Revolution im Puppenhaus

Heiner Müller: Zement, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Sebastian Baumgarten)

Von Sascha Krieger

Damit gleich klar ist, worum es hier in den folgenden gut zwei Stunden gehen soll, spricht erst einmal der Autor. Das Saallicht ist noch angeschaltet und Thomas Wodianka spricht in Worten Heiner Müllers aus dem Jahr 1993 von der perversen Logik des Stalinismus und seiner Terrorideologie, von seiner Erstarrung in selbstreferentiellem Bürokratismus, nicht ohne – im Wortsinn – dem Kapitalismus den Zeigefinger entgegen zustrecken. Anklage und Selbstrechtfertigung, dessen Kontext – Müllers Zusammenarbeit mit der Stasi war gerade bekannt geworden – die Leerstelle des Textes bildet, die natürlich nur dem klar wird, der die Umstände kennt. Für den Zuschauer bleibt das Statement von der Gleichheit von Kapitalismus und Sozialismus, ihrer Austauschbarkeit. Das darf Regisseur Sebastian Baumgarten dann bebildern und darin erschöpft sich dieser aufwändig inszenierte Abend denn auch schon. Müllers frühes Drama von der sich selbst abschaffenden Utopie, vom kapitalistischen System, das im Stalinismus fröhliche Urständ feiert, wird denn zur bildgewaltigen Relativismusübung, bei der am ende kein Rest mehr bleibt. Erkenntnis schon gar nicht.

Foto: Esra Rotthoff

Foto: Esra Rotthoff

Dass die Revolution, von der hier die Rede ist, das Alte weniger umkrempelt als übertüncht, ist Baumgartens zentrale Idee. Da werden die neutral grauen Wände des an eine auf ihre grafische Ausgestaltung wartende Fernsehshowkulisse erinnernden Bühnenhalbrunds (Hartmut Meyer) – die Revolution will schließlich in erster Linie an ihre Zielgruppe verkauft sein – rot übermalt, werden Gemälde unterschiedlichster Provenienz mit ideologischen Symbolen überdeckt (Kreuz, Sichel, Stern – völlig egal), sind die Uniformen und Arbeiteroutfits per Bodypaint aufgemalt. Darin stecken Witzfiguren, allen vorann Wodiankas wild grimassierender Oberrevolutionär Badjin, ein komplexbeladenes Würschen mit Napoléon-Komplex und soziopathischen Einschlag. Baumgarten lässt karikieren, auch die ihren Frau- und Mutterrolle abschüttelnde und letztlich ihr Kind opfernde Dascha, die Sesede Terziyan zum maskulin wütenden Abziehbild minimiert. Alles ziemlich alberne Püppchen hier. Einzig Peter Jordans Gleb Tschumalow, Daschas Gatte und Kriegsheld, der bei der Heimkehr ein sich abwirtschaftendes Regime vorfindet, darf ein bisschen Würde spielen. Lange hält das nicht, erscheint er doch schnell als viel uninteressanter im Vergleich zu den putzigen Macht- und Ohnmachtkarikaturen.

Baumgarten akzentuiert Müllers mythologische Anspielungen, webt ein paar zusätzliche Texte ein, fokussiert auf die mythologischen Selbstopfer Prometheus, Odysseus und Medea sowie den mit sich selbst ringenden Müllerschen Herakles. Das soll dem Ganzen Universalität geben und trocknet das Farcenspiel doch nur weiter aus. Natürlich gibt es viel Videoeinsatz (jana Findek), reichlich Musik (Andrew Pekler) und eine ausgeklügelte Lichtregie. Und ja, es gibt intensive Momente, die meist den um ihre Identitäten als Revolutionär oder Mensch ringenden Gleb und Dascha gehören, Momente, die der Text Baumgartens Regie-Fleischwolf abtrotzt und in denen die existenzielle Verlorenheit von in der Ideologie gefangenen Menschen, die nicht Individuen sein sollen, schmerzvoll aufscheint – ein Abgrund, den der Regisseur ansonsten farbenfroh übermalt. Einen Abgrund in Form eines von Brettern überbrückten Grabens gibt es auf der Bühne übrigens auch. Baumgarten mag symbolische Bilder und er mag sie plakativ.

Zement  wird in der Hand Sebastian Baumgartens zur Materialschlacht, die in jeder Szene multiple parallele Erzählstränge nebeneinander setzt, die alle wenig Substanzielles zu sagen haben, die einander mehr aufheben, als sie sich verstärken, gegeneinander prallen oder zum mehrstimmigen Chor werden. Hier spricht nur eine Stimme und es ist die Lächerlichkeit, der Figuren, Geschichte, Thema preisgegeben werden. Da ist keine Utopie mehr zu verhandeln, sie ist so atemberaubend leer, dass der Zuschauer, der ein paarmal halbherzig den „Feind“ repräsentieren darf, nichts bekommt, worüber nachzudenken sich lohnen könnte. Da wird mit dem Gestern gleich das Heute mit ausgeschüttert, wird alles Eins und nicht wert sich damit weiter aufzuhalten. Und so brüllt man über zwei Stunden lang um einen Kern herum, der sich längst aus dem Staub gemacht hat. So mancher Zuschauer mag einen ähnlichen Drang verspüren, doch wenn das Gorki Premiere feiert, bleibt man. Das ist ja eigentlich auch ganz gut so.

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