Der lange Weg zur Stille

Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter Leitung von Marek Janowski mit Werken von Britten und Schostakowitsch

Von Sascha Krieger

Am Ende ist alles ganz still. Das gespenstische Flirren der Violinen, das ratlose Pochen der Celesta, das sich langsam verlierende Suchen des sich Instrument für Instrument auflösenden Orchesters, der angehaltene Atem nach dem letzten Ton und schließlich der zögerliche Applaus, der über seine schulter zu schauen scheint, fragend, ob er denn angemessen sei: Da ist gerade ein Konzertabend zu Ende gegangen, der ans Eingemachte ging, durch Mark und Bein und Eingeweide drang, eine sechzigminütige Erschütterung aus Musik. Dmitri Schostakowitschs vierte Symphonie, entstanden unmittelbar nach seiner Oper Lady Macbeth von Mzensk, zunächst gefeiert von den Kritikern, dann verdammt von Stalin, ist Produkt einer Zeit, in der der Terror alles durchwirkte, jede Lebensminute, jeden Gedanken, jede Sekunde Schlaf. Setzte der Komponist in späteren Werken der Stalinzeit auf Ambiguität, auf glatte Oberflächen, unter denen Hölle brodelte, ist die Vierte so direkt wie kein anderes Werk Schostakowitschs. Die existenzielle Verunsicherung, die alles verschlingende Gewalt, das Leben, das sich in Nischen versteckt und nur vereinzelt schüchtern über den Rand lugt: All das verbindet sich, übersetzt in Musik, zu einem Werk, das an Intensität seinesgleichen sucht. Und das, wäre es 1936 uraufgeführt worden, seinem Schöpfer womöglich das Leben gekostet hätte.

Marek Janowski, Chefdirigent des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin (Foto: Felix Broede)

Marek Janowski, Chefdirigent des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin (Foto: Felix Broede)

Wenn Marek Janowski die Vierte jetzt beim Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin dirigiert, ist diese existenzielle Kraft, diese zu Tönen gewordene verzweifelte Selbstbehauptung in jeder Sekunde spürbar. Wie ein Erdbeben kommt der monumentale Kopfsatz daher. Jedes Instrument ist hörbar und doch konzentriert Janowski diesen hoch transparenten Klang zu einer Dichte, die sich in musikalischen Urknallen entlädt, wie man sie so vielleicht noch nie gehört hat. Das Orchester spielt mit maximaler Präzision, jede Note, jede Phrase ist glasklar herausgearbeitet, die Rhythmik genauestens akzentuiert. Mit maximaler Kontrolle irrlichtert der Satz zwischen unerbittlichem, sich in kaum erträglichen Intensitätssteigerungen, rasenden Streichern, Suchbewegungen einzelner Instrumente, zwischen Davoneilen und Stillstand, unbarmherzig harten Verdichtungen und auseinanderdriftendem Zerspringen in Bruchstücke. Janowski macht brachiale Gewalt wie hilflose Verzweiflung, aber eben auch zarteste Momente leiser Hoffnung hörbar in diesem Satz, der an diesem Abend so klingt als wäre er das zu Musik gewordene Jahrhundert, dem er entstammt.

Das Pendeln zwischen Transparenz und Dichte, die hier stets gleichzeitig sind, setzt sich auch in der schleppenden, von fein herausgestellten Episoden lebhaft trotzigen Beharrens durchzogenen Monotonität des zweiten Satzes fort. Das Finale schließt dann nahtlos an den Eingangssatz an, nur dass sich nun ein fahler Ton eingeschlichen hat, das unruhige Treiben zum Gespenstertanz geworden ist. Mit feiner Ironie erklingen pastorale Anklänge, unerbittliche Schärfe wechselt mit tänzerischer Lebendigkeit, die nie den fahlen Untergrund verlässt und doch lichte Momente fragiler Zartheit nicht verhindern kann. Unvermindert der letzte Gewaltausbruch, ziellos tastend der bruchstückhafte Schluss. Diese Vierte berührt, sie schüttelt den Zuhörer durch, fährt ihm in die Knochen, lässt den Saal taumeln.

Da verblasst die Erinnerung an die erste Konzerthälfte fast ein wenig. Zu Unrecht, denn so luzide, klar und lebendig, wie das Orchester und Solist Gil Shaham das Violinkonzert von Schostakowitschs Freund Benjamin Britten nehmen, gehört auch diese Interpretation zu den besseren des einst als unspielbar geltenden Werks. Shaham verfügt über einen klaren, hellen, stets singenden und zutiefst romantischen Ton und findet doch auch die Schroffheit, die dieses zerklüftete Stück erfordert. Berührend die fragilen Elemente, denen er viel Licht verleiht, hart, scharfkantig und doch von lebensbejahender Vitalität sein spiel im zweiten Satz, voller Brüchigkeit und zugleich mit sinnlichem Vibrato dessen Kadenz, von exquisiter ambivalen der Dialog mit dem Orchester im Finale. Dieses nimmt sich zurück und erzeugt gerade deshalb umso unentrinnbarere Kraft, wenn es sich verdichtet. Der schlanke Klang, das kantenscharfe, präzise Spiel, die audgefeilte Rhythmik: Sie widersprechen der Solovioline oder verstärken sie und doch bleibt da ein Miteinander, ein gemeinsames Suchen nach Licht in einer oft allzu dunklen Welt.

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