Dirigent des Nichts

Bertolt Brecht: Baal, Deutsches Theater/Kammerspiele, Berlin (Regie: Stefan Pucher)

Von Sascha Krieger

„Baal ist“, „Baal hat“, „Baal will“: Kaum ist das Saallicht erloschen, erfahren wir, wer dieser Baal, von dem Brecht in seinem Frühwerk erzählt sei. Der das erzählt ist ein schwitzender Clown mit weißer Schminke im Harlekinskostüm. Christoph Franken spielt, nein, im besten Sinne verkörpert ihn, der nun Baal sein soll. Die Videowand zeigt Publikumsbilder, Tabea Bettin bringt die Zuschauer Per Handykamera live auf den Schirm, während unten Baals Auftritt zunächst bejubelt und dann angewidert verurteilt wird. Hier, so ist schnell klar, wir nicht gefressen, gehurt und gemordet, hier wird Theater gespielt. Die Darsteller sind grell, zunehmend grotesk geschminkte Mimen in lustigen, meist in Schwarz, Weiß und Rot gehaltenen Kostümen von unterschiedlichem Abstraktionsgrad, die gestelzt agieren und gekünstelt sprechen. Baal beginnt auf einer Soiree und hat einen seiner Höhepunkte in einem Nachtcafé, heute würde wir es wohl Varieté oder Kabarett nennen. Bei Regisseur Stefan Pucher verlässt das stück nie diesen Raum, ist alles Spiel, Show, Komödie.

Die Kammerspiele des Deutschen Theaters (Foto: Sascha Krieger)

Die Kammerspiele des Deutschen Theaters (Foto: Sascha Krieger)

Ein nächtliches Zwischenraum, in dem Frankens Baal herrscht: nicht als entgrenzter Lebensauf- und -aussauger, als amoralisches Egoschwein, sondern als gelangweilt dekadenter Conférencier und Schmierenkomödiant auf Brettern, die längst keine Welt mehr sein wollen. Wenn er oben thront auf seinem Bühnenturm und sich vollfrisst, die Ereignisse unten mit vollem Munde dirigierend, spielt er eine Rolle, die nichts bezeichnet. Vier Darsteller wechseln sich durch mehr als zwei Dutzend Figuren, austauschbare Karikaturen ohne Profil. Sie kommen und gehen, erscheinen auf Bühne oder Videowand, um die Maschinerie am Laufen zu halten. Ob die siebzehnjährige Johanna, die sich, von Baal verführt und verstoßen, umbringt, der Freund und Mittäter Eckart, der zu Opfer wird, die betrogene Mutter oder die geschwängerte Sophie: Sie alle sind Abziehbilder, Stichwortgeber, Nummerngirls, die Baal von Runde zu Runde führen. Eine Außenwelt gibt es nicht und so sehr die Zuschauer thematisiert werden – etwa beim Mord an Eckart, als sich das Licht gleißend in die Sitzreihen richtet – so bleiben sie doch außen vor.

Natürlich ist diese Ebene des Theatralischen, des Spiels, des Voyeurismus auch des Publikums bei Brecht vorhanden, wie das Programmheft mit einiger Penetranz klar zu machen versucht. Bei Pucher ist sie alles, was übrig bleibt. Der Materialeinsatz ist hoch, die Virtuosität der Rollenwechsel durchaus beeindruckend, und doch lässt das alles vollkommen kalt. Weil es nichts zu sagen hat. Selbst die Mittäterschaft des sensationsgeilen Gaffers – also des Publikums – die Pucher auf recht plakative Weise thematisiert, wird wegpoliert, wir dürfen uns einigermaßen unberührt zurücklehnen und auf das ende dieser langen knapp zwei Stunden warten. Pucher hat alles, was an Menschheitsanklage und vernichtende Gesellschaftsanalyse gemahnen könnte, gestrichen und kann nicht verbergen, dass das, was übrig bleibt, nicht mehr ist als eine bunte Hülle ohne jeden Kern. Vielleicht hätte Samuel Beckett, der Clownsversteher und Sucher nach der dramatischen Leere, seine Freude an diesem Abend gehabt. Denn eines ist Stefan Pucher gelungen: das Nichts zu inszenieren. Glückwunsch.

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