht sie nachzustellen. Wo Harnoncourt neu aufbaut, reduziert Koopman.

Die Staatskapelle Berlin (Foto: Monika Rittershaus)

Die Staatskapelle Berlin (Foto: Monika Rittershaus)

Der historischen Aufführungspraxis wird mitunter vorgeworfen, museale Aufführen zu produzieren. Bei Koopman ist diese Vorurteil nicht ganz unberechtigt, was sich im Gastspiel mit der Staatskapelle Berlin zeigt. Im Mittelpunkt stehen drei Werke Johann Sebastian Bachs. Und auch wenn der Dirigent so manche Staubschicht entfernt hat – zum Glänzen bringt er diese Musik nie. Sehr nüchtern, fast ein wenig stumpf klingen die Streicher, die – natürlich – ohne Vibrato gespielt werden, auch wenn das nicht jedem durchgängig gelingt, was der Klarheit des Klangs ebenso wenig zuträglich ist wie die eine oder andere Unsauberkeit und so mancher verpasste Einsatz. Bachs erste Orchestersuite kommt recht behäbig daher, mit strenger Rhythmik, intransparentem Klangbild und kaum dynamischer Entwicklung. Koopman reduziert das Werk auf sein Grundgerüst, und so wirkt es eher wie ein Ausstellungsstück, das wir wie durch eine semitransparente Glaswand betrachten. Leben haucht er ihm nicht ein, gerade die Tanzsätze wirken eher wie eine akademische Demonstration, nicht wie lebendige Musik.

Das ist auch im Konzert für Violine und Oboe BWV 1060 so. Während sich Sologeiger und Staatskapellen-Konzertmeister Lothar Strauß sehr zurückhält, gelingen zumindest dem Oboisten Gregor Witt gesangliche Passagen, die gar ein wenig atmen über der Schwerfälligkeit des auf Streicher und Basso Continuo reduzierten Orchesters. Ansonsten fehlen Ausdruckswillen und Energie, lauschen wir zunehmend gelangweilt einer Musikstunde. Da wirkt die fast komische Art, wie Tin Koopman in der Kantate „Weichet nur, betrübte Schatten“ auf sein Cembalo einhämmert, beinahe wie ein Lebenszeichen. Ansonsten ist das stück der Tiefpunkt. Ohnehin als Hochzeitskantate ein echtes Stück Gelegenheitsmusik, entzieht Koopmans strenges und stets bremsenden Dirigat dem stück alle Energie. Sopranistin Anna Prohaska fühlt sich spürbar unwohl auf diesem fremden Terrain, zwischen dunklem Ton ohne jede Wärme und überbetonter Dramatik im Ausdruck findet sie keine Mitte.

Bleibt noch die bereits an Haydn und Mozart geschulte B-Dur-Sinfonie von Johann Christoph Friedrich Bach, dem meist vergessenen der vier Komponistensöhne Johann Sebastians. Sollte es Koopmans Absicht sein, ihn aus der Obskurität zu befreien, kann das als gescheitert betrachtet werden. zu keinem Zeitpunkt gelingt es, das leichtgewichtige Werk interessant erscheinen zu lassen. Die Streicher sind zu dominant, die Rhythmik überakzentuiert, der Klang leicht verwaschen, das Spiel behäbig und schwer.Der langsame Satz klingt vollkommen blutleer, das Menuett im dritten löst nie die Handbremse, lediglich im Finale wird es etwas variabler, stellenweise gar ein wenig lebendig. Ansonsten ist der Abend ein schönes Beispiel dafür, wie eine strenge Interpretation historischer Aufführungspraxis Musik eben nicht zum Leben erwecken vermag, sondern sie gleichsam als totes Objekt ausstellt. Dass das anders geht, konnte man an gleicher stelle, im Berliner Konzerthaus, erst vor einigen Wochen bei Nikolaus Harnoncourt hören.

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2 Gedanken zu „Abends im Museum

  1. albrecht sagt:

    So sehr ich die Kritiken in diesem Blog auch schätze, diese hier ist mir zu harsch.
    Mein Eindruck war eher, dass die Staatskapelle mit der für sie ungewohnten „historischen Praxis“ (noch) fremdelte.
    Schon mal Ton Koopman mit dem DSO gehört?
    Ausgerechnet Koopman lebloses Musizieren vorzuwerfen geht schon etwas an der Wirklichkeit vorbei, ist selbst schon „fast komisch“.

    Sorry, nächstes Mal etwas ausgeschlafener und offener ins Konzert gehen 😉

  2. Dass die Staatskapelle nicht ganz auf ihrer üblichen Höhe zu sein schien, sehe ich auch so, so ganz Koopman-untypisch war der Abend m. E. aber auch nicht. Ich habe ihn auch schon mit anderen Orchestern erlebt (nicht dem DSO, aber z. B. dem San Francisco Symphony, auch kein ganz schlechtes), und der Eindruck war stets ein ähnlicher. Aber das ist ja das Schöne, dass zwei paar Ohren selten das Gleiche hören.

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