Beethoven für Untote

Nach Maurice Maeterlinck: Pelléas und Mélisande, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: David Marton)

Von Sascha Krieger

Wie sehr David Marton Beethoven liebt, ist vielleicht die spannendste Frage dieses Abends. Einerseits dominiert dessen Musik die gut zwei Stunden, andererseits ist ihr Einsatz bestenfalls ambivalent. Das zeigt sich schon zu Beginn: Da setzt sich Pianist Jan Czajkowski an den Flügel und spielt aus der „Appassionata“. Irgendwann kommt Lilith Stangenberg dazu, im 1940er-Hare-Outfit samt Trenchcoat, stellt sich an den Flügel und – bleibt stumm. Czajkowski beachtet sie nicht und so trollt sie sich wieder. Ein zweiter Versuch ist erfolgreicher, aber nur weil Stangenbergs Mélisande sich lautstark Gehör verschafft. Fast widerwillig nimmt Golaud (Czajkowski) die Verlorene mit, besonders viel Interesse zeigt er nicht an ihr. Stattdessen widmet er sich den Klaviersonaten Beethovens, wird der Elefenbeinturm der hohen Kunst zur abweisenden Burg. Drin sind die Protagonisten der Hochkultur, darunter die Geigerin Nurit Stark und er erst zehnjährige Nachwuchspianist Yannic Liam Gläser, draußen stehen die Titelfiguren. Mélisande kann gerade so Marianne Faithfulls „Ballad of Lucy Jordan“ singen, während Thorbjörn Björnsson als Pelléas zwar über einen passablen Tenor, nicht jedoch über wirkliches musikalisches Gefühl verfügt. So bleiben beider Auftritte Pantomime, die Gitarre Attrappe, während im Hintergrund Czajkowski sich durch seinen Beethoven pflügt.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

David Marton erzählt die Geschichte von Pelléas und Mélisande als eine zweier Ausgeschlossener und macht die Musik, ausgerechnet Beethoven, zum Macht- und Unterdrückungsinstrument. Das meinst wohl die gesamte europäische Hochkultur und damit eine Zivilisation, die sich gerade abgrenzt wie selten zuvor. Natürlich ist Mélisande eine art Flüchtling, den man vermeintlich freundlich aufnimmt und der doch nie dazugehören darf. Herzergreifend die Schlussszene: Da spielt der Brudermörder Golaud im Vordergrund ungerührt weiter, während hinten, der gerade zusammengesackte Pelléas wie ein Untoter das spiel des Bruders imitiert und die auf dem Flügel ausgestreckte Mélisande mit ersterbender Stimme von den sonaten Beethovens fantasiert – um anerkennung bemüht bis in den Tod. Aber die ausgrenzung dauert eben genau so lange. Dabei ist die Hochkultur längst tot, die Bühne bedeckt von toten Ästen und Trümmern einstigen Glanzes. Immer wieder bleiben die Spieler in einzelnen Phrasen stecken, die ewig wiederholt werden. Dazwischen referiert Hendrik Arnst als König Arkel mit Hilfe von späteren Texten des Autor von Leben und Tod, Schönheit und Jugend, Anfang und Ende, legen sich die darsteller immer wieder wie aufgebahrt auf den Boden.

Die Hochkultur ist längst verkommen zu einer reinen routinierten Fingerübung, zum mechanischen Zwang, die Stille nicht zuzulassen, keinen Raum zu erlauben, um sich über die große Leere, die alles hier erfüllt, Gedanken zu machen. Stattdessen macht man weiter – Beethoven schrieb ja 32 Klaviersonaten – auch über das Ende hinaus. Man kann Marton Maeterlinck- Überschreibung vielfältig lesen: Als Analyse der Abrenzung der vermeintlich höheren Klassen, gegenüber der Unterschicht, als große Kulturkritik westlicher Zivilisation, als Verurteilung eines sich abschottenden Europas, als Parabel über die Ausgreunzung von Minderheiten. Es ist ein offener raum der Interpretationen, den der Zuschauer begehen kann, weil er eben vor allem Zuhörer ist, der Abend vor allem in der Sprache der Musik spricht. Das sorgt für Längen und Wiederholungen des Immergleichen, lässt den text seltsam blutleer und entkoppelt vom Bühnengeschehen erscheinen und lässt vor allem Stangenbergs unverwechselbare Diktion zuweilen ins Anstrengende kippen. Doch kompensiert Marton das mit einem Assoziationsfeld, das Musik und Spiel (im besten Sinne!) vereint und sich vom Publikum selbst zusammen setzen lässt. So mancher wird darin wenig finden, andere einen ungeheuren Reichtum. Und so ersteht die hohe Kunst, die hier vielleicht zu Grabe getragen wird, von ihrer eigenen Bahre wieder auf. Auch ein schönes Bild.

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