Der Zeitverknüpfer

Die Berliner Festspiele schenken Star-Autor Ian McEwan einen Tag

Von Sascha Krieger

„Zeit“ ist der Schlüsselbegriff im Vortrag Bernhard Robbend, seit bald 30 Jahren Weggefährte und seit Atonement (Abbitte) Übersetzer des britischen Star-Autors Ian McEwan. Das ist durchaus passend, befasst sich der Autor nicht nur wiederholt mit den Verwerfungen, Fallen und Ungereimtheiten der Zeit – am stärksten sicher  in seinem Roman The Child in Time (Ein Kind zur Zeit), aus dem Alexander Khuon im Haus der Berliner Festspiele liest – man gibt sie ihm auch: Sieben Stunden dreht sich das Geschehen nur um den 66-jährigen Sohn eines schottischen Offiziers. Einige hundert sind gekommen, um den „Tiefenbohrer“, wie Manfred Lahnstein von der mutveranstaltenden Zeit-Stiftung ihn nennt, zu erleben. Der große Saal ist gut gefüllt, nicht nur die Veranstalter sind überrascht, auch der Caterer: Nicht wenige klagen später, nichts mehr zu essen bekommen zu haben. Wie nahrhaft die geistige Nahrung ist, auch darüber ließe sich streiten. Das Rahmenprogramm orientiert sich stark an McEwans neuestem Roman The Children Act (Kindeswohl), einer etwas hölzernen Parabel über Religion und den freien Willen. Dass McEwan kein großer Religionsfreund ist, macht er später im Gespräch mit seinem Kollegen Daniel Kehlmann klar: „Wer wird uns den Frieden garantieren?“, fragt er und antwortet: „Meine Überzeugung ist: nicht die Religion.“

Ian McEwan (Foto: Werner Geiger)

Ian McEwan (Foto: Werner Geiger)

Aber natürlich ist dieser Meister der Gleichzeitigkeit kein Religionsfeind, bezeichnet er sie doch als „Reservoir menschlicher Angst und menschlicher Hoffnung“. Ein Mann der Extreme ist dieser bescheidene, zu sanfter Ironie, die ihn stets einbezieht, neigende ältere Herr ohnehin nicht. Was verwundert, entfaltet er in seinen Romanen doch ein dunkles Universum voller Bedrohungen und menschlicher Abgründe. Dabei will er vor allem eines: interessant sein, was er in den Worten von Henry James als die wichtigste Aufgabe eines Schriftstellers bezeichnet. Und so lassen sich seine Romane auch als gehobene Unterhaltungsliteratur rezipieren, weisen sie immer wieder auch Thriller-Elemente auf, der „Plot“, die Handlung im traditionellen Sinn steht bei ihm im Vordergrund. Über sie verhandelt er dann die großen, existenziellen Fragen: Liebe und Religion, Schuld und Verlust, Schmerz und moralisches Versagen, Leben und Tod. Das gelingt mal besser, mal schlechter und ist doch immer packend.

Für diese Hommage gilt das nicht immer: Eva Mattes‘ Lesung aus The Children Act vermag zu fesseln, Robbend Betrachtungen über den Sinnlicher und Zeitverknüpfer McEwans sind so launig wie punktuell erhellend, doch da ist auch das allzu illustrative Musikbegleitung (das etwa das musikalische Programm eines Konzerts im aktuellen Roman nachgestaltet) und zu unscharf die Fragen Kehlmanns, der lieber über Michel Houellebecqs neuen Roman (den McEwan nicht gelesen hat!), John Updike und James Joyce spricht, als tier´der zu schürfen sucht. Und so darf, muss McEwan im Ungefähren verbleiben, wird die Oberfläche kaum angekratzt, verliert man sich im anekdotischen. Und vielleicht ist das so schlecht nicht: Ein Autor, so eine Binsenweisheit, offenbart sich am klarsten in seinen Werken. Und sie zu lesen, ist nun wirklich alles andere als vergeudete, nun ja, Zeit.

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