Laue Nacht

Erich Kästner: Fabian – Der Gang vor die Hunde, Schaubühne am Lehniner Platz (Studio), Berlin (Regie: Peter Kleinert)

Von Sascha Krieger

Klar, wir befinden uns im Jahr 1931. Die Weimarer Republik ist am Ende, die Frage ist nicht mehr, ob sie von einer Dikatur abgelöst wird, sondern nur noch wann und von welcher. Aber eigentlich sind wir auch und in erster Linie im Hier und Jetzt. Zu Beginn hält, eingefangen per handy-Kamera, ein Bus vor der Schaubühne und spült eine Gruppe junger Leute aus der (wengleich noch jungen) Berliner Nacht vor ein, wie mehrfach angemerkt wird, doch ein wenig saturierteres Publikum. Natürlich, so sagt uns die launige Eröffnungsansprache, die ein wenig überflüssigerweise die theatrale Situation verankert, wird hier 1931 gespielt und ist doch 2015 gemeint. Immer wieder werden die Darsteller, allesamt Studierende der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“, vermeintlich aus der Rolle fallen, über Flüchtlingspolitik, Feminismus und die prekäre Situation junger Menschen am Beispiel des Schauspielberufs sprechen, mal ironisch, dann mit kaum unterdrückter Wut, doch stets angenehm im Ungefähren bleibend, so dass an diesem unterhaltsamen Abend nichts wirklich weh tut.

Foto: Gianmarco Bresadola

Foto: Gianmarco Bresadola

Das gilt auch für die eigentliche Handlung, die Geschichte des jungen Germanisten Dr. Jakob Fabian, der sich mit einem Werbejob über Wasser hält, in der Berliner Nacht das Leben sucht und am ende wie zuvor schon sein bester Freund Stefan zerbricht. „Berlin hat Fieber“, sagt er einmal, und es ist ein Fieber, das tödlich ändert. Regisseur Peter Kleinert verarbreicht es in homöopatischen Dosen. Eine drehbare Bühnenwand öffnet immer wieder neue Räume, weitere und engere, die mal ein Nachtklub, mal ein Badezimmer, mal eine Zeitungsredaktion sind und in rasanter Abfolge von Episoden Vignetten einer sich zwar immer schneller, aber ausschließlich um sich selbst drehenden Gesellschaft zeigt, die längst jede wirkliche Mitte verloren hat. Ein wirklicher Rausch oder Strudel ergibt sich nicht, die bunten Bildchen, die Regisseur und Ensemble zeichnen, sind nett anzuschauen und schnell wieder vergessen. Das ist mal semirealistisch, oft karikaturesk verzerrt und zeigt stets eine welt, die keinen Sinn mehr kennt. Da sind Nazi und Kommunist ununterscheid- und austauschbar, verbringt der Abend überproportional viel zeit im Zerrbild einer Zeitungsredaktion, die längst jeden journalistischen Ethos über Bord geworfen hat. Der gerade zum „Unwort des Jahres“ gekürte Begriff „Lügenpresse“ kommt da in den Sinn und bleibt unwidersprochen.

Keine Frage: Man schaut dem jungen Ensemble um Timocin Ziegler, der die Titelrolle spielt und als einziger weder Rolle noch Zeit wechselt, gerne zu bei ihrem lustvollen, blitzschnell Gestus und Ausdruck wechselnden Spiel, das mehr Dynamik bringt, als die ermüdend mechanischen Schauplatz wechselt, bei denen es auch nicht hilft, dass die Bühnendrehung manuell geschieht, die Figuren und Darsteller also selbst zu Regisseuren dieser dann doch immer gleichen Welt werden, bei der eben alles ein Kreis ist und es kein Vorwärtskommen gibt. Das ist dann doch sehr schlicht gedacht, die halbherzigen Gegenwartseinschübe, die ebenso abgetrennt vom sonstigen Bühnengeschehen wirken wie sie unreflektiert Kästners Zeitanalyse einfach in die Jetztzeit zu pappen scheinen, tun ein übriges, dass dieses stets kontrollierte und nie fiebrige Gewusel immer verdaubar bleibt, keine Fragen stellt und letztlich so harmlos ist, dass es beim ersten schritt des Zuschauers in die echte Berliner Nacht verfliegt wie der ausgiebig eingesetzte Bühnennebel. Vor die Hunde geht hier nichts und niemand – nicht einmal die aufgemalten Hundesilhouetten auf der Drehwand.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: