Getrennte Welten

Berliner Philharmoniker und Rundfunkchor Berlin spielen Brahms‘ Ein deutsches Requiem unter der Leitung von Christian Thielemann

Von Sascha Krieger

Johannes Brahms‘ Ein deutsches Requiem ist zweifellos ein besonderes Werk: eine Totenmese für die Lebenden, die Übriggebliebenen, kein formal liturgisches Werk, sonder ein ganz der Romantik verbundenes emotionales Bekenntnis, das seine Wurzeln eindeutig in der protestantischen Tradition hat und dem man den Ernst eines Johann Sebastian Bach stets anhören kann. Ein streckenweise beinahe asketisch wirkendes Werk, bei dem Chor und Vokalsolisten im Vordergrund stehen, das Orchester unterstützen soll, das Fundament baut, auf dem die tröstende Botschaft erstehen kann. Christian Thielemann, derzeit der einzige gebürtige Berliner, der regelmäßig am Pult der Berliner Philharmoniker steht, ficht das wenig an. Er steht musikalisch in der Tradition eines Wilhelm Furtwängler, liebt das Ausladende, die weiten Bögen, die große Geste. Der schlanke, konzentrierte, transparente Klang, den viele seiner Kollegen pflegen, sucht er nicht. Sein Metier ist seit jeher auch und vor allem die Oper und auch im symphonischen Raum ist der opernhafte Gestus nicht weit.

Christian Thielemann (Foto: Matthias Creutziger)

Christian Thielemann (Foto: Matthias Creutziger)

Dem Deutschen Requiem tut das nicht besonders gut. Gelingt ihm im ersten Abschnitt noch eine recht filigrane, sich behutsam in den wachen hohen Streichern aufbauende Einleitung, dominiert in der Folge das Schwere: breiter Streicher-Sound, muskulöse Tutti, dominante Pauken. Wenn Forte und Fortissimo gefragt sind, verdichtet Thielemann nicht, er zieht in die Breite. Das kann zuweilen überwältigen und entwickelt doch selten wirkliche Kraft. Bei einem Werk, das so intensiv all jenes verhandelt, das wir, den nicht zu überwindenden Schmerz fürchtend, aus unserem täglichen leben herauszuhalten suchen, überrascht dann doch, wie wenig das bewegt, wie sehr selbst eine so erschreckende Passage wie das gespenstische „Denn alles Fleisch es ist wie Gras“, verpufft, auch weil Thielemann ihr die unerbittliche strenge, die hier wohl die Unausweichlichkeit des Todes meint, verweigert. Zu schleppend die leiseren Abschnitte, zu schwer und rein auf Wirkung bedacht die massiven Ausbrüche in den Verwiederholungen. Thielemann dramatisiert gern, etwa im fünften Teil und drängt sein Orchester mehr in den Vordergrund, als es dem Werk gut tut. Beinahe blutleer gerät der Schlussteil mit seinem emotionalen Tröstungsversprächen, der zähl dahin plätschert und nie bewegt.

Gut dass es Christian Gerhaher und den Rundfunkchor Berlin gibt. Während die kurzfristig für die erkrankte Sibylla Rubens eingesprungene Sopranistin Siobhan Stagg sich redlich müht, aber doch ein wenig unentschieden bleibt, brilliert Bariton Gerhaher mit einer kargen, zurückgenommenen und umso ausdrucksstärkeren Gesangspartie. Das gespenstisch Fahle, die lähmende Wirkung übergroßen Schmerzes stellt er in seiner Solopartie schnörkellos und direkt in den Raum. Hier ist die ungefilterte Kommunikation dieser Musik mit dem Zuhörer, den das Orchester zumeist verweigert, zu erfahren. Auch der von Gijs Leenaars einstudierte Chor brilliert. Ungeheuer variabel und voller Ausdrucksreichtum durchmisst er alle Facetten der Schmerzens-, Leidens- und Drauerdramaturgie, die Brahms hier vertont hat, vermittelt die emotionale Wirkung subtil und zugleich direkt, vermag mit seinem hellen, klaren und stets schlanken Ton tief zu bewegen. Ihm gelingt die hoffnungslose Verzweiflung, die in den Worten „Denn alles Fleisch es ist wie Gras“ liegt, auf eindrucksvolle weise. auch wenn das Orchester sich ein wenig quer stellt, der fahle, gewollt monotone Gespensterchor verfehlt seine Wirkung nicht. Am Ende bleibt ein zwiespältiger Eindruck: Während Chor und Solisten den „Ernst, vereinst mit allem Zauber der Poesie“, von dem Clara Schumann einst sprach, zu vermitteln missen, bleiben Dirigent und Orchester an der Oberfläche, polieren die fassade zu bestechendem, aber wenig zu sagen wissenden Glanz. Und so hängt der Abend zwischen musikalischen Welten, die nicht zusammen zu kommen vermögen.

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